Der Beginn

1

 

Es war dunkel. Nur den Atem der anderen spürend, warteten sie darauf, dass etwas geschah. Lange warteten sie, obwohl kein Gefühl für Zeit. Es geschah erstmal gar nichts. Dann, langsam, zunächst sich noch verbergend und nur ein Ahnen entstehen lassend, kroch das Licht in ihr Versteck. Genauso langsam erkannten sie, dass es eine Art großer Ball war, der ihnen seidig goldenes Licht schenkte. Umso mehr er emporstieg, umso mehr erkannten sie: Zunächst gewannen Berge an Gestalt, krochen mit ihren hohen Zacken, bewaldeten Hängen und schneebedeckten Gipfeln aus der Dunkelheit. Langsam stieg das Himmelslicht höher, zeigte ihnen groß gewachsene Bäume und Wälder, weite Wiesen mit Seen und Teichen und Flüsse sowie Bäche. Lang zogen sich diese wässernen Schneisen durch das Land, schienen kein Ende nehmen zu wollen. Bei diesem Anblick zeigte sich ihre erste Gefühlsregung. Sie waren erstaunt über diese Vielfalt, diese Weite, das Land an sich. Doch es war noch nicht zu Ende, das Himmelslicht stand noch nicht im Zenit. Erst als es am höchsten stand wurde ihnen bewusst, dass am Ende des Landes das Wasser herrschte. Große Wellen schlug es, brandete gegen Fels und auf Strand und spiegelte das Himmelslicht wieder. Sie tauschten Blicke aus, die ersten untereinander. So erkannten sie sich selbst. Fünf Wesen, doch keines glich dem anderen. Einer war ein alter Mann, mit langem Bart und geflochtenen Zöpfen darin. Das Gesicht spitz zu laufend, strahlte er die Weisheit selbst aus. Sein Haar war lang und ebenfalls geflochten, seine Haut faltig, aber seine Augen glitzerten wie die eines eben geborenen Kindes. Gekleidet war er in einen Kilt und Umhang aus Blättern, die sich sanft um seinen Körper legten. Zu seiner Rechten stand eine Frau, die nicht weniger eindrucksvoll aussah. Kurzes, graues Haar gesellte sich zu einer Stubbsnase und ebenso lebendigen Augen, wie die des Mannes. Ihr Gesicht war breiter, zeigte geringfügig Falten und war das einer gütigen älteren Frau. Als Kleidung trug sie eine lange Robe, ebenfalls aus Blättern und Stängeln gewunden. Die linke Seite des Mannes kleidete ein Kind, ihm gerade bis zur Hüfte reichend. Dünn war es, hatte ein ebenso dünnes Gesicht und ebenso dünne Hände. Doch lächelte es liebevoll in die Welt, schien sich am Erblühen dieser bald mehr noch zu freuen, als die anderen vier. Es trug ein Wams und einen Kilt aus Blättern, hatte braunes, gewelltes Haar, in das zaghaft, aber liebevoll, kleine Zöpfe geflochten waren. Hand in Hand stand es mit einer jungen Frau, die seine Schwester hätte sein können: Das gleiche Gesicht, die gleichen Haare, aber ohne Zöpfe darin. Doch war sie nicht derartig dünn sondern zeigte eine gute Figur. Auch sie trug eine Robe aus Blättern, sah darin stolz und würdevoll aus. Als letzter, und etwas abseits, befand sich ein junger Mann. Dunkle Augen blitzten unter dunklen Haaren hervor, eine Krausmähne wucherte regelrecht aus seinem Kopf. Der Rumpf muskulös war er nur in einen Kilt gekleidet, trug keinerlei Schmuck bei sich. Die Haut war hell und makellos , sein Gesicht zeigte keinerlei Regung. Als erster machte er sich davon, schritt den Pfad hinab, der auf dieses Plateau führte. Nacheinander folgten ihm die anderen vier. Als er am Fuße des Berges ankam, sah er sich umzingelt von Bäumen, stand mitten in einem Wald. So ging er hinein, ohne Furcht, und die Folgenden verloren ihn aus dem Blick. Aber auch sie machten sich daran auf eigene Faust den Wald zu erkunden, schritten jeder in eine andere Richtung.
Eine Weile lief er, staunte über die Bäume, Pflanzen und Blumen, die Größe der Blätter, die Farben der Blüten, die Form des Gewachsenen. Schließlich kam er an einen Bach und hockte sich an dessen Rand. Er sah hinein und erschrak: Jemand stierte ihm entgegen! Er wich zurück, sah sich um, doch konnte er niemanden entdecken. So wagte er sich ein zweites Mal daran in den Bach zu sehen. Wieder stierte ihm jemand entgegen, doch zeigte er diesmal keine Furcht. Zunächst bewegte er sich überhaupt nicht. Und auch sein Gegenüber tat nichts, so verging eine Menge an Zeit. Als er sich sicher fühlte, begann er seinen Kopf zu wenden, und auch die Person im Bach tat es, in genau derselben Weise wie er. Verärgert über diese Nachahmerei schlug er auf die Wasseroberfläche. Das Bild verwirbelte unter den Wellen, beruhigte sich nur langsam wieder. Er beobachtete es alles in Ruhe, lernte, sog das Geschehen in sich auf. Als das Bild wieder klar wurde, legte er sich einen Finger an die Wange. Das Bild im Wasser tat das gleiche. So beugte er sich herunter, sah es sich genauer an und begriff, dass er selbst es war, dem er da entgegen sah. Lange Zeit verbrachte er so, betrachtete sich selbst im Wasser, bis sich ein Ton leise in sein Ohr schlich. Zuerst leise wispernd, schwoll er an, bis er ihn nicht mehr überhören konnte. Etwas rief ihn, stoisch immer wieder den gleichen Satz sagend. Seinen Klang sog er in sich auf, auch wenn er keines der Worte verstehen konnte. Doch wusste er instinktiv dessen Bedeutung: Er sollte zurückkehren, sich neuen Dingen zuwenden. Diesem folgend stand er auf, sah sich erneut um und war erstaunt. Es flatterte und flog zwischen den Blättern umher, ihm vor das Gesicht und schnell wieder weiter. Kleine Wesen mit Flügeln und Fühlern, die sich auf Blättern und in Blüten nieder ließen, summten und brummten und die Luft mit Leben füllten. Staunend machte er sich auf den Weg zurück, konnte den Blick kaum von den flinken, kleinen Wesen ablenken. Oftmals war er kurz davor in einen Baum zu treten, sich den Kopf an Ästen zu stoßen oder sich mit den Füßen in Schlingpflanzen zu verheddern. Er erreichte wieder den Waldrand, erblickte den Pfad und begab sich wieder auf das Plateau.
Er war nicht allein. Die andern vier Wesen waren ebenfalls da, saßen auf Steinen und blickten sich gegenseitig an. Doch keiner sprach ein Wort vollkommen still war die Welt um sie herum. 

So setzte er sich auf den verbliebenen Stein, streckte die Beine aus und besah sich den Boden. Kleinere Steine lagen herum, eine dünne Staubschicht bedeckte das Plateau, das direkt aus dem Felsen entsprang. Vollkommen gerade war es, zeigte keine Rillen oder Löcher, neigte sich nicht, außer an der Stelle, an der der Weg begann. Eine Weile saßen sie so schweigend da, ließen sich vom Licht der Sonne berieseln und genossen die aufziehende Wärme, als sich kaum merklich etwas vor ihnen abspielte, inmitten ihres Kreises aus Steinsitzen. Langsam entstand etwas direkt vor ihnen. Es wuchs nicht aus dem Boden, wie es Pflanzen tun oder stieg nicht aus dem Schatten empor. Es war, als würde es sich gerade vor ihren Augen das erste mal zusammentun, sich das erste Mal in diese Welt setzen. Aus einen erst durchsichtigen Leuchten wurde mit der Zeit ein strahlender Glanz, der weiter anschwoll und schließlich sehr abrupt aufhörte. Sich vor den Strahlen schützen wollend hatten die fünf Wesen noch die Hände vor den Augen, sahen zunächst nicht was genau entstanden war. Zögerlich aber blickten sie auf und senkten die Hände, schauten auf ein sechstes Wesen, das in aller Pracht vor ihnen stand. Ein Wesen, weder Frau noch Mann, gehüllt in ein leuchtendes Gewand, geschmückt mit allerlei an Ketten, Ringen und Reifen, war es und als es anfing zu sprechen war seine Stimme nicht minder prachtvoll. „Ihr Kinder der Götter, ihr, die ersten Wesen dieser Welt, ihr sollt sie hüten. Bewacht sie, schützt sie, erhaltet sie. Soll kommen, was geschehe, doch ihr möget länger leben, als die Nachfolgenden. Möget ihr euch mit dieser Welt erhalten, sie lieben und schätzen lernen und sie auf euer Blut verteidigen, sollte es notwendig sein. Diese Aufgabe gebe ich euch, nicht mehr und nicht weniger. Fangt mit der euch gegeben Zeit an, was ihr mögt, solltet ihr nicht von dieser Aufgabe weichen.“ Mit jener Leichtigkeit, mit der dieses Wesen in ihr Leben eindrang, verschwand es auch wieder. Kurze Zeit nur saßen sie da, fassten ihre ersten Gedanken und Entschlüsse, bis schließlich der junge Mann aufstand und sich erneut als Erster auf den Weg machte. Wieder folgten ihm nacheinander die anderen, wieder gingen sie getrennte Wege. Im Wald begannen die Vögel zu zwitschern, die Rehe zu springen und die Bären ihren Honig zu suchen. Die Fische hielten Einzug in die Gewässer, die Fledermäuse erkundeten ihre Höhlen. So wurde das Land von Leben gefüllt, begann zu atmen, sich zu ernähren und zu wachsen.


Er schreckte hoch. Ungläubig blinzelnd blickte er sich um. Erst nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, wurde er des großen Schattens des Tieres neben sich bewusst, genauso wie der Umrisse der Höhle, die ihr Heim war. Seufzend sackte er wieder auf das Fell nieder, wischte sich den Schweiß von der Stirn. Immer öfter suchte ihn diese Erinnerung nun in den Nächten heim, nährte seine Träume, bis sie zu überrealen Empfindungen wurden. Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende war es nun her, dass er auf diesem Plateau gestanden hatte und das erste Mal Luft atmete. Die Erinnerungen daran waren so wach, so real wie die an sein gestriges Mittagessen. Kaninchen war es gewesen, Sheyla, seine mächtige Gefährtin, hatte es erjagt. Aber was brachte es ihm, die Nächte wach zu liegen und sich tags nicht einmal mehr auf seinen Instinkt verlassen zu können. So rollte er sich herum, zog seine dünne Wolldecke über sich und kuschelte sich an das katzenartige Wesen neben ihm und schloss die Augen. Leise lauschte er dem Atem Sheylas, bis ihn die Nacht erneut umfing und er in Träume, real wie die Wirklichkeit, hinabglitt.

 

2

Das nächste Erwachen war ein Nasses. Die warme, feuchte Zunge Sheylas zog sich ein zweites, dann auch noch ein drittes Mal durch sein Gesicht. Mit einem Knurren in der Kehle schob er das massige Tier beiseite, setzte sich auf und betrachtete die Welt um sich herum. Leon lebte in einer großen Höhle am Rand eines Berges, etwas erhöht. Wenn er hinaus trat konnte er über den Wald blicken, beinahe bis zum Meer. Der Wald lag in einem Tal, an drei Seiten umring von steinigen, aber wenig hohen Bergen. Außer im Winter, wenn der Schnee ohnehin bis an den Waldrand kroch, war dort nie etwas anderes als Stein zu sehen. Seine „Höhle“ stand ein bisschen vor, über einen Trampelpfad konnte man auf das Plateau darüber gelangen und wenn man den etwas steileren Abhang dahinter noch hinaufstieg stand man schon oben auf dem Berg. Durch diesen Teil der Hügelkette zog sich eine Art Behausung, wie sie selten war. Leon hatte das Glück gehabt sie als erster zu gefunden zu haben und noch nicht vertrieben worden zu sein. Den Eingang bildete eine Art großer Saal, an dessen hinterem Ende links und rechts zwei Gänge abgingen und zu weiteren Räumen führten. Nach links ging es zum Bassin, dass er sich dort gebaut harre. Auch schlief er im Winter in diesem Raum und machte Feuer. Den notwendigen Abzug dafür hatte er vor Jahren ein den Stein gehauen, Monate hatte es gedauert, aber es funktionierte. Einige Regale hatten ihren Platz dort gefunden. Denn auch, wenn er immernoch nur Kilt trug, sich am liebsten im Wald aufhielt und im Unterholz umherwanderte, besaß er einiges Kleinzeug und sogar Bücher. Zwar war Leon scheu, aber wusste auch, wo es gute Dinge zu holen gab: Ab und an kamen Anhänger anderer Völker durch den Wald. Wenn er sich vorsichtig anstellte und sie nicht überraschte, waren die meisten gut gesinnt und betrieben Tauschhandel mit ihm. Nachdem er von einem Händler einmal ein gutes Fell und Decken bekommen hatte, hatte Leon sich sogar ein Bett in die Kammer gebaut. Oft schlief er nicht darin, wenn dann nur im Winter. Er zog den Boden und die Nähe zu Sheyla einfach vor.
Ging man nicht am Ende des Saales nicht nach links, sondern nach rechts, kam man in seine Koch- und Vorratskammer.