Ainyael Schattenkralle

17.04.2014

 

Es war eine langsame und nervenraubende Hetzjagd. Seitdem im Morgen der Hirschbock in die Falle gegangen war, waren die beiden Elfen unterwegs gewesen. Es war eine Auslösefalle gewesen, die zwei dünne, vergiftete Nadeln verschoss. Mit ihr wollte Ainyael eine seiner neuesten Kreationen testen und ihre Tauglichkeit für die Jagd prüfen. Ithedilyen sah zu seinem Gefährten herüber. Nach einem halben Tag Dauerlauf war er sichtlich erschöpft, begann langsam zu hinken. Ein Zeichen dafür, dass seine alten Verletzungen, obwohl äußerlich bis auf Narben verheilt, ihm immernoch zusetzten. er hoffte, dass das Tier bald erlag oder Ainyael sein Gift für untauglich befand. Umso länger die Situation anhielt, umso größer war die Wahrscheinlichket, dass Ithedilyen seinen Gefährten heim tragen würde müssen.

 

Neben ihm stieß Ainyael einen leisen Pfiff aus. Einen Moment später war er bereits über einen Baumstamm gesprungen und sicher auf dessen anderer Seite gelandet. Ithedilyen umrundete den Stamm, warf einen kurzen Blick auf den Boden zu Ains Füßen, der bereits weiter sprang. Zu des Elfen Erleichterung war er relativ weich gewesen, was eine geringere Belastung des Körpers bedeutete. Er folgte Ainyael nach, dessen Hinken langsam nicht mehr zu verbergen war.

 

Plötzlich hielt Ainyael abrupt an. Ithedilyen, noch in sorgenvollen Gedanken, stolperte fast in dessen Rücken und keuchte aus. "Was ist?", tuschelte er leise. Ainyael stand wie angewurzelt, rührte sich keinen Millimeter. Ithedilyen sah sich um, konnte aber nichts entdecken. Irritiert hob er eine Braue. Erneut plötzlich ging Ain in die Hocke, dann überwallte eine magische Welle die beiden Männer. Vollkommen überrascht schlug Ithedilyen die Magie in den Nacken, hinterließ dort mit voller Macht pures Unwohlsein und ließ den Elfen rückwärts taumeln.

 

So schnell sie kam, so schnell war die Magie vergangen. Ithedilyen brauchte einen moment, um zu sich zu kommen. Er schüttelte sich kurz, dann sah er zu Ainyael. Doch dort, wo sein Gefährte in die Hocke gegangen war, fand er ihn nicht mehr. Sofort stieg Panik in ihm auf, schnell ließ er den Blick wandern und fuhr abrupt herum, als er eine Hand an seiner Schulter spürte. Der Umhang, der ihn stets zur Gänze verhüllte, folgte seiner Bewegung noch, als er shcon beruhigt ausseufzte. Ainyael blinzelte ihn fragend an.

"So schnell warst du selten," gestand Ithedilyen. Er musterte das Gesich des Blinden eingehend, denn aus irgendeinem Grund war etwas seltsam an ihm geworden. Was es war, war dem Elfen noch nicht klar. Ainyaels Stirn war kraus gezogen, beunruhigt, vielleicht auch leicht panisch, stierte sein leerer Blick Ithedilyen entgegen. Der Blinde nickte kaum merklich.

"Gehen wir heim."

Seine Stimme klang eindringlich. Dennoch konnte der Jäger den Sinneswandel seines Gefährten nicht nachvollziehen.

"Der Hirsch ist mit Sicherheit ebenso umgeworfen worden. Er ist erschöpft und setzt sicher nicht - "

Abrupt wandte Ainyael sich um und ging. Irritert stutze Ithedilyen, folgte ihm nach einem kurzen, musternden Blick über die Schulter.

 

 

17.08.2013

 

Ich schüttelte mich. Es war fast schon ätzend kalt. Dieses Klima würde das letzte sein, an das ich mich gewöhnen würde. Neben mir erlosch das Geräusch von Schritten, machte einem Rascheln von Stoff Platz. „Gehen wir weiter.“ Ich schüttelte den Kopf. „Mir ist kalt.“ Eine kurze Pause folgte, in der ich das Gefühl hatte, Ithedilyen würde mich anlächeln. Tatsächlich vernahm ich in seinen folgenden Worten einen amüsierten Unterton. „Du bist eben ein Waldkind. Komm, weiter. Du bist dick genug angezogen, um nicht allzu schnell auszukühlen.“ Doch ich stockte noch immer. Unwillkürlich dachte ich an Lina, mein Mädchen, das jetzt im Tempel war. Sie war zwar gut aufgehoben bei den Priesterinnen, aber es war das erste Mal, dass wir derart lang getrennt waren. Was tat sie? Wie ging es ihr? Vermisste sie mich? Ithedilyens Hand lag auf einmal auf meiner Schulter. Ich spürte, wie er sich zu mir lehnte. Sein Atem strich über meine Wange, als er sprach. „Sie kommt klar. Bewahre dir einen kühlen Kopf, bleib berechnend und du wirst sie bald wieder haben.“ Ich nickte, holte Luft und machte einen Schritt vor.

 

Zwei Wochen waren wir jetzt in Winterquell unterwegs. Eigentlich waren wir zu fünft. Allerdings waren Zìn und Sho seit Tagen wie verschollen. Und Bruder Dunkelkralle folgte seinen eigenen Wegen. Ithedilyen verließ meine Seite nicht, wusste er wohl, dass ich ohne ihn und seine Orientierung hier aufgebracht bis verloren wäre. Er ging vor mir, stapfte Spuren in den Schnee, damit ich es leichter hatte. Und ich war im unendlich dankbar dafür. Wir hatten die Goblinsiedlung verlassen, um mir das Überleben im Schnee nahe zu bringen. Zeltbau ging mir leicht von der Hand, aber Jagd und Wegfindung hier waren vollkommen unmöglich für mich. Wir wanderten ohne Ziel einfach umher, hatten nebst Hunger und Durst bereits zwei Schneestürme überstanden. Und auch jetzt fing langsam an sich der Luftdruck zu ändern. Auch heute würde es eine unruhige Ruhephase werden. Von der Umgebung bekam ich so gut wie nichts mit. Nicht einmal das Pfeifen half mir hier im Schnee weiter, da der Ton verschluckt wurde, bevor er sinnvoll etwas treffen konnte. Hier war ich wirklich blind. Der einzige Eindruck, den ich seit Tagen unverändert von dieser Landschaft entgegen geschmettert bekam, war Kälte. Es war bitterkalt. Wie konnten hier nur Leute gerne leben?

 

Ithedilyens Schritte vor mir erstarben wieder. Sofort stoppte auch ich. Ich vernahm weitere Schritte, allerdings in einem Vierertakt. Ich spitzte die Ohren, musste mir aber sofort eingestehen, dass ich ohnehin nicht mehr als das wahrnehmen können würde. „Senki.“, meinte Ithe erklärend vor mir. Ich nickte, hob dann aber fragend eine Braue. „Was will er denn?“ Wieder schien er zu Schmunzeln. „Er hat ein interessantes Gelände hier aufgespürt. Vor uns sind einige gekippte Baumstämme. Vermutlich vom Wind vorgestern.“ - „Ah... und.. was ist daran interessant?“ Ich seufzte, schlang mir die Arme um den Körper. Ein leichtes Zittern setzte ein. „Bringen wir dich auf Touren und über den Schnee. Ausgleichende Gerechtigkeit.“ Er wandte sich zu mir herum, dann spürte ich seine Arme in den Kniekehlen und um die Schultern. Überrascht hielt ich mich an ihm fest. „Ouh!“ Wieder schien er amüsiert. „Ich setze dich auf dem ersten Stumpf ab. Dann mach dir einen Überblick.“

 

Vorsichtig ließ er mich herunter. Mit den Füßen tastete ich den Stumpf ab, aber er war gerade groß genug für mich Platz zu bieten. Mit gerunzelter Stirn stieß ich einen Pfiff aus und wartete einen Moment. Ein verwaschenes Bild kam wieder zu mir zurück. Ein relativ großes Areal war schneebedeckt, allerdings von härteren, verschiedenartig geformten Plattformen durchzogen. Das mussten jene Baumstämme sein, die er gemeint hatte. Seine Silhouette war gerade dabei, selbst auf einen der Stämme zu klettern. Nun schmunzelte ich und erwartete seinen ersten Angriff. Ab und an kamen ihm diese Ideen, in denen er mich neuen Erfahrungen aussetzte. In jenen Momenten spürte man die viertausend Jahre, die er älter war.

 

Den Gedanken konnte ich nicht einmal mehr zu Ende denken, da erklang bereits sein Pfiff. Er kündigte an, wann er zum ersten Angriff ansetzte, danach war ich stets auf mich gestellt. Ein Schritt nach links und ich hatte den Stamm gewechselt, stieß einen Pfiff in seine Richtung aus. Ich realisierte, dass er bereits sehr nahe war, vielleicht noch zwei Meter. Ein Schwung, eine Drehung, ein Schritt, ich war wieder einen Baumstamm weiter. Ithedilyen gab keinen Laut von sich. Nur das leise Rascheln seiner Kleidung gab ab und an wieder, wo er war, ohne dass ich pfeifen musste. Simpel übernahm er so die Führung, trieb mich auf den Baumstümpfen umher. Minutenlang suchte ich einen Stamm nach dem anderen mit den Füßen. Sie waren glatt, ließen mich immer wieder straucheln. Binnen weniger Schritte lag meine volle Aufmerksamkeit auf meinen Füßen und meinem Verfolger im Nacken. Links, rechts, vorwärts und eine Drehung. Weiter, kein Weg nach vorn, rechts. Schneller und schneller sprang ich von einem Stamm zum nächsten, Ithedilyen stets direkt hinter mir. So dauerte es nicht lang, bis ich sämtliche Stämme angegangen war und mir ein Bild im Gedächtnis kartographiert hatte.

 

Mit einem weiten Satz ließ ich ihn schließlich hinter mir, machte kehrt und setzte wieder auf ihn zu. Ohne auch nur die Chance gehabt zu haben, ihn zu berühren, von einem Treffer mal ganz abgesehen, war er ebenso flink fort gesprungen. Ich wechselte den Stamm. In der Bewegung hatte ich die größten Chancen überhaupt etwas zu bewirken. Er war vielleicht langsamer als ich, brachte aber eine erheblich größere Kampferfahrung mit sich, die er stets geschickt gegen mich zu verwenden wusste. Einen Moment strauchelte ich, rutschte auf dem Eis überzogenen Stamm mit einem Fuß weg. Innerlich wusste ich bereits, was gleich geschehen würde.

 

Noch während ich meinen Stand zu stabilisieren suchte, hörte ich links von mir das Rascheln von Stoff. Leichte Panik stieg in mir auf, erwartete ich doch einen Schlag im Oberkörperbereich. Doch er war heute gnädig zu mir, wechselte auf die rechte Seite und verschaffte mir so einen Moment, in dem ich mich mitteln und in die Hocke gehen konnte. Sein Angriff verlief ins Leere, wie ich an dem Luftzug direkt über meinem Kopf spüren konnte. Ein Hechtsprung nach vorn brachte mich aus seiner Reichweite, vorerst. Hart kamen meine Hände auf dem vereisten Holz auf, ließ Schmerz durch die Finger laufen. Dennoch brachte ich es zustande, den Schwung zu nutzen, einen Überschlag hinzubekommen und halbwegs sicher einen Stamm weiter wieder mit den Füßen aufzukommen und gerade zu stehen. Tief holte ich Luft, wurde ich mir doch gerade bewusst, dass diese Leistung eben selbst für einen Kaldorei eine sehr große gewesen war. Auch Ithedilyen schien kurz irritiert. Ich blieb stumm, schüttelte den Kopf und setzte zum Gegenangriff an.

 

Ich nahm den Stumpf links von mir, dann den geradezu und befand mich nun auf seiner Höhe. Weiter ging es nach rechts, er folgte mir. Ich deutete einen Schritt an, der mich geradewegs von ihm fortgebracht hätte, nahm dann aber den Stamm rechts davon. Minimal nachdem ich den Stamm frei machte, landete er bereits. Und kurz darauf hatte er bereits meine Schulter an seinem Oberkörper. Mit voller Wucht war ich ihn angesprungen, hoffte nun, dass er rutschen würde. Er rutschte auch. Nur eben nicht allein.

 

Ithedilyen stieß einen überraschten Laut aus. Noch bevor ich reagieren konnte, hatte er einen Arm um mich geschlungen und sich in Richtung des Bodens ausgedreht. So nahm er uns beide vom Stamm herunter. Ein dumpfer, aber lauter Aufprall folgte, Schnee stob auf und begrub uns unter sich. Schwer atmend blieb ich auf ihm liegen, fühlte das rasche Heben und Senken seines Brustkorbes. In jeder anderen Situation hätte man diese Position als erotisch bestimmen können. Doch nur allzu schnell wurde ich mir wieder bewusst, wie kalt Schnee war. Zu kalt. Ich richtete mich schnell auf, kam auf die Beine und schlang wieder die Arme um mich. Nach einem Schritt beiseite, hörte ich wieder Kleiderrascheln, demnach musste auch Ithedilyen aufgestanden sein. Er klopfte seine Kleidung ab, während er sprach. „Ich wusste zwar, dass du gelenkig bist, aber das war... überraschend.“ Ich gluckste in seine Richtung. „Tja, ab und an lernst du eben auch was von mir!“ Doch meine scherzhafte Provokation lief spontan ins Leere. „Nicht nur ab und an.“, war seine ruhige und ernste Antwort. Wieder hatte er mich sprachlos gemacht.Er ging ein paar Schritte auf mich zu, legte eine Hand auf meine Schulter, damit ich wusste, wo er war. „Gehen wir einen Lagerplatz suchen.“ Und damit drehte er mich bereits weg, lief vor und stapfte mir Fußabdrücke in den Schnee vor.

 

Zitternd folgte ich ihm. Aus den ersten Schritten wurden Minuten, dann Stunden. Schließlich schien er einen geeigneten Platz erreicht zu haben. Wie stets wies er mich an bei diesem und jenem zu helfen, während er Zelt und Feuerstelle aufbaute. Als er daran ging das Kaninchen, das Senki jeden Tag für uns zu jagen pflegte, zu braten, setzte ich mich möglichst nah ans Feuer und versuchte krampfhaft wärmer zu werden. Ich musste dabei konzentriert aussehen, da er leise, aber in ernstem Ton, mit mir sprach. „Bao und Tsu werden schon wiederkommen.“ Etwas überrascht hob ich die Brauen. „Das... war es nicht... mit ist kalt.“, nuschelte ich leise. Er schnaufte kurz amüsiert, kam näher und ließ mich unter seinen Umhang kriechen. Er war von innen weich gefüttert. Jede Nacht verbrachte ich hier, damit ich wenigstens ein wenig warm wurde. Und insgeheim war ich neidisch auf diesen Umhang. Er war weich, warm und roch nach ihm. Sachte strich er mir durchs Haar. „Nicht mehr lange. Bald gibt es Essen.“ Ich nickte. Trotz der Ruhe, die mich nun eigentlich ergreifen sollte, hallten seine Worte in mir nach. Bao und Tsu.

 

Beim ersten Üben des bevorstehenden Einsatzes, waren die beiden rücksichtslos vorgegangen. Wir waren ein Team, sollten es zumindest sein. Doch keine von beiden hatte sich bereit gezeigt, eine Absprache überhaupt zu halten. So konnte auch keine eingehalten werden. Und demnach waren es auch nur diese beiden, die reagiert hatten. Sie hatten zwar den Kampf „gewonnen“. Doch das hier war nur eine Übung. In einem Kampf gegen mehrere der Todesritter würden sie mit einer solchen Haltung nicht lebend herauskommen. Genauso wenig wie Ithedilyen und ich, wo wir den beiden doch eigentlich nur helfen wollten. Nun aber schien es mir, als wollten sie diese überhaupt nicht. Nicht nur, dass sie sich derart rücksichtslos verhalten hatten, sie waren danach auch noch spurlos verschwunden.

 

Leise seufzte ich aus, lehnte mich an ihn und streckte die Beine ein wenig aus. „Wir sollten nach Darnassus zurück.“ Das Streichen seiner Hand stockte kurz, bevor er sprach. „Warum?“ Wieder seufzte ich. Diese Entwicklung war für mich vollkommen unbefriedigend. Vor allem jetzt, da ich eigentlich dachte, ich hätte Bao klargemacht, dass es sich hierbei um einen Freundschaftsdienst handelte. „Sie brauchen uns nicht. Mir ist kalt und ich vermisse Lina. Langsam weiß ich nicht mehr, warum ich hier bin.“ Eine Zeit des Schweigens folgte, dann nickte er. „Morgen gehen wir zurück.“ Das liebte ich an ihm. Er bemerkte, was ich brauchte und unterstützte mich einfach dabei. Und dennoch: Einerseits hüpfte mein Herz vor Freude, aufgrund der Aussicht mein Mädchen wiederzusehen. Andererseits schmerzte es mich, da es hieß eine Freundschaft wieder abzubauen und in eine simple Arbeitsbeziehung zurück zu wandeln. Ich hoffte, Bao würde mich verstehen. Irgendwie.

08.04.2013

 

Scheinbar still und ruhig beschien das Sonnenlicht die Stadt. Sie lag versteckt unter Blätterdach, wurde so in helles Grün getaucht. Kaum einer ihrer Bewohner war wach, denn es war hellichter Tag. Die meisten schliefen zu dieser Zeit und erwachten erst, als das Mondlicht im Zusammenspiel mit Blüten, Blättern und Architektur einen violetten Schimmer aufsteigen ließ.

Auch in einem der Häuser der Händlerterasse schliefen die Bewohner noch. Es war ein seltsames Bild. Einer von ihnen lag zusammengekauert im Bett, wie es sich gehörte. Ein weiterer, ein kleines Mädchen, lag in ihrem Bettchen. Ihre Brust hob und senkte sich in langsamen Zügen, sie schien ruhig und selig zu schlafen. Der letzte Bewohner saß, an eine der äußeren Wände gelehnt. Sein Oberkörper war nach vornüber gesackt, das Kinn auf der Brust. So schien auch er zu schlafen und sich an dieser ungewöhnlichen Position nicht zu stören. Wer sich aber störte, war jener im Bett. Er wandte sich hin und her, kauerte sich zusammen, krümmte sich und wimmerte. Minute um Minute wurde das Wimmern lauter, bis es zu einem Klagen wurde. Der Sitzende öffnete die Augen und setzte sich auf, beobachtete den Schlafenden eine Weile. Als sich auch Tränen auf dessen Gesicht zu sammeln begannen, stand er auf und ging leisen Schrittes herüber.

Ithedilyen zog die Stirn in leichte Falten. Sollte er ihn wecken? Er wusste, dass Ainyael viel durchgemacht hatte, das ihn nun heimsuchte. Aber er wusste auch, dass Ainyael seine Anwesenheit ablehnte, war sie zu nah. Er wagte einen Blick zu dem schlafenden Mädchen, dann ließ er sich vorsichtig am Bettrand nieder. Er beobachtete den kleineren Mann ein paar Sekunden, in denen Ithedilyen von einem Schwall seichten Glückes gepackt wurde. Er lächelte. Es war dieser Schwall, der ihn sich über Ainyael beugen, und sich den Mann genauer betrachten ließ. Er zuckte zurück, als der Schlafende instinktiv einen Arm in seine Richtung hob. Schmunzelnd fing er ihn ab, legte sacht die Hand um den von Narben gezeichneten Arm. Das helle Licht brach sich in den Tränen und deren Laufbahnen auf Ainyaels Wangen. Sorgsam strich Ithedilyen mit der Hand darüber. Dem darauffolgenden Aufseufzen des anderen entnahm er, dass jener am Aufwachen war.

Mit einem Ruck hatte sich Ainyael aufgesetzt. Instinktiv war Ithedilyen zurückgezuckt. Er blickte in das weinende Gesicht des Elfen, das halb von durchwühltem Haar war und ließ dessen Arm los. Ainyael blinzelte die Tränen aus den Augenwinkeln, dann ließ er leise seine Stimme hören. "Bruder Mondflüstern... seid Ihr das?" Er war unsicher, das sagten Ithedilyen sowohl Stimme, als auch die hochgezogenen Brauen und die Körpersprache. "Shesh. Ja. Bleib ruhig, Lina schläft." Mit diesen Worten schlang er die Arme um den schlankeren Körper und drückte ihn an sich. Zu seiner Überraschung erhielt er keine Gegenwehr, eher im Gegenteil. Ainyael erwiderte die Umarmung, bald schon überraschend fest. Die Finger vergrub er in Ithedilyens Haar, das Gesicht an dessen Schulter. Der Atem ging stockend über seine Lippen. Weinte er etwa?

Ithedilyen versuchte etwas Abstand zwischen sich und den anderen Mann zu bringen. Sollte es Tränen geben, hätte er sich ihrer angenommen. Aber er kam gar nicht erst dazu. Ainyael vergrub das Gesicht an seiner Brust, umklammerte ihn fest und begann obendrein noch zu Wimmern. Zwar war es nun mehr als deutlich, dass er weinte, doch bewegen konnte sich so keiner von beiden. Es dauerte lange Zeit, bis Ithedilyen die Freiheit bekam, die Hände fürsorglich über seinen Rücken streichen zu lassen. Und es dauerte noch länger, bis Ainyael sich wieder gefangen hatte und von ihm abließ. Er faltete die Hände im Schoß zusammen und saß, einem Häufchen Elend gleich, auf dem Bett.

„Möchtest Du darüber reden?“, fragte er vorsichtig. Wie erwartet schwieg Ainyael erst einmal. Doch dann nickte er langsam. Seine dünne, vom Weinen brüchige Stimme erklang leise. „Ich träume von... Kath'ranis... von seinem Geflüster, von seinem leisen Lachen an meinem Ohr. Und von der Klinge, die er Strich um Strich über meine Haut zog...“ Mit leicht zuckenden Ohren lauschte Ithedilyen. War es so weit? Vertraute sich Ainyael ihm endlich an? War der Moment gekommen, den er sich seit einigen Wochen nun herbeisehnte? Er schwieg, hörte weiter zu. „.. und von Thanris...“ Er sprach nun leiser, scheinbar ging ihm dies hier näher. „Ich... er war so... ich denke, er hat sich Mühe gegeben... aber er hat's nicht getan... er hat mich nicht geliebt... er hat mich hintergegangen damit... mich einfach... allein gelassen.“

 

Ithedilyen konnte nicht anders, als zu Schmunzeln. Es war der ersehnte Moment. Und es schien, als habe er mit seiner Einschätzung Ainyaels völlig richtig gelegen. Erleichtert strich er vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht des anderen und schwieg. Ainyael hob ihm das Gesicht entgegen. Man hätte schwören können, dass er ihn direkt ansah. Doch Ithedilyen erkannte, dass der Blinde noch immer nicht seinen Körper einschätzen konnte. Ainyael sah auf sein Kinn, als er leise weitersprach. „Und Ihr werdet auch gehen. Also tut es jetzt. Ich komme klar!“ Zuerst noch vorwurfsvoll, war der letzte Satz schon aus Wut gesprochen. „Sicher kommst du klar. Ich bin nicht hier, weil du ein Problem haben könntest.“

Ainyael hob die Brauen irritiert an. Warum war er dann hier? Was wollte er von ihm? Er wurde aus diesem Mann nicht schlau. Das Schlimmste an der aktuellen Situation aber war, dass er Tag für Tag spürte, wie instinktiv sein Vertrauen für ihn wuchs. Und ihm war hochgradig unbehaglich dabei. Er spürte Ithedilyens Hand an seiner Wange, die vorsichtige Berührung seiner Finger. Was auch immer dieser Elf vorhatte, es würde nicht funktionieren! „Warum, bei Elune, denn dann? Ihr habt absolut keinen Grund! Seit Wochen lauft Ihr mir nach, spioniert mich aus! Ihr erdreistet Euch sogar, Euch um mein Kind zu kümmern!“

Ainyael war, für seine Verhältnisse, unnatürlich laut geworden. Ithedilyens Ohren zuckten, Lina gab ein lautes Schnarchen von sich. Wie jedes Mal, wenn sie kurz vorm Aufwachen war. Es war diese Sturheit und Naivität, Ainyaels Leichtsinn und Leichtigkeit, sein Frohsinn, die ihn anzogen. Aber es schien nicht so, dass er diese Wahrheit bereits vertragen würde. Zu Ithedilyens Überraschung wehrte er sich allerdings auch nicht gegen seine Zuneigung. „Ich erdreiste mich sogar, dich beim Schlafen anzusehen. Tag für Tag. Und ich erdreiste mich auch, dich gern anzusehen.“ Mit den letzten, leise geflüsterten Worten beugte er sich leicht zu Ainyael vor. Es war eine instinktive Bewegung. Diesmal war es der andere, dessen Ohren zuckten. Er legte den Kopf leicht in den Nacken, wich seiner Bewegung so aus. Die Hände hob er aus seinem Schoß an Ithedilyens Brust. Wieder war da diese Unsicherheit.

„Selbst wenn Ihr nicht lügt, Ihr werdet irgendwann gehen.“ Ithedilyen war in seiner Bewegung gestoppt, als er Ainyaels Hände wahrgenommen hatte. Der Blinde hatte jedoch leise Worte benutzt. Mehr als klar sprach das gebrochen Herz aus ihm. Er würde so noch eine lange Weile verharren müssen. „Ich warte auf dich, Ainyael. Und darauf, dass du mich so bindest, wie du dich sicher fühlst.“ Mit diesen Worten hatte er die Hände von ihm genommen und war aufgestanden. Ainyaels Gesicht war seiner Bewegung gefolgt. Er war wieder dem Weinen nahe und es zerbrach Ithedilyen das Herz, ihn so ansehen zu müssen. Doch hier mussten sie beide durch.

Er senkte langsam den Kopf und nickte. Auch wenn Ainyael noch immer zweifelte, hatten diese Worte Hoffnung entfacht. Er hörte die leisen Schritte des anderen, als er sich aus dem Zimmer entfernte, den Holzboden verließ und begann auf Gras zu gehen. Ainyael hatte ein ungutes Gefühl im Magen. Und gleichzeitig war er... glücklich. Er hatte die Worte gehört, die er sich schon immer gewünscht hatte.

08.04.2013


Zwei Tage nun war es her, dass ich diesen Elfen das erste Mal gesprochen hatte. Zwei Tage. Und irgendwie kam ich mir vollends überwacht vor. Egal, wohin ich ging, sein Geruch lag vor mir auf dem Weg oder ströhmte mich von hinten her an. Ob es auf dem Weg zum Tempel war, um Lina betreuen zu lassen, oder auf dem Weg zur Enklave, um Neuigkeiten auszuhorchen. Kein Weg war unbewacht. Und so langsam fing es an, mich zu nerven. So etwas hatte ich schon einmal. So etwas wollte ich nicht wieder.

In der Enklave hatte mich ein anderer Späher kurz beiseite genommen. Er hatte mir von diesem 'Ithedilyen Mondflüstern' erzählt. Ein Mann, der sich hinter einem Umhang und einem hohen Kragen, einer Maske gleich, verbarg. Er sprach nicht viel, beobachtete nur. Es schien, als seien seine Augen überall, würde er alles aufnehmen. Und vorallen Dingen: Man wusste nicht, wer er war. Und wohin er mit seinen gewonnen Informationen ging. Eine Person, von der ich eigentlich mehr als nur einigen Abstand halten wollte. Zudem gab es keinen Grund, der mir einfallen wollte, warum er gerade in meiner Umgebung Dauergast war. Es gab nichts wirklich Interessantes, was ich preisgeben konnte. Oder unter einer solchen Bewachung würde.

Obwohl er hatte plaudern wollen, hatte er diese beiden Tage kein Wort mit mir gesprochen. So war ich zu Calyon gegangen, er hatte mit mir reden wollen. Ich hatte einen Moment genutzt, in dem mich dieser Elf mal allein gelassen hatte. Aber ironischerweise fand ich ihn an Calyons Seite, als ich eintraf. Ich würde ihn nicht los werden. Dafür erzählte er beunruhigende Dinge. Von Vorfällen an der Dunkelküste, seltsamen toten Tieren. Ich sollte sie untersuchen und meine Meinung dazu kund tun. Und so war ich mich aus meiner Robe pellen und Rüstung anlegen gegangen. Wieder wurde ich beobachtet.

Nun lauschte ich den leisen Bewegungen dieser Jägerin. Sie war uns über den Weg gelaufen, als Ithedilyen mir die Leichen zeigen wollte. Jägerin Nachtweise, so hatte sie sich vorgestellt. Calyon habe sie zum Militär geschickt gehabt. Gut möglich, wenn es kurz vor unserem langen Einsatz gewesen war. So verzögerten sich Dinge eben. Jetzt aber war sie hier und ein Augenpaar mehr mitzunehmen, war eine gute Idee gewesen. So war sie es gewesen, die die Körperfunde untersucht und meine Fragen beantwortet hatte. Sie schien eine fähige Späherin. Genau so, wie sie sich beschrieben hatte. Ich war gespannt, was ich von ihrer Bogenkunst erwarten konnte.

Bruder Mondflüstern hatte die Jägerin über einen Berg geschickt. Dort würde sie den letzten Leichnam entdecken. Ich hörte, wie er sich zu mir wandte und vernahm seine gedämpfte Stimme. "Kommt, ich bringe Euch zu Lina." Er klang ruhig und dennoch begann Unruhe in mir zu schwelen. Er war gut, er hatte ihren Namen herausbekommen, obwohl ich tunlichst vermieden hatte, ihn zu nennen. Ich nickte, er nahm mich, wie selbstverständlich, an der Hand. Als ob er nie etwas anderes getan hatte, führte er mich durch den Wald, sichere Pfade. Es war erstaunlich und schien völlig normal für ihn zu sein. Noch während ich mich über die Tatsache freute, wieder jemanden gefunden zu haben, der für mich Augen sein könnte, setzte sich ein Kloß in meinen Hals. Das letzte Mal, dass jemand diese Aufgabe für mich derart perfekt ausgefüllt hatte, war es Kath'ranis gewesen.

 

24.03.2013

 

Mit einem leisen Seufzen stellte er den Becher neben sich auf der Brüstung ab. Man merkte dem Druiden Dunkelkralle seine Unerfahrenheit und schlechten Erfahrungen durchaus an. Ainyael hob das schlafende Kind in seinem Schoß langsam an und legte es sich an die Schulter. Was dachte er, würde an einem solchen Ausflug passieren? Kirschkuchen essen und Tee trinken? Bemüht langsam erhob er sich, brachte das Kind zu seinem Bett. Vorsichtig legte er es auf dem großen Kissen ab, strich über das violett gelockte Haar. Ein leises, ruhiges Aufseufzen entfleuchte dem Kind und ließ den Elfen schmunzeln. Sie konnten sich alle glücklich schätzen, immerhin waren sie heim gekehrt. Reyvarion selbst war totgeglaubt worden. Calyon und diese Schwester Motte ebenso. Aber letztlich waren, bis auf Sho, alle unversehrt und lediglich mitgenommen heim gekehrt. Eine Tatsache, die Ainyael erhofft, aber nicht für sich erwartet hatte. Seine Tochter nun in seinem Bett liegen zu haben war für ihn größeres Glück, als die kleine Gruppe sicher wieder in Darnassus zu wissen, egal wie selbstsüchtig das war. Liebevoll schmunzelnd ließ er sich auf der Bettkante nieder. Das Streichen des kleinen Kinderkopfes dauerte an.

Draußen vor dem Haus verlagerte der Elf das Gewicht vom linken auf das rechte Bein. Das Bild, dass dieses Rotauge ihm gefertigt hatte, kam nicht ansatzweise an die Realität heran, auch wenn es enorm gut gezeichnet war. Er hatte den Blinden auf Anhieb erkannt, aber es fing nicht ein, was er sah. Es hatte nicht einfangen können, welche Intensität das Licht, das sich auf seinem Haar widerspiegelte annahm. Es hatte nicht einfangen können, welche Ausstrahlung durch fröhliches Lachen und ernstem Thema ausgelöst wurde. Es hatte den Eindruck nicht einfangen können, der einen erhaschte, wenn man sah, wie liebevoll und zärtlich dieser Mann mit seinem Kind umzugehen vermochte. Ithedilyens Blick lag fest auf ihm, sein Fokus starr gerichtet auf die Handlung, die vor ihm lag. Kein Ton der Umgebung entging ihm, keine Regung. Und doch sah er nur diesen Mann, der das Mädchen behutsam seiner Kleidung entledigte und ihm das Nachthemd überzog. Ainyael erhob sich, legte das violett gelockte Mädchen vorsichtig in das Kinderbett. Ithedilyen beobachtete, wie er so eine Weile stand, die Hand auf des Kindes Brust gelegt und aufmerksam dessen Schlaf aufnehmend. Das schien seine Art zu sein, sie im Schlaf zu beobachten. Und es war Ithedilyens Art still zu stehen, zu beobachten. Er spürte, dass dieser Moment, intim wie er war, etwas war, das selten jemand zu Gesicht bekam. Und etwas, das selten jemand zu schätzen wusste. Geborgenheit und Frieden lagen in diesen simplen, kleinen Handlungen. Dinge, dir er vermisste und sich selbst intensiv wünschte.

Plötzlich brach die Szenerie ab. Ainyael wandte sich herum. Der blinde Blick, verborgen hinter der Augenbinde, fixierte Ithedilyen erstaunlich fest und treffsicher. Fast schon meinte er, dass er von ihm durchdrungen wurde, er regelrecht gelesen wurde. Der Blinde kam langsamen Schrittes auf ihn zu. "Ihr steht schon lange Zeit hier und seht zu. Was wollt Ihr, Bruder?" Die Stimme war hell und angenehm, dennoch ernst und fest im Ton. Das Mondlicht brach sich auf dem helltürkisen Haar des Mannes und zeigten nur zu deutlich, dass sen Auftrag aufreibend gewesen war. Matt glänzte es, zeigte deutlich die Strähnigkeit des Haares. Ein ähnliches Bild ergab sich auf der Haut Ainyaels. Auch sie war matt, ausgedörrt. Ein Zeichen einer anstrengenden Reise. So schwieg Ithedilyen eine Weile, suchte alle erdenklichen Informationen aus dem Auftritt seines Gegenübers zu lesen, bevor er ihm antwortete. Die Stimme wurde von dem hohen Kragen, der die untere Gesichtshälfte des Mannes verbarg, gedämpft. "Lediglich plaudern."

 

Ainyael hob beide Brauen an. Plaudern? Hatte er jetzt Lust dazu? Er hatte nun schon einige Stunden der Plauderei hinter sich und selbst als die Quasselstrippe, als die er galt, war es irgendwann genug. Er seufzte aus. "Kommt morgen zum Plaudern wieder. Wir sind heute erst heimgekehrt, ich bin müde und erschöpft." Beim Reden wandte er den Blick nach unten und schaffte es tatsächlich erschöpft auszusehen. Ithedilyen sah ihm nur zu gern zu. Ainyael konnte seine Emotion nicht wirklich verbergen. "Ich sehe es. Kann ich Euch behilflich sein?" Dem Mann machte es durchaus Spaß mit anzusehen, wie Ainyael irritiert eine Braue hob und ihn wiederum mit dem blinden Blick fixierte. "Ouhm... Ich.. naja, nicht wirklich. Verzeiht." Ein leises Lachen konnte er nicht unterdrücken. Aber dieses Lachen ließ Ainyaels irritierte Braue noch ein Stück höher wandern. Als der kleine Elf erneut sprach, faltete er, einer Priesterin gleich, die Hände vorm Körper, als wolle er sich an der blauen Robe festhalten. "Ich bin Euch doch nicht zu nahe getreten?" Das Lachen wurde just noch lauter. In der Zeit, die Ithedilyen brauchte, um sich zu fangen, wurde Ainyael durchaus sauer. Schließlich aber antwortete der Besucher. "Nein, nicht im geringsten." - "Ich scheine Euch zu amüsieren." Patzig war die Antwort und folgte schnell. Noch immer schmunzelte Ithedilyen. "Ich... ja, ein wenig. Ihr seid interessant. Die Gerüchte um Euch reichten, um mein Interesse zu wecken. Aber Euch zu sehen ist noch viel interessanter." Ithedilyens Stimme war wieder in die übliche Kühle abgerutscht, was den Blinden durchaus wieder irritierte. "Interessant, hm? Na, was soll's. Seht Euch satt. Aber heute nicht mehr, ich gehe zu Bett." Der Satz war definitiv, denn Ainyael wandte sich auf dem Absatz um und ging zu seinem Bett.

Verwundert wanderten beide Brauen Ithedilyens nach oben. Eine Antwort darauf unterließ er, dafür verblieb er einfach vor dem Zimmer des Hauptmanns. Er beobachtete ihn still beim Umkleiden, beim Hinlegen, beim Einschlafen. Er blieb auch dann an Ort und Stelle, als er tief und fest schlief. Mit der Zeit begann er sich zu wundern. Jeder andere Elf dieser Stadt hätte sich pikiert über sein stoisches Beobachten. Aber dieser dort schien es entweder nicht wahrzunehmen, was er nicht glaubte, oder es zu ignorieren. Doch daran zweifelte er. "Er ist es gewohnt...", nuschelte Ithedilyen leise in sich hinein. Ein Gedankengang, der seinen Magen verkrampfte.

 

 

06.09.2012

 

Ich weiß nicht wie und vorallem nicht warum. Manchmal ist es eben einfach so. Stumm stiere ich die Decke an. Ich kann sehen, ich kann fühlen, ich liebe und ich lebe ... und dennoch fühle ich mich völlig falsch. Manchmal ist es eben einfach so. Die Decke zählt 53 Holzbalken, zumindest in dem Ausschnitt, den ich sehen kann. Mal wieder ist es passiert, an dem Punkt, an dem eigentlich alles in Ordnung gewesen wäre. Aber jetzt liege ich hier, kann mich nicht bewegen und zähle mit beklemmendem Gefühl Holzbalken. Manchmal ist es eben einfach so.

Die Holzbalken sind aus hellem Holz. Ob der Troll, der mich in die Falle führte, überhaupt daran gedacht hatte, dass ich hätte überleben können? 53 mal helle Holzbalken. Aus dem kleinen Zwischenspalt zwischen zweien kriecht ein rotgetupfter, gelber Käfer heraus. Er breitet die Flügelchen aus, surrt und fliegt fort. Ich möchte auch fort. Ich wollte aus dieser Falle fort. Das bin ich nun. Aber nun bin ich hier gefangen. Gefangen von den Schmerzen dieser Wunden, gefangen von Thanris' warnenden Worten. Ein Bett als Gefängnis. Zwischen zwei dieser 53 hellen Holzbalken ist ein kleines Loch, aus dem ein Käfer krabbeln konnte. Er hat sicherlich dort die Nacht über geschützt geschlafen.

Mein rechter Fuß juckt. Ich traue mich nicht einmal ihn zu bewegen. Mein rechter Oberschenkel ist durchbohrt, zwar genäht, aber kaum ein Muskel ist mehr am anderen. Es wird Jahre dauern, bis ich wieder so sein werde wie vorher. Wenn überhaupt. Schlimmer noch ist es, wenn ich mich Aufsetzen will. Die Schulter ist völlig hinüber. Ich denke, sie werde ich nie wieder richtig benutzen können. Ob der Käfer traurig wäre, wenn er wüsste, dass er sich nie wieder in die Lüfte heben könnte?

Ich höre Thanris' Brummen von unten. Er ist viel und oft hier, aber das macht es nicht besser. Ich liebe ihn, ich brauche ihn. Aber momentan nimmt er lediglich die Rolle des Gefängniswärters ein. Seine Schritte kommen den Aufgang herauf, Zeit, die Augen zu schließen und schlafend zu tun. Er hat sicherlich wieder diesen Tee dabei, den mir auch schon das Menschenmädchen gab. Ich will sie alle nicht haben, ich will diesen Tee nicht haben. Ich will das hier nicht mehr haben.

Die Augen geschlossen warte ich und stelle mir 53 helle Holzbalken über mir vor, bei denen zwischen zweien ein kleines Loch ist, aus dem ein rotgetupfter, gelber Käfer kriechen kann. Ich spüre sein Gewicht auf dem Bett, als es nachgibt, rieche seine süßlich herbe Note. Aber ich will das nicht. Ich stelle mir vor, wie der Käfer fliegt, wo er hinfliegt, was er sieht. Er fliegt über das Meer, das heute ruhig ist. In meinem Tagtraum gestern war es sehr aufgeregt, fast schon stürmisch und der Käfer hatte seine Probleme damit. Aber heute fliegt er ruhig, ich sehe das Portal zur Stadt näher kommen. Der Käfer fliegt hindurch, fliegt gleich zur Enklave, zu den Katakomben, an den Wächterinnen vorbei. Schließlich 'sehe' ich Larila. Ich habe sie noch nie gesehen. Ich weiß nur, wie sie riecht und sich anfühlt.

Larila ist schwanger. Von mir. Ich werde bei ihr bleiben müssen, auch wenn das Kind auf der Welt ist. Sie sagt, bis jetzt gäbe es keine Komplikationen und der Druide, zu dem sie stets geht, sei guter Dinge, dass es so bliebe. Allerdings, das sagte sie mir, hat er gesagt, dass das Kind wohl eher magisches Potenzial in sich trug. Sie hat mir erklärt, dass sie es sich nicht erklären kann, weil in ihrem Stammbaum ständig nur Kämpfer waren. Ich werde ihr nicht sagen, was ich zur Hälfte bin. Sie wird es wissen oder sich denken können.

Stunden vergehen, in denen ich reglos und stumm, scheinbar schlafend, liege und Thanris neben mir sitzt. Er ist sehr geduldig und ruhig. Er kümmert sich und ist fürsorglich. Er ist zärtlich und liebevoll. Aber das will ich nicht. Ich will hier raus. Ich will fort. Ich will frei sein.

 

07.08.2012

 

Nur zwei Schritt aus Lor'Danel heraus hatte es gebraucht, bis alles, sorgsam zurückgehaltene, aus mir herausbrach. Während die Augenbinde immer feuchter wurde, schickten mich meine Beine im Dauerlauf quer durch die Küste. Ohne Nachzudenken nahm ich Klippen, übersprang Pfützen, wich Bäumen aus. Binnen weniger Stunden war ich im Eschental angelangt, hatte Maestras Posten hinter mir gelassen und eine der Hordenkarawanen, die die Versorgung der Streitkräfte sicherten, lagernd ausgemacht. Ich hatte Posten bezogen, war auf einen Baum geklettert, begann zu lauschen.

Den gesamten Weg über waren mir nur wenige Gedanken im Kopf herumgegangen. War ich zu hart gewesen? Er hatte mich sogar gebeten bei ihm zu bleiben. Aber ich konnte nicht. Ich konnte einfach nicht. Wieder war passiert, wovor ich mich so fürchtete. Und diesmal war es schlimmer, denn es war nicht nur herausgekommen, dass er mir immer noch Dinge verheimlichte. Er war zu einer Frau gegangen, er hatte diese Anfälle schon so oft gehabt. Und er hatte mir nichts gesagt. Sogar seine Schülerin schien mehr zu wissen als ich. Was war ich für ihn? Er sagte, er wollte mich schützen. Aber war ich so schwach, dass er das musste? War ich so wenig wert, dass man es mir nicht zutrauen konnte derartiges zu verarbeiten? War ich so... unzureichend?

Jetzt saß ich weinend auf dieser Astgabel, allein. Der Wind spielte in meinem Haar, wehte mir direkt den Geruch der Orks unter mir entgegen. Sie aßen zu Abend, hatten Fleisch gegrillt. Grölend ergaben sie sich einem Saufgelage, wiegten sich in Sicherheit. Sie würden keine Gegner für mich sein. Aber sie würden die Aggression in mir für eine Weile abflauen lassen. Ich war wütend. Wütend und enttäuscht. Er hatte mich wieder hintergangen, wieder, wieder, wieder. Warum bettelte ich ihn noch an? Warum? War das seine Art mich loswerden zu wollen?

Ich wartete Stunden. Es wurde ruhiger in dem kleinen Lager, schließlich ließ ich mich lautlos zum Boden gleiten. Bevor ich anfing, holte ich Luft. Ich musste die Gedanken fort schieben, dringend loswerden. Sonst würde das hier mein letzter Einsatz werden. Doch heute war es so verdammt schwer. Ehe ich so weit war, war nur noch die Wache wach. Ungewohnt langsam und viel zu leise nur begann ich die ruhigen Herzschläge der Orks wahrzunehmen. Ich schlich mich um das Lager herum, bis ich im Rücken der Orkwache war. Auch dieser Mann war schläfrig, vermutlich waren sie etliche Kilometer heute gereist. Diese Sache würde fast schon zu leicht sein.

Hinter dem Ork baute sich ein dunkler Schatten auf, nur von hinten von dem glimmenden Lagerfeuer erleuchtet. Ehe der registrieren konnte, was geschah, fiel er schon gurgelnd zu Boden, tränkte das Gras mit dem Blut seiner Halsschlagadern. Einer der Schlafenden war unter dem Geräusch aufgewacht, jetzt ging es los. Mein Herz begann von einen Moment zum nächsten zu rasen, schnell und tief zog ich die Luft an. Jetzt ging es los. Der Ork war bereits dabei sich aufzurappeln, ein weiterer erwachte. Zwei schnelle Schritte brachten mich zu dem wachen Mann, einen weiteren Moment später sackte er zusammen, rutschte der Kopf von seinen Schultern in den Schoß. Ich begann einen Tanz um das glimmende Feuer herum. Nach und nach wachten die einzelnen Männer auf, vom jeweiligen Geräusch des sterbenden Vorgängers aufgeweckt.

An den Dritten führte mich ein Hechtsprung, dann teilten meine Klingen das Fleisch des Mannes. Mit einem Ruck der kräftigen Arme zog ich die Schwerter zur Seite fort, teilte den Orkkörper in zwei Teile. Ein Aufschrei entfuhr ihm noch, dann sackte der Oberkörper nach hinten, ließ die Beine alleine sitzen. Erneut tänzelte ich um das Feuer herum, ließ die violett glimmende Klinge quer durch den Schädel des Orks stoßen. Danach nahm ich Tempo auf. Zwei der verbleibenden drei Orks verloren zuerst ihr Bewusstsein, dann ihre Herzen. Der letzte Verbliebene war bereits aufgestanden und im Begriff zu fliehen, hatte bereits einige Meter zurückgelegt. Doch kein Ork würde je schnell genug sein, um mir zu entkommen. Er schrie auf, als eine seiner Kniesehnen durchschnitten wurde, fiel hin, rappelte sich wieder auf und versuchte einbeinig zu entkommen.

Ich blieb stehen. Aus irgendeinem Grund war mir das Töten dieser ungewollten Spezies nicht so befriedigend vorgekommen wie sonst. Noch immer kochte spürbar die Wut in mir, ließ die Finger um die Schwertgriffe zittern. Thanris erneute Lügen waren mir wie ein Verrat vorgekommen. Ein Verrat an dem, was wir beiden sein sollten. Ein Verrat an dem, was er stets behauptete mit mir sein zu wollen. Er hatte mich gebeten bei ihm zu bleiben. Aber bei ihm zu bleiben hätte geheißen einfach zu akzeptieren und alles genau so, wie es war, fortzuführen.

 

Der Ork war jappsend zwischen ein paar Bäume gehumpelt, fort vom Lager. Sein Herz hämmerte wild gegen seine Brust, der beständige Ton schlug wie ein Glockenschlag im meinem Kopf. Er sollte sterben, ehe ich davon wahnsinnig wurde.

Als der Ork sich umdrehte, weil er am Rande hinter sich meine Bewegung wahrgenommen hatte, hatte er noch genau fünf Sekunden zu leben. Sekunde eins verbrachte er damit den leeren Fleck, an dem ich eben stand, anzusehen. Sekunde zwei benötigte er, um sich herumzudrehen. Sekunde drei brauchte er um mich direkt vor ihm zu registrieren. Sekunde vier ließ ihn erschrecken. Sekunde fünf sah er mich ungläubig an. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Ich zog die Klinge aus seinem Herzen, rücklings fiel er zu Boden. Uruk'Gurz. Der Orkschlächter, hatte wieder zugeschlagen. Aber dieses Mal nicht aus einem Auftrag heraus, sondern aufgrund von Emotion.

Eine Weile noch stand ich still einfach im Wald herum. Es war völlig ruhig geworden, man konnte die Eule ihr einsames Lied bringen hören. Wenn ich so darüber nachdachte, hatte ich nicht viel andere Wahl. Egal, was ich wollte, ich würde zu Thanris zurück müssen. Aber dieses Mal sollte ich nicht mehr dem Trugschluss und der Hoffnung erliegen, irgendetwas würde sich bessern. Es würde sich vermutlich niemals bessern, denn das war Thanris. Er war nun einmal stur. Und scheinbar war es einfach so, dass ich für ihn der schwache Mann war, den es zu beschützen galt. Und dabei war es irrelevant, ob dem wirklich so war. Vermutlich war ich einfach wirklich unzureichend.

Still schweigend setzte ich mich in Bewegung, direkt nach Astranaar. Nun stand es also fest, ich war für ihn unzureichend. Dieser Erkenntnis bedrückte mich, aber sie war die Wahrheit. Und damit allemal besser als eine ewige Lüge oder Selbstbetrug. Ich würde zu Thanris zurückgehen. Ich würde ruhig sein. Immerhin war er am Ende seiner Kräfte und brauchte nicht noch ein Problem. Ich würde es so aussehen lassen, als wenn alles in Ordnung wäre. Und ich würde ihm dabei helfen dieses Problem zu überwinden.

Als ich den Zügel des Hippogryphen annahm seufzte ich aus. Mit einem behänden Schwung hievte ich mich auf seinen Rücken, ließ das Tier gen Darnassus fortfliegen. Wenn Thanris sein Problem überwunden hatte, würde er allein laufen können. Er würde keine Hilfe mehr benötigen. Und keinen nervenden Klotz an seinem Bein. Ich war der Punkt, der ihn schwach machte, der zu viel seiner Aufmerksamkeit forderte, der ihn in Bahnen lenkte, die für ihn nicht vorgesehen waren. So weit hatten Hanyariel und Sira recht gehabt. Letztendlich musste ich mich dem beugen. Ich war weder besonders, noch für ihn geeignet. Ich war nicht, was er brauchte. Also würde ich gehen, sobald ich konnte.

 

04.06.2012

 

Unerwartet ruhig war es, als ich langsam wach wurde. Sofort schossen mir die Gedanken an das gestern Geschehene wieder in Erinnerung. Thanris’ verfluchte Klinge. Da war ich Sira losgeworden und nun durfte ich ihn mit so etwas teilen. War es so schwer zu verstehen, dass auch ich einmal egoistisch war und ihn nur für mich haben wollte? Ungeteilt?

Ich drehte mich herum. Natürlich war er schon wieder fort, das lange Herumliegen mit mir war nie seine Sache gewesen. Umso schlimmer der Gedankengang, der nun in mir aufkeimte. Er legte diese Klinge nie ab. Stets und immer war sie bei ihm, verfolgte ihn, hing in seiner Gedankenwelt. Dort, wo ich nie würde hinkommen können und doch so sehr hin wollte. Wieder einmal hatte er etwas anderem als mir den Vorzug gegeben. Das ernüchterte mich.

Als ich mich aufsetzte rieb ich zuerst mir die Augen, strich dann über Fays massigen Kopf, der sich bei meiner Regung auf meinen Schoß geschoben hatte. Ich liebte ihr weiches Fell, besonders an ihren Wangen. Ich vergrub kraulend die Finger darin, tätschelte ihr feuchtes Näschen mit der anderen Hand. Leise schnaufte das Tier vergnügt, strich ihrerseits mit der Zunge über meine Finger, so gut es eben ging. Ob Thanris jemals diese Distanz zu mir überwinden würde, die irgendwie immer noch geblieben war? Wir waren jetzt schon einige Zeit beieinander, kannten viel voneinander. Und doch, irgendwie war er immer noch in sich gekehrt. Nachdem ich nun wusste, dass er in seinem Geist nicht allein war, war mir auch klar warum. Würde er jemals seine Gedanken mit mir teilen? Konnte er das überhaupt?

Seufzend schob ich mich vom Bett. Etwas anderes hatte erstmal Vorrang. Denn egal, ob er je näher an mich heranrutschen oder noch weiter fortgehen sollte, er hatte recht gehabt. Ich sollte mich von Larila lösen. Noch immer war mir nicht klar, was sie von mir wollte. Aber mir war klargeworden, dass ich ihren jetzigen Umgang mit mir nicht mochte. Es konnte einfach keine dauerhafte Lösung sein, dass ich vor ihrer Aufdringlichkeit und somit auch ihr einen Bogen machte. Also entweder unterließ sie es oder aber man ging getrennte Wege. Und genau das wollte ich ihr heute erklären.

Während ich mich anzog grübelte ich weiter. Eigentlich wollte ich Thanris mitnehmen. Aber ich glaube, wenn man derlei Gedanken und Stimmungen in sich trägt, ist es besser, wenn ich ihn von noch mehr negativem Gefühl fernhalte. Also würde ich diese Sache, und fortan jede andere ähnliche, allein tun. Er trug schon so viel. Jetzt verstand ich auch, warum er damit überfordert war mich auszuhalten. Ich würde mich grundlegend ändern und ruhiger werden müssen, dringend. Schon allein um ihm die nötige Ruhe geben zu können, die er wohl dringend brauchte.

Bevor ich zu Larila aufbrach suchte ich nach meinen Würfeln. Ich fand sie in meinem Rucksack unter dem Bett, setzte mich dann auf die Decke und begann zu suchen. Mittlerweile waren es viele hundert Würfel geworden, die ich dringend mal sortieren müsste. Die Finger glitten um einen Würfel nach dem anderen, bis ich meine vier Stück zusammen hatte. Ich hatte eine gefühlte Stunde dafür gebraucht. Wie rum ich sie legen musste, damit sie richtig waren, wusste ich immer noch nicht. Aber sich Runen zurecht zu drehen sollte Thanris imstande sein. Ich verstaute den Rucksack wieder, schob die Hände in die Taschen und machte mich auf den Weg, gefolgt von meinem großen, kleinen Säblermädchen, dessen Nase sich immer wieder unter meinen Arm zu schieben suchte. Auf dem Bett trohnten die vier Würfel. „Bin bei Larila.“

Der Eingang zum Zellentrakt der Enklave war schnell gefunden. Früher war Fay mit mir hinuntergekommen, nun wartete sie artig davor. Der Weg war mir nur allzu bekannt, so dass ich ihn trotz seiner vielen Windungen ohne große Probleme zu gehen imstande war. Ich hörte ab und an die leisen Grüße der Wächterinnen, erwiderte sie ebenso leise. In einer der Zellen befand sich tatsächlich eine Gefangene, die grimmig mit einer der Wächterinnen sprach. Doch mein Ziel lag jenseits von alledem.

 

Als ich am letzten, größeren Durchgang ankam, erwiderte ich erneut einen Gruß. Man ließ mich ein, ich folgte dem eng geschlungenen Pfad noch tiefer ins Erdreich hinein. Bald schon drang das Klirren von Klingen an mein Ohr. Als ich in dem breiten Raum eintrat wandte ich mich gleich nach links, tastete mich an der Wand, bis ich Vorhänge erreichte. Ich blieb stehen und räusperte mich.

Eine dunkle Stimme drang an mein Ohr. „Sie kommt gleich. Larila trainiert noch. Wo warst du, sie zerfrisst sich um Sorge nach dir.“ Ich schenkte dem Mann ein kurzes Lächeln. Ich kannte keinen einzigen Namen der Anwesenden hier, bis auf Larilas. Aber genauso wie ich keinen Namen kannte, kannte auch keiner meinen Namen. „Ich war beschäftigt, hatte ein paar Dinge zu erledigen. Sie wird sich nicht mehr sorgen müssen.“ Ein freundschaftlicher Klapser auf den Rücken folgte. „Das hoffe ich. Ihr zwei seid doch unsere besten Kämpfer. Wär doch schade, wenn daraus nichts würde, hm?“ Der Elf lachte rau, ich aber hatte nur ein mattes Lächeln über. Wie gut, dass ich viele der hier Anwesenden niemals privat treffen würde.

„Es ist gut, lass uns allein.“ Larilas ruhige, angenehm melodiöse Stimme war zu vernehmen, genauso wie das Klirren der Plattenrüstung um ihren Körper. Ich nickte in die ungefähre Richtung der Elfe, schwieg aber. „Ja, schon gut. Soll ich Wache halten?“ Ich nahm nicht wahr, ob Larila nickte oder den Kopf schüttelte. Der Geruch nach ihrem Schweiß drang zu mir, ließ einen Hauch Übelkeit in mir aufsteigen. Ich wollte hier weg.

Als nächstes nahm ich Larilas Plattenhandschuh in meinem Rücken wahr, der mich mit seichtem Druck anzuschieben versuchte. Ich folgte ihr in ihren Raum hinein und wartete, bis ich das Zuschieben der Vorhänge vernahm. Ich schwieg auch dann noch, als ich das Abrüsten der Platte hörte und genauso schwieg sie mich an. So vergingen etliche Minuten, ehe sie zu mir sprach. „Du warst lange fort. Was ist passiert?“ Ihre Hand legte sich auf meine Brust, ich schrägte den Kopf leicht in ihre Richtung ein. „Ich hatte… ein paar Probleme. Du sagtest, du wolltest mit mir reden?“ Ich entspannte mich, als ihre Hand von mir verschwand. „Ja. Es geht um zwei Dinge. Ein neuer Einsatz steht an, bei dem ich deine Hilfe gebrauchen könnte.“ Einen Schritt tat ich beiseite. „Ehe ich zusage, müssen wir uns über etwas anderes unterhalten.“ Ein kurzer Moment der Ruhe folgte, dann hörte ich das Geräusch eines geöffneten Weinschlauches. „Ja, vermutlich. Bist du immer noch bei Thanris?“ Ihre Stimme wurde leise, samtig. Und ließ mich noch einen Schritt zurückweichen. „Du weißt, dass ich ihn niemals werde allein lassen. Nicht aus freien Stücken.“ – „Mhm.“, war ihre Reaktion. Ich hörte ihre Schritte, das Rascheln von Stoff. Sie hatte ein Kleid an. „Dann lass uns auf diesen endgültigen Entschluss trinken, hm?“ Sie nahm meine Hand und gab einen Becher hinein, den ich eher reflexartig als gewollt umfasste. Irritiert hob ich eine Braue. „Er ist dir ein Dorn im Auge. Warum willst du mit mir darüber trinken?“ – „Naja, ich freue mich für dich. Du hast jemanden für dich gefunden. Das ist etwas, nach dem viele andere Jahrtausende suchen und es dennoch nicht finden.“ Ich schenkte ihr ein halbherziges Lächeln, hob den Becher an und schnüffelte. Mondbeerensaft. „Ich hab dich wirklich gern, Ainyael. Ich weiß nicht, welche Flausen er dir in den Kopf gesetzt hat, aber ich vermisse die Zeit von früher, wo du ungezwungen mit mir umgehen konntest.“ Mit gerunzelter Stirn nahm ich einen Schluck des Getränkes. „Früher war viel anders, Larila. Ich hatte nicht viele Wege, die ich gehen konnte. Hierher war einer davon.“ Wieder spürte ich ihre Hand, diesmal an meinem Unterarm. Ich verspannte mich. „Und diesen Weg hast du nun nicht mehr?“ – „Das kommt darauf an.“ Eine Weile lang schwieg sie wieder, erneut nippte ich an dem Getränk. Ein leichter Durst entstand in meinem Rachen. „Du weißt, dass du immer zu mir kommen kannst, Ainyael. Ich werde dich nicht zurückstoßen.“ Ehe ich antwortete nippte ich erneut. Der Durst nahm zu. „Davon gehe ich nicht aus. Aber wenn ich mich nicht wohl fühle, werde ich nicht kommen.“ Ihre Finger strichen über meinen Unterarm, die vielen kleinen Narben entlang. Der Durst nahm zu. „Warum fühlst du dich nicht wohl? Ist dir die Luft zu stickig? Der Kampflärm zu laut? Wir können uns auch woanders treffen.“ Müde lächelte ich ihr entgegen, ehe ich erneut trank. Diesmal einen größeren Schluck. Dieser verfluchte Durst musste doch verschwinden. „Nichts von alledem. Und ein Treffen woanders lehne ich ab.“ Mein Herz begann zu rasen, als sie die andere Hand in meinen Rücken legte. „Was stört dich dann?“ Ich leerte den Becher und schwieg. Sie nahm ihn mir ab, erneut ertönte das Geräusch des geöffneten Trinkschlauches.

 

„Hör zu, ich habe nicht vor es dir unangenehm zu machen. Gerade dir nicht. Dein Wohlergehen liegt mir am Herzen.“ Ich lächelte matt, nahm den neuen Becher Mondbeerensaft an und schlang ihn auch gleich herunter. „Mag ja alles sein, Larila. Aber hast du schon einmal daran gedacht, dass es genau das ist, was ich nicht will?“ Kaum hatte ich die Worte herausgebracht, wurden mir die Knie weich. Urplötzlich bekam ich keine Luft mehr, jappste danach, hämmerte mein Herz gegen meine Brust. Larila fing mich auf. Ehe die Welt schwammig bunt und vollkommen fern wurde, vernahm ich noch leise ihre Worte an meinem Ohr. „Schon oft daran gedacht. Schon mal daran gedacht, dass ich das nicht hinnehmen kann?“

 

14.05.2012


Es macht keinen Unterschied, ob man die Augen öffnet oder nicht. Es ist und bleibt dunkel, Nacht, kalt. Über eine Woche nun war er fort. Über eine Woche, die ich nun allein war, die ich nachts allein in meiner Decke lag und lediglich die Kälte seiner Klinge neben mir spürte. Ich war zwiespältig mit Finsternis. Einerseits begann ich diese Klinge, die an meinem Inneren zog und Gefühle aufwirbelte, zu lieben. Andererseits hatte ich viel Respekt vor ihr. Sie gehörte Thanris, nicht mir. Er war ihr eher gewachsen als ich. Aber sie stellte meine einzige Verbindung mit ihm her, wenngleich auch diese eher zufällig war. Als wir das letzte Mal getrennt waren, erlaubte sie mir ihn zu sehen. Nun waren wir es wieder, doch noch wartete ich auf ihre Eingebung.

Ich rollte mich im Bett auf die andere Seite. Finsternis lag neben mir, in die Decke eingeschlagen, an jenem Platz, der sonst der seine war. Schlafen, also wirklich erholsames Schlafen, war mir nur selten möglich. Ohnehin war es seltsam: Wenn ich schlief und aufwachte klammerte ich an dem Schwert, als wäre er es selbst. Doch sogar durch die Decke hindurch nahm ich ihre Kühle wahr, erschrak immer wieder davor und ließ sie gehen. Ich sehnte mich nach der Wärme seiner Haut, dem tiefen Brummen seiner Stimme und der kräftigen Umarmung. Doch scheinbar sehnte ich mich noch nicht genug, war Finsternis doch noch immer nicht bereit mir einen Blick auf ihn zu gewähren.

Ich streckte die Hand nach ihr aus. Kühl fühlte sich der Griff an, als ich meine Fingerspitzen darauf legte. Ich strich darüber, schob die Decke beiseite als würde ich einen Schatz bergen wollen. Heute war Thanris‘ Brief gekommen. Sehnsucht und das beklemmende Gefühl von Einsamkeit und Verlustangst keimten in mir auf. Ich hatte der Botin den Brief regelrecht aus den Fingern gerissen und war zu Orithil gelaufen. An seinen Lippen hatte ich regelrecht gehangen, als er mir vorgelesen hatte. Doch dann war es auch schon wieder vorbei. Zwei, drei Mal las er mir den Brief vor, ehe er meinte sich wieder seiner Ausbildung widmen zu müssen. Seitdem war ich heute allein gewandert, bis ich schließlich demotiviert entschloss den Tag zu verschlafen. Larila wollte ich dieser Tage nicht sehen, sie zeigte neuerdings seltsame Anwandlungen, wenn ich allein war.

Tiefer schlug ich mich in die Decke ein, zog sie bis über den Kopf. Thanris sollte wiederkehren. Ich hatte gesagt, ich würde es durchhalten ohne ihn. Aber nach über einer Woche nun war ich mir nicht mehr sicher. Wintertanz und Felah, wenn sie nach Unterricht bei mir ersuchten, lenkten mich ab. Doch immer wieder zog Finsternis mich zu sich, mit der trügerischen Hoffnung irgendwie doch etwas von ihm zu erhaschen. Das Gefühl zermürbte mich, ließ mich beständig unruhiger werden. Wenn er doch nur bald wiederkäme, dann hätte all dies ein Ende. All diese Unsicherheit, all diese Zweifel. Wie von allein streckte sich meine Hand aus, kam unter der Decke hervorgekrochen und ließ die Finger wieder über den Schwertgriff streichen. Langsam verstand ich, warum er sie immer bei sich haben wollte.

Mit einem Aufseufzen schloss ich den Griff fest um das Schwert, zog es wieder unter die Decke und klammerte mich darum. Wenn sie mir doch nur ein einziges Mal noch zeigen könnte, was er tat und wo er war. Wie ging es ihm? Hatte er viel zu ertragen, war er in Sicherheit? Waren meine Sorgen begründet oder nur wieder Wahn einer gequälten Seele? Die Beklemmung, die ohnehin dieser Tage auf mir lag, kroch mir in den Nacken, ließ die Haare sich aufstellen. Liebe war ein niederträchtiges Ding, wenn man nicht haben konnte, was man wollte.

Ruhig atmend lag ich eine Weile still da. Normalerweise war es seine Umarmung, die mich von solchen Gedanken wegbrachte, den Geist fortwischte und nichts als Ruhe über ließ. Das selbstständig Herbeizuführen war mehr als anstrengend, zumal ich diesen Zustand nicht mehr länger öffentlich zeigen konnte. Ich war nun Ausbilder, hatte die Verantwortung für Wintertanz zu tragen. Außerdem hatte ich wirklich so langsam etwas wie eine Einheit unter mir. Noch ein Grund mehr Thanris’ Ersuchen nach meinem Erwachsensein nachzugeben. Ich musste zwingend ruhig werden und bleiben, vernünftig und verantwortungsbewusst. Wie sehr ich Selbstbeherrschung hasste.

Thanris wollte mir den Kopf waschen, wenn er wiederkommt. Ich musste grinsen. Ob er mir dann auch die Haare kämmen würde? Das hatte er ohnehin noch nie so wirklich gemacht, obwohl er mal gesagt hatte, dass er sie mir sogar schneiden wolle. Wie auch immer, dafür wurde es eh bald Zeit. Was mich wieder herunterholte war der Gedanke an Calyon. Ich verstand, dass ich nicht zu ihm gehen sollte. Das hatte ich auch nicht vor, immerhin verlangte er es von mir. Seltsamerweise hatte er irgendwo recht. Normalerweise war Calyon öfter mal da gewesen, hatte sich erkundigt. Seit Wochen schon war nichts dergleichen mehr geschehen. Auch Orithil hatte gemeint keine Besuche mehr erfahren zu haben. Ich hoffte nur inständig, dass Thanris auf seinem Ausflug wirklich nicht deswegen in Bedrängnis kam. Calyon war alt. Wenn ihm irgendetwas zu schaffen machte, dann war es etwas wirklich Gefährliches.

Ich schloss die Augen, ließ ein Seufzen wieder über meine Lippen gleiten. War es nicht so schon anstrengend genug? Musste mir das jetzt auch noch den Kopf zerbrechen? Tiefer kuschelte ich mich in die Decke, zog die Schultern an, umklammerte Finsternis fester. Es war wirklich höchste Zeit, dass er wieder kam. Egal wie ich es drehte und wendete, allein war ich wirklich hilflos und vor allem dauerhaft überfordert. Oh bitte, Thanris, beeil dich. Jeder Tag ist einer zu viel.

04.02.2012

 

Kalt war es, als ich es realisierte. Wo war ich? Hatte ich nicht eben noch an Thanris' Körper gelehnt und geweint? Ich hatte geweint, weil es weh tat. An alles zu denken, was passieren könnte. Früher war das einfach gewesen, im wirklich schlimmsten Fall wäre Kath'ranis gekommen, sauer geworden und hätte mich verprügelt. Oder dergleichen. Aber... er war nicht mehr. Die größte Sicherheit und Unsicherheit meines Lebens, war nicht mehr. Womit konnte ich jetzt noch rechnen? Thanris gab sich sehr, sehr viel Mühe damit mir diese Sicherheit zu geben. Ich glaube ihm, wenn er sagt, dass er niemals gehen will. Aber er ist selbst jemand, der viel Freiraum benötigt. Kann ich ihm den geben, wenn er meine volle Sicherheit wird? Ich glaube nicht.

Aber wenn ich weiter zweifle, werde ich ihn dann nicht verlieren? Ist es nicht gerade dieser Zweifel, der mich von ihm trägt? Die Kälte beginnt mich zu umschlingen, mir in die Knochen zu kriechen. Ich will ihn nicht verlieren, das steht fest. Aber was soll ich tun? Kurz wird mir warm, ich spüre seine kräftigen Arme, die mich immer so sicher halten. Diese Arme sind das Einzige, dass mich zusammenhält, mich vor der Kälte bewahrt, die mich einzuholen droht.

Langsam setze ich mich in Bewegung, nachdem seine Arme mich wieder entließen. Es ist nicht mehr ganz so kalt, dennoch möchte ich hier weg. Aber der Weg, egal wo ich hintrete, ist von vielen kleinen Steinen übersät. Diese vielen kleinen Steine besitzen viele Kanten, sehr viele davon sind sehr scharf. Ich gehe immer sehr vorsichtig, wenn ich hier bin, doch meistens bleibe ich irgendwann frustriert stehen. Es tut einfach so unsagbar weh. Der Schmerz wird hart und schwer, bis ich nichts anderes mehr fühle als ihn. Er überrollt mich, lähmt mich, nimmt mir alles weg.

Auch diesmal schaffe ich es nicht allzu weit. Ich merke, wie es warm aus meinen Füßen tritt, die scharfkantigen Steine unter mir benässt. Es ist, als ob jeder Wille aus mir herausrieselt. Was meine Eltern dazu sagen würden? Bis vor Kurzem wusste ich nicht mal, dass ich welche habe. Sind sie sauer deswegen? Verachten sie mich dafür? Hätte ich früher von ihnen erfahren müssen? Sollte ich zu ihnen gehen? Wollen sie mich überhaupt sehen? Immerhin waren sie es, die mich als Waise haben aufwachsen lassen, sich nicht um mich gekümmert haben. Warum sollten sie mich jetzt sehen wollen? Was war jetzt anders, als es damals war? Außer der Tatsache, dass ich erwachsen war?

Ich versuchte mich zu setzen, stützte mich dafür erst mal mit der Hand auf den Steinen ab. Wieder zerschnitten die Kanten meine Haut, entließen die warme Flüssigkeit in die Welt. Als ich mich gänzlich gesetzt hatte, war es, als säße man auf einem Nagelkissen, dass sich tief ins Fleisch schneidet. Dennoch, welche Wahl hatte ich denn, außer sitzen zu bleiben? Wintertanz und Thanris, beide hatten gesagt, dass es nichts an mir ändern würde, was ich jetzt bin. Aber stimmte das? Quel'Dorei waren und sind immer noch verhasst bei uns. Bei den Kaldorei, uns war keine Alternative mehr für mich. Ich war kein Kaldorei mehr! Zur Hälfte bin ich nun Hochelf, ein Mischling, ein Bastard. Man würde mich verachten im Volk, wenn es ans Tageslicht käme. Irgendwann kommt alles ans Licht, auch das wird es wohl tun. Was werde ich dann tun?

Ich spüre, wie mich wieder Arme umschlingen. Leise höre ich das wohl bekannte, traurige Kinderlied, dass Thanris mir immer vorsummt, wenn es mir schlecht geht. Ein leichtes Wiegen erfüllt mich. So ist es immer, wenn er mich tröstet. Ich spüre seine Liebe, fühle mich völlig geborgen, fernab der Welt, gefangen in seiner Umarmung. Und völlig sicher. Hier will ich hin und nie wieder fortgehen. Er sagt es so oft: Er geht nicht fort. Wenn mir das bleibt, warum zweifle ich überhaupt? Wenn er nicht geht, spielt es dann eine Rolle, wie weit er körperlich weg ist über einige Zeit. Wenn er nicht geht, spielt es keine Rolle, ob ich zu meinen Eltern gehen werde oder nicht. Wenn er nicht geht, ist es auch egal, ob die Kaldorei mich verstoßen oder nicht. Ich werde nicht allein sein.

Langsam merke ich, wie die Kälte verfliegt. Auch der Schmerz ebbt ab. Ich sitze nicht mehr, realisiere ich doch langsam, dass ich liege. In einem Bett, mit einer Decke über mir. Ich liege in den Armen, die mir so viel Glücklichsein schenken. Und so viel Mut.

03.01.2012

 

19:03:23 [Ainyael]: Ishnu.
19:03:47 Calyon burmmt leise, dann wird genickt. Er wendet sich nicht herum.
19:03:57 [Calyon]: Balah bandu. Gehts dir besser?
19:04:30 Galadhriel hebt den Blick nicht, sie nickt nur da sie eine Stimme vernimmt
19:04:32 Ainyael schweigt einen verräterischen Moment lang. Letztlich schüttelt er den Kopf und tritt näher.
19:04:58 [Ainyael]: Ne. Aber was erwartest du... er ist noch nicht da, einen Heiler find ich nicht. Aber.. ichhab dein Zeug dabei.
19:05:48 Calyon wendet denBlick kurz auf den kleineren Elfen, ehe er nickt und die Hand nach ihm ausstreckt. Er berührt den Oberarm des Mannes leicht.
19:06:18 [Calyon]: Ich habe gestern einen Druiden getroffen, der sich dir annehmen würde. Allerdings bat ich ihn auch zu warten, bis er wieder da ist.
19:07:14 Ainyael wackelt kurz probewese mit den Fingern des geschienten Armes, ehe er aufgebend seufzt.Immernoch keine Besserung. So wird der unversehrte Arm benutzt um aus dem Lederbeutel drei bunt gefüllte Phiolen zu fischen und dem Elfen hinzureichen.
19:07:18 Galadhriel hebt den Blick wieder kurz und folgt den sanften Linien der Stadt vor sich, ehe sie wieder auf das Pergament blickt und weitere Linien des Kohlestiftes zu Papier bringt
19:07:29 [Ainyael]: Ich weiß nicht, wann er wiederkommt.
19:08:39 Calyon nimmt die Hand von seinem Arm und langt anstattdessen nach den Phiolen. Eine Weile dreht er sie in den Händen, schweigend.
19:09:21 [Calyon]: Ich weiß. Wir hoffen alle, dass es schnell passiert. Und du dich während der Heilung am Riemen reißt. Ich brauch euch beide, lebend und relativ schnell. *murrend*
19:09:44 Ainyael winkt mit der unversehrten Hand ab.
19:09:52 [Ainyael]: Ich weiß...
19:10:01 Ainyael lässt sich schließlich zu Boden sinken.
19:10:29 Calyon blickt schweigend zu Ainyael herunter. Nach einer Weile wird gebrummt.
19:10:51 [Calyon]: Jetzt weißt du, warum ich sie gehen ließ. So einen Zustand kann sich doch kein klar denkender erlauben. *murrend*
19:11:23 Ainyael lächelt matt, bevor er den Kopf schüttelt.
19:11:56 [Ainyael]: Dafür verpasst du, wie es ist, zu zweit zu sein. Aber mhm... lass mich raten... zu viel Abhängigkeit?
19:12:09 Calyon brummt nickend.
19:12:12 [Calyon]: erfasst.
19:12:12 Galadhriel öffnet die Lippen leicht, befeuchtet diese dann und beginnt nun, aus ihrem Rucksack weitere Tintenfässchen zu entnehmen
19:12:30 [Ainyael]: Ertappt würd ichs eher nennen. Ist doch langweilig so.
19:13:34 [Calyon]: Nein. Es war anstrengend und jetzt bin ich wieder zufrieden. Ein Sorgenherd weniger. Du und Orithil, Ihr fresst mich noch auf.
19:13:47 Calyon befestigt die Phiolen am Gürtel.
19:14:13 [Ainyael]: Ach Quatsch. Du bist einfach zu gutmütig.
19:14:15 Ainyael grinst schief.
19:14:25 Calyon schnauft aus und verschränkt die Arme vorm Körper.
19:14:32 [Calyon]: Verschwinde. *knurrend*
19:14:56 Ainyael gluckst leise und erhebt sich mit schmerzhaftem Seufzen.
19:15:10 Galadhriel beginnt mit einer Feder die Farben zu rühren, ehe sie fort fährt mit ihrer Zeichnung
19:15:37 [Ainyael]: Aber nur, wenn Thanris und ich ein bisschen Urlaub nach der Sache bekommen. Immerhin will er auch noch was lernen und das braucht Zeit. Und Wintertanz dürfen wir nicht vergessen!
19:15:58 [Calyon]: Ich sagte, du sollst gehen. *grummelnd*
19:16:12 Ainyael stubbst mit dem Ellbogen gegen seinen Unterarm, erneut glucksend.
19:16:35 [Ainyael]: Und ich hab neulich einen Menschen kennengelernt, der deine Hilfe brauchen könnte.
19:16:50 Calyon reibt sich genervt die Schläfe.
19:17:01 Galadhriel | Eine Strähne des silbrig-weißen Haares löst sich aus ihren Zöpfen und fällt ihr in die Stirn. Anórien ignoriert dies. Immer wieder hebt und senkt sie den Blick
19:17:22 [Calyon]: Irgendwann reiß ich dir den Schädel vom Leib. Was will er?
19:18:00 [Ainyael]: Mhm.. dem Zirkel beitreten. Ich fürchte nur, dass er nicht ganz passen wird.
19:18:06 Calyon brummt leise.
19:18:09 [Calyon]: Warum?
19:18:21 [Ainyael]: Mhm... *nachdenklich*
19:18:23 [Ainyael]: Er ist alt.
19:18:25 [Ainyael]: Raucht.
19:18:30 [Ainyael]: Spuckt durch die Gegend.
19:18:36 [Ainyael]: Hat einens eltsamen Humor.
19:18:37 Galadhriel | Die gekonnten Bewegungen aus ihrem Handgelenk werden nun etwas ausschweifender. Die als Pinsel genutzte Feder streicht über das Pergament
19:18:44 [Ainyael]: Kurzum: Er wird dich aufregen.
19:19:04 Calyon hebt beide Brauen mit einem Grumpfen an, als er nickt.
19:19:14 [Calyon]: Was auch so schwer zu machenist. Du regst mich auch auf.
19:19:56 [Ainyael]: Bin trotzdem bei dir. Ätsch. Nein, ernsthaft, er ist nicht das, was du dir unter einem Zirkelkrieger vorstellst. Ich weiß nicht so recht... aber er will in meine Einheit. Ganz dringend.
19:20:15 Galadhriel wirft kurz einen misstrauischen Blick zu den beiden kal'dorei herüber, ehe sie ihre goldenen Augen wieder gen Blatt richten
19:21:17 [Calyon]: Soso... warum ausgerechnet in deine? Es gibt unzählige. Warum belästigst du mich damit?
19:21:32 Galadhriel | Sie seufzt kaum hörbar und lässt den Blick unter ihrer Haarsträhne über den See schweifen. Einen Moment verweilt sie so, dann senkt sie den Blick wieder und zeichnet weiter
19:22:05 Ainyael reibt sich kurz im Nacken und seufzt. Die Hand wird aber flott wieder fortgenommen, nachdem erneut ein leiser Schmerzenslaut ertönte.
19:22:43 [Ainyael]: Er erblindet. Und du weißt, wieviel Zuspruch und Hilfe Blinde bekommen. Bei mir könnte er lernen damit umzugehen und seine restlichen Jahre nochw as halbwegs Vernünftiges tun.
19:23:11 Calyon brummt wieder misslaunig, dann wird eine Weile geschwiegen.
19:23:42 [Calyon]: _Wenn_ ich ihn für tauglich halte, testest du ihn. Nicht Thanris, nicht Wintertanz, nicht Enaya. Du.
19:24:02 Ainyael seufzt wiederum leise.
19:24:22 [Ainyael]: Du spielst auf Zeit. Mhrm... wenn er dadurch eine Chance bekommt...
19:24:38 Galadhriel legt die Feder beiseite und greift wieder nach dem Kohlestift
19:24:43 Calyon wendet ihm den mürrischen Blick zu.
19:25:18 [Calyon]: Ich werde sehen, was er von sich gibt. Das ist seine Chance, nicht mehr und nicht weniger. Außerdem bist du zu gutmütig.
19:25:35 Ainyael zeigt ein breites Grinsen, dann wird der Ko9pf geschüttelt.
19:25:47 Galadhriel wirft kurz einen musternden Blick zu den beiden Kal'dorei und schüttelt sacht das Haupt, ehe sie sich wieder ihrem Bildnis zuwendet
19:26:19 [Ainyael]: Wer ist es denn, der eine junge Menschin zur Schülerin auserkorehn hat?
19:26:29 Calyon brummpft grantig.
19:27:02 [Calyon]: Sie brauchte Hilfe. Als ob ich sowas Junges irgendwie... stehenlassen könnte.
19:27:13 Ainyael piekst ihn spielerisch in die Seite.
19:27:39 [Ainyael]: Sag ich doch, zu gutmütig. Ich dreh noch ne Runde.
19:27:51 Calyon schiebt mürrisch die Kiefer übereinander.
19:28:02 Galadhriel | Umgeben von kleinen Tinenfläschchen und Federn, einem Rucksack und einigen Kohlestiften, streckt Anórien kurz die Beine von sich, um siese dann wieder anzuwinkeln. Ihr gedankenverlorener Blick schweift über den See
19:28:05 [Calyon]: Laub unter deinen Füßen.
19:28:19 [Ainyael]: Und unter deinen. *lachend*

28.12.2011

 

Seufzend lehnte ich mich an den Baum links von mir an. Welch grausames Spiel ich eigentlich trieb. Gestern noch hatte ich Kath darum gebeten mich bei sich für eine Woche aufzunehmen. Ohne irgendwelche Abneigungen, gar noch mit Freude, hatte er eingewilligt. So völlig ohne Einwände, was tiefe Zweifel in mir weckte. Hatte er es mir wirklich abgenommen? War die Lüge nicht zu auffällig und plötzlich gewesen?

Nach dem Gespräch mit dem mir verhassten Elfen, dem ich so überaschend gut und leicht Liebe und ehrliches Interesse vorgaukeln konnte, war ich erstmal nach Darnassus heimgekehrt. Eigentlich wollte ich das letzte Mal Kraft bei Thanris schöpfen für die nächsten schweren Tage. Doch mein Gefährte war bereits aufgebrochen, den Dorn in meinem Auge suchen: Sira. Also blieb mir nicht viel mehr als Fay bei Orithil abzugeben, meine Kleidung zu packen und mich wieder auf den Weg nach Dunkelküste zu machen. Schweren Herzens. Oh Thanris, nun wünschte ich doch eingewilligt zu haben und mit dir gegangen zu sein. Sturheit war manchmal ein schweres Laster.

Und jetzt stand ich hier mitten im Wald und wartete auf Kath'ranis. Er hatte versprochen mich abzuholen, mich in ein Zelt in der Umgebung zu bringen. Beunruhigend, wenn ich ehrlich war, dass der Schattenhammer unbemerkt in der Nähe ein Lager aufschlug. Ich reckte die Nase in die Luft und schnüffelte. Von mir aus konnte er auch wegbleiben. Wäre ich diese Woche zwar allein in Darnassus, aber ich hätte meine Ruhe gehabt. Doch das Glück hatte ich nicht. In der Luft lag leicht ser süßliche Geruch des Elfen. Bei Elune, auf ihn war auch noch Verlass.

Nur kurze Zeit später legte sich in liebevoller Manier eine Hand um meine Taille. Leicht spürte ich den Hauch seines Atems an meinem Ohr. Nur schwer widerstand ich dem Drang mich herumzudrehen und meine Faust direkt in sein Gesicht zu platzieren. "Du bist pünktlich, ich freue mich." Kaths Stimme war samtig weich, er schien sich wirklich zu freuen. Ein leichter Zug an meinem Körper, dann legten sich von Bart umspielte Lippen an meine Wange. Ich setzte mein Lächeln auf, auf das beständig und immer wieder Verlass war. "Natürlich. Ich hab dich vermisst." Meine Antwort fiel scheinbar in der gleichen Weise aus, denn aus dem leichten Zug wurde nun eine handfeste Umarmung, aus der kein Fluchtweg führte. "Dann lass uns aufbrechen. Der Weg ist recht weit." Die Umarmung verblasste wieder, er ließ die Hände an meinem Armen herunterrutschen und nahm schließlich meine Hand, an der er mich durch den Wald führte.

Ich hatte den gesamten Weg über geschwiegen, ebenso Kath. Pfiffe und der sanfte Zug an meiner Hand wiesen mir den Weg, bis sich plötzlich etwas änderte. Der letzte Pfiff von ihm hatte mir offenbart, dass wir auf einer kleineren Lichtung waren. Drei Zelte standen hier und trappelnde Füße verrieten mir, dass man unserer Ankunft gewahr geworden war. Kaths Stimme donnerte. "Finger weg! Bringt uns ein Abendessen, dann lasst uns in Ruhe!" Der Elf war es gewohnt Befehle zu bellen und die Personen hier, von ihm solche zu empfangen. Noch immer schweigend und nunmehr angespannt folgte ich ihm in eines der Zelte.

Er nahm mir meinen Rucksack ab, führte mich geflüsterter Worte im Zelt herum, machte mir den Raum bekannt. Zuletzt setzte ich mich auf dem Bett hin, seufzte. Ich wollte ihn nach der Planung der nächsten Tage fragen, doch ehe ich ansetzen konnte, wurde uns das Abendessen gebracht. Es folgten wiederum schweigende Minuten, bis er den Mann mit harschen Worten aus dem Zelt scheuchte. Irgendwie kam ich mit diesem rasanten Wechsel an Zutraulichkeit und Aggression icht ganz mit. Aber genau so ging es weiter.

Mit leisen Schritten näherte er sich mir. "Hast du Hunger, Liebster?" Ein Säuseln, dass meine Ohren vernahmen. Ich wandte ihm das Gesicht zu. Diesmal erforderte es mehr Mühe für mich mein Lächeln aufzusetzen. Und auch noch es möglichst verliebt sein zu lassen. "Ja. Das letzte Essen ist lange her." Er gluckste verliebt. "Apfel?" - "Gern." Seine Wärme lag unmittelbar vor mir, scheinbar trennte uns nur wenig Abstand. "Zieh dich aus." Wieder war der sanfte Ton verschwunden, ließ meine Stirn dich kräuseln. "Was?" - "Du musst für dein Essen schon was tun." Ich seufzte. "Ich bin bereits hier." - "Das reicht für Bett und Unterkunft." Ich zögerte. Aber es half nichts, wollte ich mein Spiel erfolgreich spielen, musste ich gehorchen. Also wieder ein Lächeln. Ich zog mich aus, bis mich lediglich nur noch mein Hemd bedeckte. Die Waffen hatte ich vorsorglich direkt neben dem Bett abgelegt, man wusste nie. Die Rüstung lag vertrauenserweckend etwas weiter weg.

Im nächsten Moment legte sich seine Hand auf meine Brust, drückte mich ohne Gegenwehr zu dulden aufs Bett nieder. Ich unterdrückte ein Schluchzen, dann stellte ich die Beine auf. Ich kannte ihn zu gut um der Hoffnung zu erliegen, dass er mich ohne solche Tat davonkommen ließ. Er legte sich zwischen meinen Beinen nieder, dann begann er mich zu liebkosen. Es folgten viele innige Momente, in denen ich ihm gut und gerne Liebe glauben konnte. Er fütterte mich mit dem Abendessen, kuschelte sich an mich, küsste mich, liebkoste mich. Die Nacht war noch jung gewesen, wurde nun mit Liebesgeflüster und den Geräuschen der Körperlichkeit erfüllt. Erst als der Morgen graute, wurde es still in unserm Zelt.

Auch wenn er für seine Art liebevoll gewesen war, mich schmerzte nahezu jeder Knochen und jeder Muskel. Seine Liebe war fordernd. So schlief er schon viele Stunden lang, bis ich mich erholt hatte und ebenfalls an Schlaf dachte. Mein letzter Gedanke an diesem Tag war der gleiche wie der erste: Ich hätte mit dir gehen sollen, Thanris.



Die folgende Nacht verlief ruhig. Kath hatte mich erstaunlich sanft geweckt, dann hatten wir uns die halbe Nacht lang unterhalten. Er hatte mir von seiner Stellung erzählt, eine Lobeshymne auf den Schattenhammerclan gesungen. Ich hörte ihm zu, sprach mit ihm, heuchelte Interesse, was erstaunlich gut aufgenommen wurde. Und nicht erkannt wurde. Schließlich aber hatte er die Sachen gepackt und mich anschließend aus dem Zelt geführt. Wir warteten eine Weile, in der die Zelte abgebaut wurden, dann setzte er mich zuvorderst auf ein Reittier und sich selbst dahinter. Welches Reittier es war, weiß ich nicht, so eines hatte ich bisher nicht kennengelernt. Sein Schritt war groß, die Haut rau. Kein Fell war zu führen und in der Situation war das Reittier für mich nicht wichtig.

Wir waren lange geritten, meinem Zeitgefühl nach musste es schon Morgen sein. Die letzten Stunden hatte ich an Kaths Brust gelehnt und im Halbschlaf verbracht. Er hatte mich nicht gestört, nur ein paar Mal war ich wegen einer komischen Schrittfolge des Tieres hochgeschreckt. Die restliche Zeit hatte ich in Gedanken geschwelgt, mich in Thanris Nähe gewünscht, ihn herbeigesehnt. Jetzt aber hatte auch das ein Ende, denn wir hielten an. Es war laut um uns herum geworden, viele hundert Stimmen sprachen durcheinander. Kath stieg ab und hob mich danach herunter. Leise hörte ich seine Stimme an meinem Ohr. "Warte hier, ich hole dich gleich ab." Stumm nickte ich, das Geräuschegewirr verwirrte mich. Man kochte, schmiedete, quasselte. Man sang, rannte, stritt. Ich war hier völlig blind, wo also hätte ich hingehen sollen? Kath war und blieb clever. Und ich war mir ziemlich sicher, dass er mich mit Absicht hiergelassen hatte.

So bemerkte ich auch nicht, wie man sich mir näherte. Erst, als die tiefe, geknurrte Stimme zu mir sprach, nahm ich den Mann wahr. "Wer bist du?" Ich musste ihm so irritiert entgegen geblickt haben, wie ich mich fühlte, denn er setzte gleich nach. "Sprich oder ich bring dich hier raus." Instinktiv lief eine Gänsehaut über meinen Nacken. Ich richtete meine Sinn auf den Mann, während ich sprach. "Ainyael Schattenklaue. Ich bin mit Kath'ranis hier." Die ekelerregende Aura dunkler Magie schlug mir entgegen, der Geruch von Schweiß und schlechtem Atem. "Er pflegt keine Besucher zu haben!" Knurrend sprach er, nur kurz später spürte ich eine große und überaus starke Hand an meinem rechten Handgelenk. Ich schluckte, zur Sicherheit legte sich meine andere Hand auf meinen Waffengriff. "Ich bin sein Gefährte, lass mich gehen." Streit wollte ich gerade hier eigentlich keinen, doch mit einem Mal wurde mein Arm herumgerissen. Von der Wucht mitgezerrt folgte ich dem Schwung und war zunächst zu irritiert, um mich gegen seine zweite Hand zu wehren, die meinen Unterarm griff. "Kath'ranis Gefährte dient dem Zirkel und hat hier nichts verloren." - "Und dennoch steht er hier!" - "Du lügst!" Und damit griff er erneut fester zu. Ich war im Begriff die Waffe zu ziehen, als er mich erneut herumriss. Ich fiel zu Boden, doch hielt er mich so fest, dass ich mitten in der Bewegung vor Schmerz aufschrie und inne halten musste. Ein kühles "Verschwinde!" zischte in meinem Ohr. Ich wollte mich erheben, spannte mich an, aber sein Druck drückte mich nach unten nieder. Knurrend versuchte ich mich umzuwenden, gab aber mit neuerlichem Schmerzensschrei auf. Meine Kraft zu seiner war zu viel für meinen Unterarm gewesen. Vom Knochen bis in mein Ohr drang das Knacken, als der Knochen nachgab. Ich fiel seitlich vornüber. Die Faust, die sich dann mit Wucht in mein Gesicht grub, nahm ich erst sekundär wahr. Jappsend lag ich auf dem Boden, es zog sich urplötzlich ein magischer Schwall über mich, dann rumpelte es neben mir. Der Mann, der eben noch auf mich einschlug, stöhnte schmerzhaft neben mir auf. Unter Rauschen hörte ich Kaths wütende Stimme, dann wurde ich hochgehoben. Ich wehrte mich nicht, wie auch? Die Welt wurde langsam aber sicher völlig leer für mich und rückte in die Ferne. Die Bewegung der Schritte Kaths verblasste, Wärme umpfing mich, ließ Schmerz und das Pochen in meinem Arm verblassen.



Als ich wieder zu mir kam, war es die Decke über mir und ein Männerkörper neben mir, die ich spürte. Eine Hand strich beständig über meinen Bauch, beruhigend. Und so blieb ich auchwirklich erst einmal still und ließ Kath reden. Er unterhielt sich mit einer ihm wohl gleichgestesllten Kultistin. Und den Ärger über den vor Kurzem geraubten Kommunikationskristall der Ausgrabung in Dunkelküste. Unwillkürlich musste ich Schmunzeln, staunte aber im Verlauf des Gespräches. In keinster Weise ließ Kath sich anmerken, dass ich der Dieb gewesen war. Oder dass er überhaupt den Dieb mitbekommen hatte. Er sprach von den Explosionen und der folgenden Unruhe, aufgrund derer er das Zelt verlassen und einige Männer angewiesen hatte, die Umgebung abzusuchen. Kath selbst hatte sich selbst daran beteiligt und erklärte so den längeren Ausflug mit mir. Er hatte gut und schamlos lügen gelernt. Und bewies mir gerade damit Loyalität. Welch Ironie.

Seine Hand strich beständig weiter, rutschte aber auch immer weiter an meine Seite von meinem Bauch herunter. Am Rande meines Wahrnehmungsfeldes zog sich Schmerz durch. Wäre es am gebrochenen Arm gewesen hätte ich es verstanden, aber an meiner Seite? Probeweise stieß ich ein Seufzen aus, was die Hand und das Gespräch stoppen ließ. Kurzes Schweigen folgte, dann die Abschiedsworte der Frau. Ich versuchte meinen Arm zu fühlen, nahm aber nur dumpfes Pochen wahr. Schmerzmittel. Noch ehe ich mich weiter dem Gedankengang widmen konnte, gab es neben mir Bewegung, ein leises Flüstern an meinem Ohr. "Sh, ruhig. Der Kerl ist mittlerweile so verunstaltet, dass er seiner Aufgabe als Wächter noch um einiges besser und vorallem bedacher vorgehen wird." Schneidend kalt war seine Stimme, wurde aber weicher, als ich wiederum wimmerte. Was hatte er mit mir getan? "Beruhig dich, mein Lieber. Du bist in meinem Bett sicherer, als du je irgendwo sein könntest. Dein Arm ist gerichtet und geschiehnt worden, er wird wieder heil zusammenwachsen. Ich habe dir einen Trank gegen die Schmerzen gegeben. Vermutlich reagiert dein Körper etwas über, so dass du müde bist. Jedenfalls hast du für deine Verhältnisse sehr lang geschlafen. Fast einen gesamten Tag." Ich versuchte mich, auf den unbeschädigten Arm abstützend, mich aufzurichten, wurde aber mit sanftem Druck auf meine Brust zum Liegen gebeten. "Heute ruh dich noch aus. Morgen schicke ich dich mit einem Kämpfer zurück, der dich bei Lor'Danel absetzt. Dann hast du es nicht mehr weit. Und vermutlich hat der Zirkel mehr Zeit und bessere Möglichkeiten dich zu verarzten als ich." Ein Kuss folgte, dann atmete ich leise aus. Und stellte die Frage, die mir auf der Seele brannte. "Warum schmerzt meine Seite?" hauchte ich ihm entgegen. Leise lachte Kath auf. Ein Lachen, dass mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. "Ich musste schauen, ob du noch lebst. Du warst völlig reglos. Aber auf eingeritzte Haut hast du reagiert. Naja... dabei habe ich festgestellt, dass das so seinen Reiz hat. Ein paar Mal bin ich vielleicht zu tief gerutscht mit dem Messer." Während in mir Wut hockochte, lachte er wieder auf. "Du seufzst dabei so lieblich." Mit einem Knurren versuchte ich erneut mich aufzusetzen, fauchte ihm entgegen. "Das hast du nicht getan! Kath! Du nennst dich Liebhaber und Gefährte und ritzt mir den Leib auf!" Es flgte stutziges Schweigen, Zeit, in der ich meine Seite befühlte. Drei noch immer blutige Schitte führten von der linken Hüfte hinauf zum Bauch. Er hatte sich nicht zurückgehalten und tat es auch jetzt nicht. Anstatt mir zu antworten, setzte er sich selbst auf, rutschte vor mich und drückte mich erneut nieder. Sein Gewicht legte er auf meinen rechten Ellbogen, ließ so eine Welle Schmerz meinen Körper durchfluten. Das Medikament ließ langsam nach. Ohne eine Reaktion abzuwarten lagen seine Lippen auf meinen, schob er sich zwischen meine Beine. Im Anschluss griff er nach etwas. "Wehr dich nicht. Ich will spielen, nicht töten. Und dir wird es gefallen." Zu der Wut in meinem Innern gesellte sich Angst, als er die Hand zurückzog und mich die Kälte einer kurzen Klinge spüren ließ. Erneut hauchte er in mein Ohr. "Glaub mir, es wird dir gefallen."

Stunden später fand auch dieser Tag sein Ende. Kaths Tun wurde jäh unterbrochen, als ihn jemand mit gebelltem Befehl fortschickte. Endlich. Das Betttuch war mittlerweile völlig durchnässt. Schweiß, Blut, Tränen. Nein, es hatte mir nicht gefallen, aber ihn kümmerte es nicht. Seiner Meinung nach war es ein Zustand, den man durchstehen musste, um am Ende völlig glücklich zu werden. Als ich mich jappsend vor Schmerz in die feuchte Decke einwickelte ar mir, als habe er Recht. Es würde besser werden. Aber nicht so, wie er es dachte. Und dennoch: Ich hätte mit dir gehen sollen, Thanris. Du wirst unendlich wütend werden, wenn du von alledem hier erfährst. Ich hoffe, du fragst nicht danach. Aber ich glaube nicht daran.



Ein Kuss an meinem Ohr weckte mich. Unter schmerzhaftem Stöhnen wachte ich auf, drehte mich auf den Rücken. "Frühstück. Und danach musst du mit Gor'Tesh los. Er ist Ork, aber handzahm." Ich nickte stumm, beim Aufsetzen half er mir. Genauso beim Essen. und Anziehen, meine Sachen waren schon gerichtet. Der Aufbruch ging so schnell, als wolle er mich zwingend forthaben. Als er mich aus dem Zelt führte, fragte ich ihn. "Wann sehen wir uns wieder?" Ich hatte immens viel Mühe meine Worte ruhig und sanft scheinen zu lassen. Aber es schien zu wirken, denn die Antwort kam prompt und verführerisch stichelnd. "Hat es dir also doch gefallen?" Ouh. Nein, aber Wahrheit war nicht förderlich für meinen Plan. Also nickte ich. "Ich will wieder bei dir sein. Was hälst du von etwas Ruhigerem? Die kleine Plattform in den Hügeln Eschentals?" Einem verliebten Jungen gleich beugte er sich zu mir herüber, legte einen Kuss auf meine Wange. Freude schwang in seinen Worten mit. "Soll ich dich irgendwo abholen?" Ich schüttelte den Kopf. "Sag mir nur, wann ich da sein soll." Die Antwort kam prompt und erfreut. "Gib mir zwei Wochen." Ich lächlte, nuschelte ein "In Ordnung." und wurde vorgeschoben. Eine kräftige Orkhand legte sich auf meine Schulter, als mich eine tiefe, dialektische Stimme begrüßte. "Grüße Orktod, ich bin Gor'Tesh. Ich bringe dich heim." Ironisch das aus einem Orkmund zu hören. Der große Kerl wartete, als Kath mich von hinten umarmte. Glücklich drückte er sich an mich. "Schön dich wiederzuhaben." Mit diesen worten entließ er mich und noch ehe ich etwas erwidern konnte packte mich der Ork und hob mich auf eines dieser seltsamen Reittiere.

Viele Stunden später hatte ich wieder festen Boden unter den Füßen. Gor'Tesh hatte seine Aufgabe gut erfüllt und mich ohne Zwischenfälle im Wald direkt vor Lor'Danel abgesetzt und kehrt gemacht. Nur wenige Schritte trennten mich von der Ortschaft und meinem Flug nach Darnassus. Instinktiv war mir, dass ich Thanris nicht treffen würde. Er war sicherlich noch unterwegs. Ich legte den Kopf in den Nacken und seufzte. Bitte kehre bald zurück und schließ die Wunden, die er gerissen hat. Bitte lass die Erinnerung verblassen und den Alptraum enden.

 

15.12.2011

 

Wie immer, wenn ich träume, fing auch dieser mit absoluter Dunkelheit an. Ein mir bekannter Hauch Geruch lag in der Luft. Es war irgendwie eine Mischung aus Zweien, wenn ich es genau nehme. Süßlich, vertrauenerweckend. Die Erinnerung anregend. Wie ein Bad in Wohlgefühl suhlte ich mich erst eine Weile darin, bevor ich überhaupt erst daran dachte etwas anderes zu entdecken.

Wie immer, wenn ich mich nicht auskenne, streckte ich auch hier die Hände nach vorn aus, begann zu fühlen. Um mich herum war es warm, angenehm. Irgendwie war ich mir sicher, dass dies nie und nimmer ein schlechter Traum werden konnte. Im Nachhinein betrachtet bin ich mir aber immer noch nicht sicher, ob er nun gut oder schlecht war.

Als ich so für mich tastete bemerkte ich, dass ich wohl im Bett lag. Ja, das Bett. Ohnehin mein Lieblingsort. Ich griff nach der Decke, sie war sehr weich und warm, und zog sie mir bis über die Ohren. Während ich mich so erneut einkuschelte, bemerkte ich ein zusätzliches Gewicht auf mir. Ich verharrte in der Bewegung und lauerte gebannt auf das, was da kommen möge.

Langsam und fast schon zärtlich wurde mir ein Stück der Decke geklaut und von meinem Ohr weggezogen. Es durfte, es konnte einfach nichts Schlimmes passieren! Und das tat es auch nicht: Ich spürte warme Lippen an meinem Ohr, die einen leichten Kuss darauf hauchten. Mir entfuhr ein freudiges Glucksen. Oh, Zuneigung, das bekam ich gern. Wer nicht? Oh, wobei, da fiele mir spontan jemand ein. Kurz flackerte Thanris' Bild in meinem Inneren auf, wurde aber sogleich wieder weggewischt von einem leichten Glucksen des anderen und einem verliebten Kuss auf meine Schulter. Vorsichtig rollte ich mich auf den Rücken und bemerkte dabei, dass derjenige sich mit beiden Armen an meinen Seiten abstützte. Die Decke glitt von meinem Körper und binnen Sekunden lag der offensichtliche Mann völlig über mir. Und genauso binnen Sekunden war die Decke über ihn gezogen worden, so dass wir zwei uns vollständig unter dem wohlig warmen Ding ankuscheln konnten.

Der Atem des anderen ging ruhig. Keiner von uns beiden rührte sich, schien auf ein Zeichen des anderen zu warten. Mit jedem neuen Herzschlag keimte die Erkenntnis in mir auf, wen ich da eigentlich vor mir hatte. Ich konnte mich der Erkenntnis nicht erwehren, dass es doch ein schlechter Traum werden könnte. Doch irgendwie schien hier etwas anders zu sein, als ich es aus meiner Gegenwart her kannte. Allein der Geruch schon sagte mir, dass es Kath'ranis war, den ich hier vor mir hatte. Aber irgendwie verhielt er sich anders, als ich es von ihm gewohnt war.

Mich versichernd hob ich die Hände an, legte sie behutsam auf seiner Brust ab. Er zuckte nicht einmal zusammen, sondern beugte sich zu mir herunter, legte einen Kuss auf meine Stirn. Meine Fingerspitzen strichen tastend über seine Haut, suchten die kleine, fleischige Narbe auf seinem Brustbein. Doch nichts war zu spüren. Irritiert ließ ich meine Finger weiter wandern, das Schlüsselbein hinauf bis zum Ansatz seines Halses. Der Körper, der sich nun langsam endgültig auf mir ablegte und mir seine Wärme schenkte, war nicht ansatzweise so kräftig gebaut, wie Kath es heutzutage war.

Den Weg zu seinem Gesicht hinauf ersparte ich mir. Als er sich auf mir ablegte hatte es mir jeglichen Atem verschlagen. Ich spürte seinen Körper in der Gänze, die Wärme, die Zärtlichkeit dahinter. Jede Bewegung des Körpers wurde spürbar, ließ Muskeln sich bewegen und über den meinen Körper streichen. Kath begann mich zu liebkosen. Zunächst die Wangen, dann weiter herunter, das Kinn, den Hals, die Schulter, Schlüsselbein, Brust. Jede Bewegung, jeder Kuss ließ eine Wonne Wohlgefühls in mir aufsteigen. Ich dachte, ich müsste innerlich explodieren. Außerdem hatte sich mein Verdacht bestätigt, so wog ich mich in Sicherheit. Kaths Gesicht strich beständig über meine Haut und ließ mich den geliebten Stoppelbart spüren. Heute war jener Stoppelbart zu einem gepflegten Vollbart geworden.

Langsam drückte ich den Rücken zu einem Hohlkreuz durch. Kath verstand wohl und schob die Arme unter meinem Rücken hindurch. Ich klammerte mich an seinen Schultern fest, wie sehr liebte ich das. Dieses Gefühl vollkommener Geborgenheit, sich fallen lassen zu können, den Moment innig auf ewig in meinen Erinnerungen festzuhalten.

Doch wieder war etwas seltsam. In dem Moment, in dem er mich umschlungen hatte, hatte sich etwas geändert. Die Arme waren kräftiger, der ganze Körper muskulöser geworden. Wieder verharrte ich, irritiert, in allen Bewegungen. Ich legte den Kopf in den Nacken, die Stirn in nachdenkliche Falten. Ein tiefes Grollen stieß mir entgegen, bevor ich seidige Lippen auf meinem Hals spürte. Keine Spur mehr von einem Bart, mit wem hatte ich es nun zu tun?

Ich ließ die Hände von seinen Schultern herunter wandern, die Arme und letztlich auch die Brust erkunden. Seidiges Haar fiel von seiner Schulter herab und mir entgegen. Nur langsam änderte sich der Geruch, nahm eine kräftigere, männlichere Note an. Auf seiner linken Brust ertastete ich langsam aber sicher ein Mal, das mir nur allzu bekannt war. Wieder flackerte Thanris' Bild in mir auf. Fühlte ich mich eben völlig geborgen,war ich nun sowas wie verzweifelt. Binnen Augenblicken schossen mir Erinnerungen an gemeinsame Nächte in den Kopf, ließen mich erschauern und Beklommenheit in mir aufsteigen.

Über mir fing sein Körper an sich zu regen, sich an mich zu klammern, einen innigen Rhythmus zu geben und einzufordern. Bei Elune, wie sehr wollte ich das. Und wie sehr erinnerte es mich und ließ mich verzweifeln. Nie wieder würde ich das fühlen dürfen, ihn nicht riechen dürfen, die Geborgenheit nicht mehr fühlen dürfen. Und auch nie wieder diesen Rhythmus, der mich immer wieder in den wohligen Wahnsinn trieb.

Thanris' Bewegungen wurden heftiger, fordernder. Er schien mit einem Mal überall zu sein, über mir, unter mir, rechts und links. Ich wehrte mich nicht, wie denn auch? Wie sollte man sich gegen das wehren, was man sehnlichst herbeiwünschte? Ich klammerte mich fest an ihn, gab ohne Protest zurück, was er von mir forderte. Mit jeder so wohlig verstrichenen Sekunde wurde mir eines umso klarer: Ich brauchte ihn. Schon allein um nicht ständig meine Umwelt mit der aufgesetzten fröhlichen Maske zu täuschen. Und um nicht darunter mit jeder Minute weiter zu zerfallen.

Laut dröhnte es in meinen Ohren. Ein Glockenschlag, der eher Verwandtschaft mit einem Hammerschlag hatte, hallte in meinem Kopf wider. Thanris' Bewegungen stoppten nicht, aber sie fingen unweigerlich an ferner zu rücken. Ich verzweifelte. Nein! Das durfte nicht sein, es sollte weitergehen, ich wollte ihn wieder haben!

Die Welt begann sich zu schütteln, schüttelte so den geliebten Elfen in weite Ferne. Und dafür bemerkte ich, wie mich etwas am Arm festhielt. Fauchen mischte sich in den Glockenton, dann hörte ich die dunkle, nervige Stimme einer Zwergin: „Aufwachen!“ Instinktiv wischte ich mir übers Gesicht, bemerkte die Nässe darüber. Ich jappste, dann setzte ich mich auf. Wieder schüttelte es mich, diesmal war ich es selbst. Tränen rannen die Wangen herunter, ließen den Griff um meinen Arm weicher werden. „Oh, Ihr habt schlecht geschlafen. Keine Sorge, ich mach Euch ein so wunderbares Frühstück, den Traum vergesst Ihr ganz, ganz schnell!“ Die Zwergin lachte tief, ich erkannte sie als die Gastwirtin wieder, die mir dieses Bett zur Verfügung gestellt hatte. Beschwingt schlenderte sie davon.

Als sie aus dem Zimmer war, kletterte Fay auf meinen Schoß. Das Fell war warm, sie kuschelte sich an mich. Leise hörte ich ihr wohliges Schnurren, mit dem sie beständig versuchte mich zu trösten. Doch auch dieses Mal blieb mir nichts anderes übrig, als das Tier an mich zu drücken, die Tränen des neuen Weinkrampfes in ihr Fell laufen zu lassen. Es war das Ende, was diesen Traum zu einem schlechten gemacht hatte.

12.12.2011

 

Wieder und wieder schüttelten mich meine eigenen Krämpfe durch. Die Decke hatte ich mir über den Kopf gezogen, das Kissen hatte mittlerweile kaum einen trockenen Flecken mir. An meiner Seite spürte ich den kleinen Körper von Fay, aber sie war mir jetzt absolut egal. Immer und immer wieder schoss mir nur ein Gedanke durch den Kopf, ließ unentwegt neue Tränen das Kissen befeuchten und mich schütteln. Ich hatte es verbockt. Ich hatte es nach Strich und Faden, in der Eleganz eines Elekks, einfach verbockt. Aus Dummheit und weil ich meine verfluchte Klappe einfach nicht halten konnte, war ich einfach zu weit gegangen. Ein unverzeihlicher Fehler.

Drei Tage war es jetzt her. Seit drei Tagen hatte ich nun nicht geschlafen, das Essen gemieden. Drei Tage, die mich alle Kraft kosteten um meine freudige Maske aufrecht zu erhalten. Bis ich mich abends allein in mein Bett legte und einfach zu erschöpft war um alles zurück zu halten. Ein unverzeihlicher Fehler. Ein Fehler, der mich um den Verstand brachte, aber wem machte ich etwas vor? So, wie ich Thanris kannte, war dies nicht nur ein unverzeihlicher, sondern ein entgültiger Fehler gewesen. Und es war allein meine Schuld. Immerhin ein Gutes hatte die Sache: Er war der erste Gefährte, der mich überlebte. Mich und meinen alles mordendenden Verfolger. Kath'ranis, so er davon erfuhr, dass ich Thanris gehen ließ, würde sich mehr als immens freuen. Und dafür hasste ich ihn bald mehr als für alle Taten, die er zuvor an mir verübt hatte.

Als mich der nächste Weinkrampf packte, diesmal nicht mehr vor Verzweiflung, sondern auch Wut über Kath und vorallem über mich, jammerte Fay leise auf. Das Schiff war ständig in Bewegung und sie kam weder mit meinem Zustand, noch dem wackeligen Untergrund klar. Was das Letztere anging konnte ich mit ihr mitfühlen. Auch ich hatte so meine Probleme mich zum Einen in der neuen Umgebung zurecht zu finden, zum Anderen schaukelte diese Umgebung auch noch. Und auf offener See auch gerne mal recht bedrohlich. Eigentlich wollte ich auch gar nicht hier sein, aber ich hatte eingewilligt. Und letzten Endes war diese ganze Reise ohnehin nur für mich gedacht.

Wie also war ich hierher gekommen? Einen oder zwei Tage, nachdem ich Thanris von mir wieß, saß ich wie üblich an der heulenden Eiche. Ich hatte es nicht mehr aushalten können durch die Stadt zu gehen und gute Laune vorzuspielen, wo keine war. Eine Worgin gesellte sich zu mir und wir verfielen ins Gespräch. Um mich abzulenken und aufzuheitern, bot sie mir diese Schifffahrt an. Nach Sturmwind. Und nun, nun lag ich hier, in einem fremden Bett, auf einem fremden Schiff, auf dem Weg zu einer fremden Stadt, mit fremden Leuten. Was zuerst als gute Chance erschien, ließ mich jetzt erkennen, dass ich alles hinter mir ließ, was mir wirklich etwas bedeutete, um als unbeschriebenes Blatt auf einem neuen Kontinent geweht zu werden. Ich hoffte inständig, dass die Reise auch wirklich nur eine Woche dauerte.

Man konnte Wutpfote keinen Vorwurf machen. Sie war eine wirklich freundliche, gar liebevolle Worgin. Sie hatte sogar ohne groß Vorbehalte zu zeigen erlaubt, dass ich meine Destille und die Kräuter aus Thanris Zimmer holen und hier unterbringen durfte. Ungeduldig, wie ich war, hatte ich beim nächstbesten Zeitpunkt auch gleich begonnen das Zeug umzuräumen. Und hatte mit viel Mühe Thanris eine Nachricht hinterlassen, im Nachhinein das Todesurteil für alle Hoffnungen, die ich bis dahin noch aufbringen konnte. Ich war also wie gewohnt Hals über Kopf einfach losgestürmt. Und heimste nun meinen Ärger dafür ein. Naja, man erntet, was man sät. Und ich habe viel gesät. Vorallem krummes Zeug.

Es blieb die Frage offen, was in Sturmwind passieren würde. Wutpfote wollte mit mir "Maronen" essen und einen "Schmusehund" suchen. Das versprach immerhin kurzweilig Ablenkung. Und ich war gespannt, was noch alles passieren würde. Angeblich sollte die Stadt stinken und viel zu laut sein. Es sollte Bäume in Steinen geben und Wasser in den Straßen. Nach eintausendsechshundert Jahren mein erster Ausflug auf den anderen Kontinent. Ach, wenn Thanris nur dabei wäre...

Den letzten Gedanken schluckte ich sogleich wieder herunter, immerhin war ich inzwischen sowas wie ruhig geworden. Vorsichtig streckte ich den Kopf unter der Decke hervor und schnüffelte. Der Geruch nach Gebratenem hatte sich breit gemacht. Gestern hatte es Reh in Pilzsoße gegeben, auf eine Art, die ich noch nicht kannte. Die aber durchaus sehr genießbar war, wenngleich ich das Meiste davon eh stehen ließ. Und dazu Wein. Ich hatte mich nicht getraut einen Schluck zu nehmen, Wein ist Alkohol. Ich mag Alkohol in meinen Tränken oder Elixieren schon nicht. Er benebelt die Sinne und macht aus normalen Elfen wildgewordene... Irgendwasse. Weder das eine wollte ich in einer fremden Umgebung nicht eingehen, noch das andere. Also ließ ich es bleiben und begnügte mich mit Wasser.

Neugierig, was es wohl heute zum Essen gab, glitt ich leicht unter der Bettdecke hervor. Zunächst hielt ich mich am Bett fest, das Wanken war mir wirklich nicht geheuer. Es hatte was vom Getragenwerden, was ich abscheulich fand. Nur langsam legte ich den Weg zur Tür zurück, spürte an meinen Beinen immer wieder Fays Fell. Das Tier folgte artig auf Schritt. Langsam und versucht leise öffnete ich die Tür und nahm einen großen Atemzug an dem einzig wirklich Wunderbaren dieser Reise: Der Seeluft.

09.12.2011

 

18:40:48 [Ainyael]: Fay! Ouh.. komm schon...
18:43:43 [Ainyael]: Fay... nun mach schon... ich hab da wirklcih grad keine Lust drauf...danke
19:04:34 Ainyael hat die Beine von Fay auf seinen liegen. Zärtlich fürsorglich streicht er über den NAcken des jungen Tieres, dass bei Kaths Annäherung seltsam auffaucht.
19:04:35 Kathranîs betrachtet Ainyael mit steinernem Gesicht.
19:04:55 [Ainyael]: Nein Fay... hier.. hrmpf...
19:05:12 Ainyael legt den Kopf leicht schief und schnüffelt.
19:05:24 [Ainyael]: ouhm.... Kath...?
19:05:43 Kathranîs sieht betrübt auf den Boden.
19:06:00 [Kathranîs]: Vielleicht empfindest du den Verlust deiner Augen nicht... Mich schmerzt er.
19:06:58 Ainyael blinzelt. Und blinzelt nochmal. Dann wird die Stirn gerunzelt und Fays Pfoten von den Beinen geschoben. Mit leisem, eingeschüchtertem AUffauchen versteckt sich das Tier unter der Bank.
19:07:14 [Kathranîs]: Es... macht dich so....verletzlich.
19:07:21 [Ainyael]: Ich vermisse nicht, was ich nicht kenne... das weißt du.
19:07:51 Kathranîs nickt ... mehr für sich und kniet nieder.
19:08:55 Kathranîs fährt mit den Fingern durch das Gras.
19:09:10 [Kathranîs]: Es ist nicht leicht. Du bist so sanft und weich...
19:09:53 [Kathranîs]: Ich bin immer in Sorge.
19:10:05 Ainyael legt den Kopf auf die andere Seite. Die Hände legt er auf seinen Knien ab, verkrampft die Finger darum und... horcht zu. Zur Abwechlsung.
19:10:05 [Kathranîs]: Dazu verdammt deinen Tod zu fürchten.
19:10:30 Kathranîs legt seine Hände auf Ainyaels Füße.
19:11:17 [Ainyael]: Kath?
19:11:24 Kathranîs sieht auf.
19:11:26 [Kathranîs]: Ja?
19:12:07 [Ainyael]: Ich fürchte meinen Tod nicht. Wenn ich ehrlich bin, hätt ich den langsam gern. Nur irgendwie... machst dus nie.
19:12:35 [Kathranîs]: *hart* Hör auf so zu reden.
19:12:55 [Kathranîs]: Ich fürchte meinen eigenen Tod auch nicht.
19:13:11 [Ainyael]: dann fürchtest du Thanris nicht?
19:13:53 [Kathranîs]: *schnell, hart* Natürlich fürchte ich dieses Käuzchen nicht. Diese lächerliche Figur!
19:14:38 Ainyael seufzt leise. Das Gesicht wird gen Meer gestreckt.
19:14:49 [Kathranîs]: Du weißt es jetzt noch nicht..
19:14:53 [Ainyael]: Er wird dein Tod sein. Er hats gesagt und er macht, was er sagt...
19:15:17 [Kathranîs]: ... seine seltsamen Possen und sein Wortgeflirr mögen dich jetzt noch berühren...
19:15:40 [Kathranîs]: ... aber er schwätzt nur.
19:15:47 [Kathranîs]: Das... kann ich dir nicht erklären. Das musst du selbst erfahren.
19:16:31 Kathranîs erhebt sich langsam und blickt ebenfalls zum Meer.
19:16:40 [Ainyael]: Kath... du hast gesagt, dass du ihn gehen lässt, käme ich zu dir...
19:16:43 [Ainyael]: Das Problem ist nur... Er ließe dich nicht gehen, käme ich zu dir. Was also soll ich tun?
19:17:01 [Ainyael]: Ernsthaft?
19:17:19 Kathranîs betrachtet Ainyaels Gesicht.
19:17:30 [Ainyael]: Gehe ich zu dir, gehe ich zu dem, der mich nach Strich und Faden immer benutzt hat für seine Zwecke.
19:17:47 [Ainyael]: Gehe ich zu ihm gehe ich zu dem, der mir zwar loyal ist, aber nie da.
19:17:45 [Kathranîs]: *leise* Ain...
19:18:03 [Ainyael]: mh?
19:18:11 [Kathranîs]: So empfindest du?
19:18:57 [Ainyael]: Du hast mir nie Grund gegeben irgendwas... anderes zu empfinden. *kühl*
19:19:02 Kathranîs fährt sanft mit seinen Fingern durch Ainyaels Haar.
19:19:21 [Kathranîs]: ... Ich... muss wohl akzeptieren, dass du so empfindest. Alles was ich tue.. tue ich für dich.
19:19:49 [Ainyael]: PFts.. das sagst du ständig...
19:19:58 Ainyael zieht den Kopf beiseite, das Haar so aus seinen Fingern.
19:20:12 [Kathranîs]: Es sind Dinge, die weltumspannender sind als Moral und ... angenehme Dinge...
19:20:26 [Kathranîs]: Glaube mir doch.
19:21:14 [Kathranîs]: Irgendwann wirst du es sehen.
19:21:23 [Ainyael]: Warum sollte ich, mhm? Nur weil du ein paar Mal, wenn du Lust darauf ahst, dich mir zuwendest?
19:21:40 [Kathranîs]: *laut* Ain!
19:21:57 Ainyael zuckt unter dem Ausruf zurück, das war wohl dezent zu laut.
19:21:51 [Kathranîs]: Ich tue es, wann immer ich kann!
19:22:01 [Kathranîs]: Das hat nichts mit Laune zu tun!
19:22:26 [Kathranîs]: Die Lust... ist immer da...
19:22:29 [Ainyael]: Aye.. mti was dann? Schicksal?
19:22:45 [Kathranîs]: Schicksal. Das Wort ist zu groß für irgendwas...Ich will dich immer...
19:23:22 [Kathranîs]: Was du als Laune bezeichnest sind Ausbrüche, wenn ich es nicht mehr halten kann.
19:23:48 [Ainyael]: Von? Hilfsbereitschaft? Liebe? Ouh.. nette Interpretation einer Vergewaltigung.
19:23:59 Ainyael murrt und rutscht auf den Boden, sucht einen Schritt Abstand.
19:24:21 Kathranîs vergräbt das Gesicht in seinen Händen.
19:24:34 [Kathranîs]: Es.. es tut mir so leid... wenn ich dir wehtue.
19:25:18 [Kathranîs]: Ich.... Was soll ich denn tun?
19:28:48 [Kathranîs]: *leise* Du bist so wunderschön und.. zart... und
19:28:49 Ainyael reibt sich mit genervtem Seufzen das Gesicht.
19:29:02 [Ainyael]: Wie wäres einfach mit.. öhm.. 'tshculdige... in Ruhe lassen?
19:29:16 Kathranîs versteinert.
19:29:51 Kathranîs versucht Ainyael unvermittelt und brutal zu Boden zu stoßen.
19:30:40 Ainyael ist völlig überrascht von dem Angriff. Im Versuch sich zu wehren reißt er noch die Arme nach oben, rauscht dann aber rücklings zu Boden
19:30:46 [Ainyael]: Kath! *fauchend*
19:31:10 Kathranîs beugt sich zu Ain runter und brüllt. Eruptiv.
19:31:26 [Kathranîs]: Das ist dieser Idiot in deinem Kopf! Thanris!
19:31:49 [Kathranîs]: Du musst ihn da raus kriegen!
19:32:14 Ainyael sucht sich unter ihm auf den Bauch zu rollen und einen Satz nach vorn zu machen. Zuhören tut er wohl nicht mehr, die Ohren zucken, der Körper ist angespannt. Panik.
19:32:15 [Kathranîs]: Der setzt dir diese dummen Verhaltensregeln in den Kopf! Dumm!
19:32:33 Kathranîs tritt kräftig gegen die Steinbank und atmet heftig.
19:33:32 Ainyael rappelt sich einen Schritt weiter vorn wieder auf, dreht sich sofort zu Kath herum und macht sicherheitshalber noch einen Schirtt nach hinten. Fay zuckt unter der Bank zusammen, flüchtet mit leisenm Fauchen dann aber in den nächsten Busch
19:34:36 [Ainyael]: Kath, du bist... ein Idiot. *jappsend*
19:34:43 [Ainyael]: ein riesengroßer, dummer Idiot!
19:34:56 Ainyael streckt abwehrend die Hand in seine Richtung aus.
19:35:03 Kathranîs starrt Ainyael lange an.
19:35:15 [Ainyael]: verschwinde einfach... lass mich und Fay heimgehen und verschwinde! *keifend*
19:35:26 Kathranîs lacht plötzlich erschöpft.
19:35:32 [Kathranîs]: Ja.
19:36:16 Ainyael presst irritiert die Lippen aufeinander und schweigt.
19:36:19 [Kathranîs]: Eine Frage noch.... du musst sie mir nicht beantworten.
19:36:49 [Kathranîs]: Aber du solltest sie dir selbst stellen.
19:36:57 [Kathranîs]: Warum tötest du mich nicht?
19:37:29 Ainyael blinzelt, der Kiefer klappt baff ein paar Mal aufeinander.
19:37:35 [Ainyael]: Weil... ich nicht kann. *leise*
19:37:41 Kathranîs verwandelt sich zäh in einen dunkelbraunen, sehnigen, fleddrigen Vogel und verschwindet im Geäst.

 

08.12.2011

 

Und wieder hatte ich mich an "meinem" Platz neben der heulenden Eiche eingefunden. Angelehnt an den alten Baum streckte ich die Beine von mir und lauschte dem Gequakte der Frösche. Vermutlich wären viele schon nach der ersten Minute völlig entnervt wieder gegangen. Aber wenn es um mich herum laut war, brauchte ich es ja nicht mehr zu sein. Außerdem war mir nicht danach. Bis jetzt waren Tag und Nacht einfach nur tröge verlaufen. Tröge und langweilig. Calyon hatte ich wegen dieser Wintertanz sprechen wollen, aber der war nicht aufgetaucht. Auf Thanris konnte ich noch eine gefühlte Ewigkeit warten, wie sonst auch. Orithil war mit seiner "vielleicht-Gefährtin" beschäftigt. Und wieder einmal hieß es für mich Zeit totschlagen.

So ließ ich eine Zeit lang die Gedanken schweifen, malte mir utopisch-schöne Zukunftsvisionen aus. Bis ich einen Finger spürte, der gegen meine Wange drückte. Irritiert blinzelte ich, hob eine Braue an und wandte dem Finger und seinem Besitzer das Gesicht zu. "ehm....ehm...ja, 'tschuldigung. Ich wollt net... ich geh gleich. Du bist nur irgendwie.... witzig." War ich jetzt schon beim Nichtstun lachhaft? Na super, dann hätte ich mir gleich einen Strick nehmen können, wenn man mich gar nicht mehr ersnt nahm. Scheinbar spiegelten sich meine Gedanken auf meinem Gesicht wieder, denn das junge, dünne Stimmchen sprach etwas leiser weiter. "ja...eh,.... also nicht, was du denkst! Denk ich... Es ist nur, du guckst genauso aus, wie ich!" Ohje, der junge Bursche sprach auch noch mit Dialekt. "Ich seh so aus wie du?" "Jo, nur guckst du verwuschelter aus." Es gluckste amüsiert neben mir, als mir ohne zu fragen die Haare gewuschelt wurden. "Verwuschelt ist halt modern.", war meine amüsierte Antwort. "Jo, aber wenn ich verwuschelt durch die Gegend renn', dann lässt Leithian mich fünf Runden im nassen Sand rennen."

Innerlich hörte ich in dem Moment viele kleine Glasperlen eine Treppe herunterfallen. Leithian! War der alte Griesgram wieder mal in er Nähe! Und sofort sprang ein freudiges Grinsen in mein Gesicht. "Dann bist du derzeit sein Schüler?" Neben mir raschelte Haar, ich meinte, er hätte genickt. "Dann erzähl, wer bist du und wie kann ich dir helfen?" Kurz wurde sich geräuspert. "Eglamoth Klingenwhisper. Und...jo. Ich such einen Ori-öhm... Rabenflatter. Oder sowas. Der soll was mi-... hey, wer bist DU überhaupt?" Bei Elune, der Kerl war putzig! "Ainyael Schattenklaue. Ich glaub, ich bin einer deiner Vorgänger." Ich grinste breit, während neben mir ein gestauntes Oh! entstand. "Ja, also denn.... jo, ne? Ich such den halt. Und den soll ich nach 'nem Säbler für mich fragen."

Irgendwie schon irrwitzig, wie manche Wege zusammenlaufen. "Ich kann dir zeigen, wo du ihn findest. Aber ich fürchte, der ist grad irgendwie auf Wolke sieben und hat keine Zeit." "Jo, tut ja nix. Kann ja hier warten. Du guckst wirklich aus wie ich. Ich hab nur net so schicke... ehm.... Kleidung." Er betonte das letzte Wort, ursprünglich sollte da wohl etwas andres hin. "Hm, weiß ich nicht. Sie sind bequem, das macht sie gut." "Warum weißt'n du des net?" Bei Elune, so herzhaft hatte ich jetzt schon eine Weile nicht meh gelacht. Bevor ich ihm antwortete musste ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. "Du bist gut, Eglamoth. Überleg mal. Warum hab ich vorhin so irritiert zurückgefragt, als du mir sagtest, ich würde so aussehen wie du? Würde ich wissen, wie ich aussehe, hätte ich direkt vergleichen können und nicht fragen müssen." "Eh... naja, hast vielleicht lange nimmer innen Spiegel geguckt?" Wieder ein lautes Lachen von mir. Er war göttlich. Und herrje, ich fürchtete, dass er das ernst meinte. "Aber meine Kleidung, warum weiß ich icht, ob die schick ist?" "Eh... öh... hrmpf.... tjo.... ne? Vielleicht intressierst dich halt net für?" "Sagen wir es so: Dein Kompliment ehrt mich. Aber nein, ich sehe weder, wie ich aussehe, noch wie du aussiehst oder wie meine Kleidung aussieht. Ich sehe auch nicht, wie das Wasser aussieht oder die Bäume oder was auch immer." "OH! Ooooooh! Oh, ja, eh... Dannbiste blind! Klasse, hab ich noch nie einen getroffen." "Na, irgendwann ist immer das erste Mal." "hehe, jo. Aber eh... Du? Ain-ehm... Also... der Leithian... der ist ja... ne? Kannst mir sagen, wo ich hin muss?" Ich nickte. "Klar. Orithil ist bestimmt am Tempel, wenn er wieder Zeit hat. Er hat immer eine Säblerin mit dabei." "Jo, geht klar." Kurz herrschte eine Pause, in der ich das Rascheln seiner Kleidung hörte. Offenbar war der Jungspunt aufgestanden. "Jo, dann geh ich mal. Dem Leithian kann ich sagen, dass. du hier bist?" "Er dürfte es wissen. Aber du kennst ihn, es interessiert ihn eh nicht." Ich schmunzelte und vernahm wieder das leise Rauschen seines Haares. "Stimmt. Trotzdem. Find ich gut dich getroffen zu ham! Bis später!" Ich gluckste und nickte. "Viel Erfolg, Eglamoth." Und mit einem Lachen und einem gepfiffenen Lied stolperte das junge Kerlchen Richtung Enklave davon. Ich hatte zwar Tempel gesagt, aber naja, er würde es merken.

Amüsiert schmunzelnd schüttelte ich den Kopf. Armer Leithian. Er hatte damals schon unter mir zu leiden. Eglamoth schien noch um einiges "schlimmer" zu sein. Verschmitzt begann ich zu Grinsen. Thanris fand mich schon schlimm. Vielleicht sollte ich ihm diesen Burschen mal vorstellen. Ob seine Meinung dann immernoch die gleiche wäre?

 

07.12.2011

 

3... 2... 1... Wie auf Kommando ertönte der laute Knall der Explosion, ließ mit ein paar Sekunden Verspätung eine Druckwelle folgen. Perfekt. Währrend die Wesen unterhalb der Klippe, auf der ich Stellung bezogen hatte, durcheinanderliefen, entspannte ich mich völlig. 3... 2... 1... und zuverlässig blendeten meine Ohren alle Störgeräusche heraus. Neben mir hätte jemand brüllen können, ich hätte es nicht gehört. Was ich aber hörte waren die aufgeregten Herzschläge meiner "Opfer" unterhalb von mir. Sie rannten tatsächlich zunächst noch durcheinander, begannen sich aber beständig von mir weg zu bewegen. Noch ein klein wenig mehr und die Falle schnappte zu.

3... 2... 1... und schließlich waren sie alle zur Stelle der Explosion gelaufen. Ich setzte mich auf, ließ die Fingerspitzen durch die Nacht vor mir streifen. Noch immer war hier Schatten. Und dem Echo zufolge war auch unterhalb von mir das meißte meines Weges durch Bäume und Zelte in den Schatten getaucht worden. Wie Wasser, das einen Vorsprung herunterrann, ließ ich mich von der Klippe rutschen. Beständig quitterte mir der leicht kühlere Lufthauch an meinen Fingerspitzen, dass ich im Schatten verborgen war. Nahezu lautlos trafen meine Füße nach einer kleinen Rutschpartie über erdige Felswand auf festen, gerade gepflasterten Boden. Kurz lauschte ich, zog mit einem kontrolliert ruhigen Atemzug Luft ein. Der Geruch der Lebewesen war schwächer, die Laute ebenso. Ich war allein.

Wenn jemand hergesehen hätte, hätte er vermutlich nur den Hauch einer Bewegung wahrgenommen und sie für Wind im Buschwerk oder Ähnliches gehalten. Man musste schon wissen, was man suchte und selbst dann wäre es schwer gewesen mich hier auszumachen. Das Terrain war einfach zu perfekt für mich. Ein Hain, umgeben von einer Klippe, nur ein Ein- und Ausgang, direkt gegenüber von der unruhigen See Dunkelküstes. Man hatte tatsächlich die meisten Bäume und Büsche am Rand stehen lassen, als man hier begonnen hatte zu graben. Vermutlich zur Bequemlichkeit waren unebenere Stellen sogar gepflastert und so geebnet worden. Es war mitten in der Nacht, der Mond von Wolken verdeckt. Meinen Sprengsatz hatte ich direkt auf der gegenüberliegenden Seite positioniert und zünden lassen. Diese halb untoten Drohnen mit dem ausgeprägten Herzschlag hier waren viel zu leicht manipulierbar gewesen.

Etwas erhöht lag mein Ziel. Ein kleines Zelt, in dem ein zur Kommunikation genutzter Kristall sich aufhalten sollte. Ich war noch gute zwanzig Meter entfernt, aber seine magische Aura war jetzt schon spürbar für mich. Irgendetwas aber war seltsam. Kurz vor Eintritt in das Zelt verharrte ich. Die Luft war wärmer, aber ich konnte kein lebendes Wesen fühlen. Einige Sekunden lang wartete ich, dann hob ich den Stoff des Vorhanges an und schlüpfte, einem Schatten gleich, hinein.

Sofort schlug mir ein wohl bekannter Geruch entgegen, ließ mich geduckt in die Knie gehen. Ich vernahm das leise Rascheln seiner Robe, dann fühlte ich seinen Blick auf mir. "Na mein Guter, gesellst du dich wieder zu mir?" Ein Seufzen entfuhr mir. Bei den Göttern, musste der Kerl denn überall sein? Vertrauensseelig rappelte ich mich auf, stellte mich vor ihm hin. "Scheinbar." "Gut, sonst hätte ich das Ding hier ja irgendwem in die Hand drücken müssen." Es folgte ein auffordernder Druck gegen meine Hand. Ich nahm das Ding entgegen, ließ beiläufig meine Finger über seine Hand streichen. Sanft drang ein leises, wohliges Aufseufzen an mein Ohr, ehe er sich um mich herum bewegte, hinter mir stehen blieb. Ich erfühlte ein Kästchen, aus dem abgemildert die Magie des Kristalls drang. "Wie kommt es, dass ein Mitglied des Schattenhammers mir etwas so wichtiges einfach überlässt?" Von hinten schlang er die Arme um meine Taille, ließ meinen Rücken seine Brust fühlen. "Nennen wir es ein Geschenk aus Liebe. Außerdem sind wir hier ohnehin fertig, der Zirkel war wohl leider etwas langsam." Ich nickte und schwieg, der Umklammerung war ich erst einmal ausgeliefert. Sein Geruch stieg mir in die Nase, benebelte mich. Zufriedenheit stellte ich in mir ein, das Gefühl nach Geborgenheit, Sicherheit. Viel zu lang vermisst...

Als seine Lippen sich auf meine Wange legten stockte kurz mein Atem. Die Umarmung wurde sanft, hatte nicht den Hauch von Festhalten oder Gefangenschaft. Hätte ich gewollt, ich hätte gehen können. "Das kann er nicht, mh? Wie ich es dir sagte, mich kannst du nicht ersetzen. Vorallem nicht durch so jemanden." Er sprach von Thanris. Seine Worte hatten wieder jeden Liebreiz verloren, waren zu schneidenden Messern aus Eis geworden. Der Gedanke an Thanris stieg in mir hoch, ließ Unwohlsein in meine Adern kriechen. Mit einem Schritt nach vorn entzog ich mich ihm und drehte mich zu ihm herum. "Würdest du ihn leben lassen, kehrte ich zu dir zurück?" Eine Weile herrschte Stille. "Komm, ich bringe dich nach Lor'Danel zurück."

Eine oder zwei Stunden mussten es gewesen sein, die wir durch Dunkelküste zurück nach Lor'Danel gingen. Meist schwieg er, sprach nur um mir den Weg zu weisen oder mich vor Dingen zu warnen. Zu meiner Überraschung ging keine Sekunde lang Gefahr von ihm aus. Auch dann nicht, als wir kurz vor dem kleinen Ort zum Stehen kamen. Fast schon zärtlich legte sich seine Hand um die meine,als er sich zu mir umdrehte. "Manchmal tut es mir leid, was geschehen ist. Dann aber denke ich, dass ich es wieder so tun würde. Ich will dir helfen. Wollte es schon immer. Ich willdich bei mir haben, koste es, was es wolle." Wieder sprach er ruhig, ließ mir die Zeit seine Worte zu verdauen. Und das musste ich auch, war er doch selten so ehrlich zu mir gewesen. "Letztlich aber ändern sich die Zeiten. Anstatt dich mit mir zusammen zu ändern bist du deinen Weg gegangen. Aus welchen Gründen auch immer. Wie soll ich dir vertrauen, wenn du deine Entscheidungen alleine fällst? Das kann ich nicht. Ich konnte es auch damals nicht. Wenn du mir wirklich helfen willst, dann akzeptiere, für was ich mich entschied und lass mich mein Glück selbst finden." "Weiß er von dem hier?" Ich runzelte die Stirn, dann schüttelte ich den Kopf, schwieg. "Du führst ein Doppelleben, gaukelst ihm vor, was am bequemsten ist. Du hast Geheimnisse. Das Gleiche macht er. Denkst du, das ist eine Grundlage? Wo soll das hinführen?" Ich schluckte. Er hatte recht, es war keine Grundlage. Für nichts, außer Hirngespinste. "Und du? Nennst du mich im Schnee zu vergewaltigen, mir das Fleisch von den Armen trennen und mich aller Gefährten zu berauben eine Grundlage?" "Es war zu deinem Besten. Du kannst und wirst nur mit mir glücklich werden." Ich spürte es in mir aufschreien, sich wehren. Doch das Einzige, was ich herausbrachte, war ein Fauchen. "Hier ist nichts zu meinem Besten! Da nehmt Ihr euch beide nichts! Der eine zu selbstverliebt, um mich zu sehen, der andere zu unterkühlt, um irgendwas zu verstehen. Kapierst du das nicht? Ich habe die Wahl zwischen Regen und Traufe. Natürlich entscheide ich mich für denjenigen, der mich nicht einfach wie Dreck behandelt und versucht meine Seele zu brechen!" Jetzt war er es, der schwieg. Wie er mir zuvor ließ ich nun ihm die nötige Zeit. Seine Finger um meine Hand verkrampften sich. "Und dennoch brichst du jeden Tag ein Stück mehr." "Und? ob ich nun langsam aus eigenem Willen breche oder zerbrochen werde von dir, das ist doch völlig egal." "Letztlich wirst du zu Grunde gehen..." Mit einem tiefen Atemzug entzog ich mich seinen Fingern. Ohne abzuwarten ging ich den kleinen Hügel nach Lor'Danel herunter. Nur leise drangen seine Worte noch an mein Ohr. "Ich würde ihn in Ruhe lassen."

Bewusst langsam ging ich den Weg zum Hippogrhenmeister und ließ mir dort ein Tier für den Rückflug geben. Bald war die Nacht zu Ende und Thanris würde heim kehren. Bis dahin musste ich im Bett liegen. Kath hatte recht gehabt. Und gerade diese Erkenntnis schnitt eine tiefe Wunde in mein Bewusstsein. Letztlich würde ich zu Grunde gehen. Würde Thanris das überhaupt interessieren? Würde er es überhaupt bemerken? Wie sehr liebte ich ihn eigentlich? War ich nicht verblendet auf meiner Suche nach Zuneigung und Sicherheit gewesen, als ich ihn erwählte? Wer war er überhaupt? Doch egal wie oft ich mich das fragte, zu einer Antwort kam ich nie.

In Darnassus angekommen schlich ich mich erstmal zu den Zellen hinunter. Larila wartete schon, half mir Waffen und Rüstung abzulegen, mich neu einzukleiden. "Ich bringe den Kristall zu Bärenfährte. Danke dir, Ain." Letztlich nickte ich nur, ging stumm meinen Weg nach hause. So schnell als möglich sollte ich Calyon außerdem Bericht über diese Wintertanz erstatten. Ein genauso zweischneidiges Schwert wie Thanris. Mal schauen, was das geben würde.

Bevor ich den Weg zu seinem Zimmer hinauf ging, stoppte ich. In einem Anfall von Zweifeln legte ich den Kopf in den Nacken, spürte beruhigend das kühle Mondlicht auf meiner Haut. Immerhin das war da, dessen konnte ich mir sicher sein. Beiläufig strich ich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Ein leichter Hauch von Wohlgefühl keimte auf, als sich behutsam sacht der Duft Kath'ranis' über mein Gesicht zog. Er würde immer da sein. Da war meine Sicherheit. Warum nur musste das alles so übermäßig kompliziert sein? Warum konnte Thanris mir nicht einfach die Sicherheit geben, die ich brauchte? Es wäre so wundervoll mit ihm gewesen. Anstattdessen bekam ich von ihm die Rücksicht, die mir bei Kath fehlte. Und von Kath die Sicherheit, die mir bei Thanris fehlte. Bei Elune, irgendwann bringen sich die beiden nochmal wegen mir um. Wollte ich sie schützen, hätte ich gänzlich vom Erdboden verschwinden müssen. Wobei, auch dann wären sie sich an die Kehle gesprungen. Dann war es wirklich nur die Wahl zwischen Regen und Traufe. Vor die Hunde würden wir alle drei gehen.

 

06.12.2011

 

Zitternd wachte ich auf. Binnen Sekunden realisierte ich die Kühle um mich herum, dann das Plätschern des Wassers, schlussendlich die eigenen Tränen auf meinem Gesicht. Ich hatte Angst, nein Panik, war verzweifelt. Oft träumte ich das nicht, aber wenn, dann war es stets das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte. Die Beschreibung traf auch diesmal wieder zu.

Laut quakten die Frösche ihre letzten Lieder um die Wette, als ich mir die Nässe mit dem Ãrmel aus dem Gesicht strich. Ich war eingeschlafen, angelehnt an die heulende Eiche, vor mir der kleine See. Egal wie oft ich es versuchte, immer wieder striffen meine Gedanken zu meinem Traum. Und jedesmal schüttelten mich neuerliche Tränen und Verzweiflung durch. Viel zu oft stand ich in Gedanken bis zu den Waden im Wasser, allein. Viel zu oft erinnerte ich mich daran zurück, warum ich allein war. Und ich hatte Angst davor.

Wie blauäugig war ich denn? Langsam musste ich mich damit abfinden, einsehen, dass es nie etwas für die Ewigkeit sein würde. Das war es nie. Nur noch nie zuvor schmerzte mich der Gedanke an den Verlust meines Gefährten so sehr. Nie zuvor hatte ich solche Angst davor, nie so viel Verzweiflung deswegen gespürt. Nicht, dass ich seine Vorgänger nicht geliebt oder um ihren Verlust getrauert hätte. Das hier war nur völlig anders. Immer wieder trieb Thanris mich an meine Grenzen, gab mir Zeichen, die mich zweifeln ließen. An ihm, seiner Motivation, unserer Partnerschaft. Er war so jung, so unerfahren. So sehr Einzelgänger. Ich wusste, dass ich ihn eigentlich dauerhaft nervte. Aber wäre ich nicht hartnäckig geblieben, wäre nie etwas aus uns geworden.

Vielleicht sollte es auch nicht sein. Immerhin war es meine Nervigkeit, die ihm eigentlich die Beziehung aufgezwungen hatte. Und ich war mir ziemlich sicher, dass es genau jene Nervigkeit und Hartnäckigkeit sein würde, die ihn mir wieder nahm. Er brauchte nur jemanden kennenlernen, der ihm zeigen konnte, dass so etwas auch mit mehr Freiheit von statten gehen konnte. Ich konnte das leider nicht, aber so jemand könnte tagtäglich in sein Leben dringen. So oft, wie er allein unterwegs war...

Ich wusste ja nichtmal, was er während der Zeit allein tat. Er redete grundsätzlich nicht gern über sich. Alles, was ich über ihn wusste, war von mir erbettelt oder aus ihm gepresst worden. Über die einfachsten Dinge mussten wir teilweise sehr lang diskutieren. Und dennoch liebte ich diesen Mann. Seine Stimme, der Geruch, die Zärtlichkeiten. Balsam für die Seele, Zeiten, in denen ich alle Probleme mit ihm vergaß. Nur waren sie so verdammt selten. Mich würde es nicht wundern, wenn er jetzt schon jemand besseres gefunden hätte.

Aber was sollte ich tun? Wirklich mit ihm darüber reden, wie groß meine Zweifel waren und vorallem wie begründet, das konnte ich nicht. Manchmal rutschte es mir raus, aber er tat es immer ab. Warum auch? Entweder war er zu jung es zu verstehen oder ich hatte recht, so dass er es schnell wegwischen musste. In beiden Fällen war es ratsamer einfach alles herunter zu schlucken, wenn ich noch möglichst viel Zeit mit ihm vebringen wollte. Dass mich das langsam innerlich auffraß war mir mittlerweile gleich. Er sollte nur den unbeschwerten Witzbold kennen. Der Rest, alles was hinter dieser Maske lag, wäre ohnehin zu viel gewesen. Ich bereute schon die paar kleinen Zwischenfälle, aus denen man hätte ziehen können, dass es nicht vollständig echt war. Ob er diese Schlüsse gezogen hatte, weiß ich nicht. Hoffentlich nicht.

Ich wusste nicht, wie lange ich für diese Gedanken gebraucht hatte, wurde ich doch oft durch mich selbst unterbrochen. Viele Male nun hatte ich mir mit dem Ärmel Tränen wegwischen müssen, inzwischen war er am Ende völlig durchnässt. Leise raschelte es neben mir, nachdem ich die Hände neben mir auf den Boden gelegt hatte. Eigentlich wollte ich aufstehen und gehen, mich ablenken, wieder der Ainyael werden, den jeder kannte. Aber aus dem Gras, wo es eben noch geraschelt hatte, quakte es mir plötzlich in voller Lautstärke entgegen.

Zuerst erschrak ich, doch dann musste ich schmunzeln. Zu dem einen Frosch neben mir gesellten sich noch weitere laute, quakende Wesen. Vielstimmig war das Konzert um mich herum. Ich musste so lange hier gesessen haben, dass sie sich nicht mehr an mir störten! Ich war so irritiert, dass ich erstmal sitzen blieb. Was würde Thanris mit einem Frosch tun? Wie so vieles von ihm wusste ich auch das nicht. Und es gab nur eine Möglichkeit genau das rauzufinden...

 

05.12.2011
 
Gähnend ließ ich mich an dem Absatz nieder und die Beine baumeln. Drei Stunden nun war es her, dass wir heimgekehrt waren. Thanris und ich. Oh Thanris, wo steckst du nur... Drei Stunden! Direkt nach der Ankunft war er fortgeeilt, "etwas erledigen". Wie so oft. War ich ihm so sehr ein Dorn im Auge? Drei Stunden...

Aufmerksam lauschte ich der Nacht um mich herum. Da es Winter geworden war, war es nachts mittlerweile um einiges stiller geworden. Mal abgesehen von den typischen Geräuschen der Stadt: Plappernde Elfen, Säbler, Eulen und was weiß ich nicht noch alles. Ich verschränkte die Arme im Nacken und ließ mich nach hinten umfallen. Rückblickend betrachtet fand ich es noch immer gut, dass Thanris mich seiner Mutter vorgestellt hatte. Nun war auch bei mir angekommen, warum er sich nicht gerade nach Kontakt dahin sehnte. Dennoch war es zwiespältig. Einerseits freute ich mich, hatte er mich doch direkt als seinen Gefährten vorgestellt. Und das sogar unter seinem Namen, nachdem er nun wusste, wieviel mir das bedeutete. Andererseits hatte seine Mutter von einer Zusammenkunft zwischen ihm und dieser Sira gesprochen. Kein Zweifel, ich würde Thanris mein Leben anvertrauen. Aber noch pflegte er, um Diskussionen aus dem Weg zu gehen, auch gerne mal die Unwahrheit zu sagen. Eine schwere Prüfung für mich. Zumal ich den Gedanken nichtmal abwegig fand. So oft schon plagten mich wegen Sira und meinem Guten Zweifel. Sowas verhalf nicht gerade sie zu beseitigen. Wie weit oben saß ich eigentlich?

Ich rappelte mich auf und legte die Hände um die Hauskante. Wirklich drauf geachtet, wo ich hingegangen war, hatte ich nicht. Wie hoch waren die Häuser hier? 10... 20 Meter? Mit ein bisschen Körperbeherrschung könnte ich unverletzt auf dem Boden landen. Pfeifen zum Ausloten der Entfernung war schwachsinnig, das war das Händlerviertel. Hier plapperte es an allen Ecken und Enden. Und gerade unter mir meinten sich zwei Frauen zu streiten. Typisch. Etwas Schwung täte vermutlich nicht schlecht, sollte die Ebene hier drunter vorstehend sein. Ouh.... wenn Thanris das mitbekommen hätte, wäre er stocksauer geworden. Aber... drei Stunden. Vermutlich kam er eh erst wieder, wenn ich schlief. Und ging, noch ehe ich wach war wieder fort. Also, wen interessierte es?

Zwei, drei Schwüngemit den Beinen, dann drückte ich mich mit aller Kraft von der Plattform des Hauses fort. Ich spürte den Luftzug im Haar und an den Ohren, roch die Stadt. Für einen Moment fühlte ich mich völlig frei. Frei von Thanris, frei von Kath, frei von allen Verpflichtungen. Die Luft riss an meinem Hend, kroch darunter, ließ es flattern. Leider nur für eine, zwei Sekunden lang.

Noch bevor ich mich zum Aufprall einrollen konnte, spürte ich plötzlichen Schmerz in den Beinen. Es wirbelte mich herum, ich war verwirrt. Nur einen Augenblick später prallte ich im Gras auf. Glücklicherweise auf nichts weiter als halbwegs weichem Gras und Laub, auf dem Rücken und, den Reflexen sei gedankt, konnte ich meinen Schädel vor einem unliebsamen Zusammenprall mit dem Boden der Tatsachen bewahren. Ich stieß mit einem Stoß den letzten Rest Luft aus. Schmerz zuckte durch sämtliche Glieder und ich glaube für einen kurzen Moment verlor ich das Bewusstsein. Bei Elune, da musste noch ein Haus im Weg gewesen sein. Oder ein Baum, Schild, irgendwas. Einige Atemzüge lang blieb ich liegen, lauschte. Diese Stadt war wirklich dumm. Keiner, wirklich niemand hatte wohl den Sturz bemerkt. Man überlege sich nur, was geschehen wäre, wenn ich nicht solches Glück gehabt hätte? Vermutlich würde ich hier halbtot noch eine Ewigkeit rumliegen.

Naja, was solls. Ich nahm alle Kraft zusammen und stand auf. Wieder durchzog mich Schmerz. Zuerst die Beine, dann den Körper, die Arme, den Nacken. Gebrochen war nichts, vermutlich hatte ich nur mal wieder jede Menge blaue Flecken. Und Zerrungen, wie ich die hasste! Bei dem Gedanken daran schüttelte ich den Kopf. Letztlich war es doch egal, was mir wieder weh tat. Hauptsache, ich konnte weiter machen, wie bisher.

So ging ich weiter, verdrängte Schmerz und ging, als wäre nichts geschehen. Stolpern tat ich ja ohnehin ständig. Da ich Thanris wieder eine Weile nicht sehen würde, würde er davon auch nichts mitbekommen. Wen also interessierte es? Mich nicht. Und auch nicht den jungen Elfen, der mich ungefähr auf Höhe des Tempels ansprach. Viel,sagte er nicht, gab mir ein Päckchen und ging wieder. Wie immer dieselbe Leier. Schnell verstaute ich das Päckchen im Hemdärmel. Wie immer hatte keiner etwas von dieser kleinen Zusammenkunft mitbekommen. Und wie immer würde auch niemand erfahren, was im Paket war. Mich natürlich ausgenommen.

 

30.09.2011

 

"Ainyael!" Orithils Stimme hallte in meinem Schädel wider, ließ mich zusammenfahren. Die kleinen Phiolen rutschten aus meinen Fingern, mit leisem, zerschellendem Klirren kamen zwei auf dem Boden an. "Kämpfen, sofort." Seine Tonlage hatte Ähnlichtkeit mit der eines Orks kurz bevor er zum Schlag ausholte. Und sie duldete keine Zurückweisung. "Hilf mir wenigstens beim Scherben auflesen", seufzte ich. Aggressives Knurren schlug mir entgegen, dennoch setzte er sich in Bewegung. Eine genuschelte Entschuldigung fand den Weg zu mir, während der Elf die Scherben einsammelte. Ich erhob mich, schob die Füße suchend über den Boden während ich lief. Irgendwo beim Bett musste meine Rüstung sein. Das weiche Leder berührte meine Füße, als es hinter mir noch knurrte und grantete. "Was hast du gebraut." - "Lediglich das Zeug zum Schmerzstillen. Nichts Besondres, keine Sorge. Außerdem waren die Phiolen leer." Ein Brummen war die Antwort, dann herrschte Stille. Wohl wissend um die Prügel, die ich gleich würde einstecken müssen, legte ich die Rüstung an. Ab und an, vermutlich aus Ungeduld, spürte ich die helfenden Finger des Mannes am Leder. Die Prozedur ging schweigend von statten.

Orithil führte mich, mit Pfiffen lotsend, zum Übungsplatz der Stadt. Ich hatte kaum die Klingen gezogen, als ich den Lufthauch seiner Bewegung verspührte und instinktiv einen Schritt nach hinten wich. Seine Klingen surrten an mir vorbei, sein Knurren mischte sich mit dem Geklimper seiner Kettenrüstung und dem Fauchen seiner Säblerin. Keine Frage, der Elf war wütend. Selten hatte ich Orithil wütend gesehen, meist war er freundlich und höflich. Aber in letzter Zeit lag ohnehin etwas im Argen bei ihm. Er pfiff, währrend er die Klingen anhob, machte fairerweise die Bewegung so für mich sichtbar. Ich richtete mich aus, ging in die Defensive. Kaum stand ich bereit durchzuckte das Geräusch aufeinanderprallenden Metalls die laue Nacht. Unter der wütenden Kraft seines Schlages gaben meine Arme nach, ließen seine Klingen mit einem Schaben an meine entlanglaufen. Wieder ein Knurren, wieder machte ich instinktiv einen Schritt zurück. Ich seufzte. "Erzähl lieber anstatt mich zu Brei zu prügeln!", fauchte ich Orithil entgegen. Wieder war nur ein Knurren die Antwort.

Zwei Stunden wütenden Schlagabtausches später hatte ich es geschafft in diesem Wutabbau die Oberhand zu bekommen. Zweifelsohne war Orithil ein überaus begabter Mann an den Waffen, aber ohne Bogen war er nicht ansatzweise ausdauernd genug in einem wirklichen Gefecht standhalten zu können. Ich roch den Schweiß auf seiner Haut, spührte seine Schläge schwächer werden, hörte das Rasseln seines Atems. Richtungsweisende Pfiffe waren nunmehr nur gehaucht. Allzu viel besser sah es bei mir nicht aus. In all dieser Zeit hatte ich keinen Angriff geführt, hatte mich von ihm auf dem kleinen Platz herumtreiben lassen wie Vieh. Ich schwitze, die Konzentration ließ nach, meine Abwehr begann zusehends zu wanken. Zwischen all den Geräuschen des Kampfes vernahm ich kurz Schritte hinter mir und tatsächlich, Orithils Angriff verebbte mitten in der Bewegung. Ein Fehler. Ich holte aus, pfiff und ließ mein Schwert diagonal gen seiner Brust schlagen. Nur knapp konnte er den Schlag abfangen, dann zischte er wieder. "Ruig ihr zwei. Ihr macht ja einer Horde Orks an Lautstärke Konkurrenz." Es war die tiefe, raue Stimme Calyons, die mir sogleich ein Lächeln ins Gesiht trieb. "und selbst darin wären wir besser als sie!" Ich lachte auf, fühlte das Stutzen der anderen beiden Männer, die aber schließlich in meine Belustigung einstiegen. "Wohl wahr, daran gibt es keinen Zweifel. Und an Verrücktheit übertriffst du sie ganz ohne Orithils Hilfe." Wieder ein Lachen von mir, das erst verebbte, als Calyon erneut die Stimme erhob. "Und jetzt erzählt, warum prügelt ihr euch?" Um ehrlich zu sein, ich wusste es noch immer nicht. Und dementsprechend hob ich die Schultern an. "Na?" seine Stimme duldete keine Ausreden, so viel war klar. Schließlich war es Orithil, der sprach. "Weil ich nicht verstehe wie man in dieser verfluchten Welt zehntausend Jahre leben kann. Ständig bekommt man eine ins Maul." Ich erschrak ein wenig. Seit wann sprach er so? Stets war er diszipliniert gewesen, allen ein Vorbild an Höflichkeit und Respekt. Doch diese Grantigkeit hier klang so gar nicht danach. Und vermutlich ging das auch in Calyons Schädel herum. Zuhörend setzte ich mich, froh über eine kleine Pause.

"Noch immer Probleme mit den Schwestern?" - "Ja. Es wird eben einfach auch nicht besser, wenn nichts getan wird. Natürlich sehen sie mich unfähig. Seht mich an, ich bewirte das Teehaus und zu mehr bin ich nicht im Stande." Er grollte tief. "Bleb ruhig, Findariel. Es ist nicht aller Tage Abend und du hast noch viele Jahr vor dir. Die Zeiten machen uneinsichtig. Dagegen bist du genausowenig geweiht wie die Schwestern. Tue das, was du kannst. Und tue es mit Hingabe. Der Rest kommt von allein." - "Ich tue meinen Dienst. Das mache ich jetzt seit Jahren. Ich bin treu, loyal, gelehrig nd gehorsam. Was denn noch? Was soll ich noch tun?" Verzweiflung hatte sich in der Stimme des jüngeren Elfen breit gemacht. "Du selbst sein. Aber ich sehe, du kannst es gerade nicht, hast dein Gleichgewicht verloren. Das ist nicht schlimm. Gönn dir Ruhe, Zeit für dich allein." Die Antwort war lediglich ein Brummen, nach dem erst einmal Stille folgte.

Schließlich war ich es, der wider sprach. "Ich weiß nicht, ob er wiederkommt." Ich sprach leise, ließ die Bedrückung meiner Gedanken die anderen beiden hören. Und spührte auch sofort deren Blicke auf mir. Sollte ich wirklich weitererzählen? Bisher wusste Calyon nichts von Thanris und eigentlich war es mein Plan gewesen es auch dabei zu belassen. Dennoch kreisten meine Gedanken beständig herum, schürten Sorge und Zweifel. Irgendwo musst ich damit hin. Und diesen beiden konnte ich vertrauen. Also fuhr ich fort. "Ich war nicht allein in Tanaris, Calyon. Ich hab die Zeit mit einem Elfen verbracht. Mit Thanris. Wir haben viel gestritten, aber wisst ihr, ich mag nicht mehr ohne ihn." Das murrige Brummen Orithils unterbrach mich kurz. "Aber er konnte nicht mit zurück. Er hat einer Frau ein Versprechen gegeben und wollte dies einlösen. Er hat mir versprochen nach einer woche wieder bei mir zu sein. Aber irgendwie..." - "Du zweifelst." Calyon unterbrach mich, ich nickte. "Ja. Er ist ein Mann, sie kennen sich seit Jugendtagen. Was soll ich da schon ausrichten können?" - "Deine Liebe unterscheidet sich nicht von der einer Frau. Beides ist Liebe." - "Schon. Aber weiß ich, dass er mich erwidert? Dass ich nicht einfach irgendein Spiel bin? Ich komme mir oft so vor, wenn er mit mir umgeht. Und ich glaube einfach, dass das kein Spiel wäre. Vermutlich hat seine Mutter noch die Finger im Spiel." Wieder wurde geschwiegen. Luft bewegte sich neben mir, auch Orithil hatte sich nun niedergelassen. Wenig später folgte auch Calyon. "Ich hoffe, dass du nicht enttäuscht wirst." - "Ich ebenfalls. Schon allein, weil ich dich nicht ständig auf meinem Schoß sitzen haben will." Ich schmunzelte, denn endlich schwang Witz in Orithils Worten mit.

Wieder schwiegen wir eine Weile, bis auch Calyon seine Stimme erhob. "Roseli ist zwar wiedergekehrt, dafür vermisse ich Leliane. Seit Wochen nun habe ich sie nicht gesehen. Und auch keine Ahnung, wo sie sein könnte." Wenn sogar den Bären Sorgen plagten waren es wahrlich schlimme Zeiten. "Vermutlich mit der Prüfung beschäftigt, meinst du nicht?" Währrend Orithil sprach musste ich wieder n Thanris denken. Die wenigen Tage ohne ihn wren Qual gewesen. Wenn ich Pech hatte, wovon ich bei meinem Glück ausging, würde ich noch Jahre auf ihn warten. "Vermutlich ja. Aber wissen tue ich es nicht. Ich hasse das." Doch weder ich noch Orithil wussten darauf etwas zu erwidern. Wir drei wollten ohnehin nichts davon hören, was man tun könnte oder wollte. Es tat einfach nur gut es ausgesprochen zu haben.

Lange Zeit noch hatten wir schweigend gesessen, bis Calyon seinen Hunger stillen gegangen war. Auch Orithil war schließlich gegangen, die Säbler mussten gefüttert werden. Eine kurze Zeit noch hatte ich dort gesessen, im Gras, den Vögeln und dem Treiben der Stadt gelauscht, das trotz unseres kleinen Gefechts unberüh weitergegangen war. Wie gern hätte ich die Zeit mit Thanris verbracht, anstattdessen war ich diese Woche nahezu immer allein gewesen. So auch wie jetzt, als ich mich erhob und zu seinem Zimmer zurückging. Viele Male war ich diesen Weg nun gegangen. Oftmals ohne Gepäck, aber gerade zu Anfang mit viel davon. Kräuter hatte ich haufenweise den Aufgang hinauf getragen, zum Schluss sogar eine Destillationsapperatur. Ich hatte begonnen wieder Tränke herzustellen, teils aus Langeweile, teils weil in Tanaris einige davon aufgebraucht worden waren.

Orithil hatte mich mitten im Abfüllen eben jener Tränke unterbrochen. Aber mir war nicht danach jetzt weiterzumachen. Im Zimmer angekommen legte ich die Rüstung ab und zog mir eine leichte Hose und ebenso leichtes Hemd an. Ich nahm mir Seife und Handtuch, dann verließ ich das Zimmer wieder. Meine Füße führten mich den Aufgang herunter, dann folgten sie immer weiter den Steinen des Weges. Hinaus aus der Stadt, hinein in den Wald. Hin zu den kleinen Seen nahe Darnassus, an deren Rand einer der Mondbrunnen stand. Keine Ahnung, wie sie hießen, ich hatte sie selbst entdeckt, ohne Hilfe. Am Rand des Ufers legte ich die Kleidung ab, die Seife an den Rand. Mein Körper glitt ins Nass. Kälte stieg in mir auf, ließ mich frösteln. Dem Ganzen zu entrinnen beeilte ich mich, schrubbte mich nur unsauber mit der Seife ab und flüchtete regelrecht wieder aus dem Wasser heraus. Dennoch hatte es mir Freude bereitet, so dass laut auflachte. Ich rubbelte mich halb trocken, schlang mir das Handtuch dann um die Hüfte, nahm meine Kleidung und verzog mich wieder in die Stadt. Hatte mich jemand gesehen, halbnackt? Es interessierte mich nicht, sollten sie doch. Ich bin ohnehin der verrückte Blinde, war es schon immer und werde es bleiben. Und mit dieser Erkenntnis und einem Lächeln auf den Lippen kuschelte ich mich unter die Decke, nachdem ich ungeachtet aller Ordnung den Rest meines"Gepäcks" daneben fallen ließ. Ob Thanris sich daran gestört hätte? Ob er diesen Moment mit mir geteilt hätte? Ob er jene seltenen Momente von Zärtlichkeit hätte entstehen lassen? Ich vermisste ihn, seinen Geruch, seine Stimme, sein Geknurre. Hoffentlich. Hoffentlich kam er bald wieder.

12.09.2011

 

Erfrischend ist es, das Gefühl kühleren Meerwassers an den Füßen. Meiner Meinung nach viel zu lange hab ich darauf warten müssen. Viel, viel zu lange! Dabei wollte ich eigentlich nur endlich den Brief geschrieben haben, wenn Thanris aufgewacht war. Aber anstatt dessen… herrje. Er mag das wirklich, sich ständig zu streiten. Ich nicht. Dauernd wirft er damit meine Gedanken durcheinander, lässt mich ihm geben, was ich denke, was er will, nur um das dann wieder abzuwehren und andere Sachen zu wollen. Wobei… sind das wirklich andere Sachen? Naja, andererseits, was er wirklich will, verstehe ich nicht. Er redet von Vertrauen, von Zeit, Gefühlen. Und davon, dass er darüber nicht mehr reden will. Ich jetzt auch nicht mehr. So!

Kurz entwischt mir ein demotiviertes Seufzen, als ich die Zehen im Meerwasser wackeln lasse. Er ist Essen holen gegangen. Irgendwer muss es ja tun, seiner Meinung nach. Ich habe aber gar keinen Hunger. Aber wen interessiert es? Nach meiner Meinung werde ich nicht gefragt, sie wird nur gehört, wenn ich sie laut in die Welt plärre. Dabei will ich das gar nicht. So sehr hat er mich verändert, dieser Mann.

Ich erhebe mich wieder und ziehe mich aus. Ein Meer ist dazu da, dass man darin badet. Und das wollte ich eh vorhin, also tue ich es jetzt. Ich spüre die Sonne auf meiner Haut, den Wind, der darüber und durch mein Haar streicht. Es fühlt sich so gut an, wie kann man das nicht ebenfalls erleben wollen? Warum will Thanris das nicht erleben? Warum sträubt er sich so sehr gegen so vieles, das man erleben könnte, und das so schön sein könnte? Ich verstehe ihn nicht. Dabei müsste ich doch eigentlich. Immerhin zieht er mich an wie Honig Wespen.

Warten konnte ich noch nie lange. Weder auf Aufträge, mein Mittagessen oder Kuscheleinheiten. Und auch gar nicht darauf, Wasser auf meiner Haut zu spüren. Ich renne also los, ziellos ins Meer hinein, bis ich gerade noch stehen kann. Weiter sollte ich nicht, will ich lebend wieder ans Ufer zurück. Schwimmen geht, aber nur wenn einer dabei ist und mir den Weg zeigt. Tauchen genauso. Aber es ist gerade niemand da, also belasse ich es dabei in Ufernähe umher zu wandern und mit dem gesamten Körper das Meer zu fühlen. Die Wellenbewegung, die unterschiedlichen Temperaturen, das stetige sich Ändern von Begebenheiten, die doch immer irgendwie gleich sind und trotzdem aufregend neu. Warum sollte ich auf so etwas Warten? Es ist so schön. Solche Momente könnten ewig dauern.

Von der Sicht aus betrachtet könnten auch die Küsse mit ihm ewig dauern. Käme auch sehr gut dem nahe, was ich jedes Mal dabei fühle. Er beschreibt es als unkontrolliertes Gefühl, als Ertrinken. Ich sage, man wird dabei hinfort gerissen. Hinfort gerissen und neu geboren. Wobei der Ausgang eigentlich vollkommen egal ist. Das Gerissenwerden an sich, die Bewegung, das Neue, das Unerwartete und doch Vertraute. Ständig neue Begebenheiten, ständig neue Dinge erfahren. Und doch schon alles kennen. Wie die Bewegung des Wassers im Meer, ja, der Vergleich ist gut. Auch die Küsse könnten ewig dauern. Hoffentlich hatte Thanris mittlerweile verstanden, dass ich es nicht mag, wenn man mich einfach wieder weg schubbst. Ich verstehe, dass so was nicht ewig gehen kann. Aber so abrupt und schmerzlich muss es auch nicht enden. Da macht Küssen irgendwann keinen Spaß mehr. Und gibt außerdem das Gefühl benutzt zu werden.

Huch? Da kitzelt etwas unter der Fußsohle. Ich beuge mich herunter und lange mit der Hand hin, es stellt sich nach einigem Betasten als Würgetang heraus. Lustiges Zeug. Angeblich ist es grün. Grün ist gut, das heißt, es hat was mit Pflanzen zu tun. Und angeblich ist Würgetang auch eine. Meine Finger umschließen das längliche Blatt, das sich im Wasser wiegt, und ziehen es nach oben. Außerhalb vom Wasser hängt es einfach da, setzt sich in jede Ritze meiner geballten Hand. Aus Würgetang kann man Tränke mit Bezug zum Wasser machen. Zum längeren Luft anhalten, manch einer lässt auch Magie einwirken und mit so einem Trank Leute auf Wasser laufen. Ob Thanris so was weiß? Interessiert er sich für Alchemie? Er hat mich überrascht, als er mich in Desolace verarztete. Ich hätte es ihm nicht zugetraut. Und Alchemie traue ich ihm auch nicht zu. Aber er hat mich einmal überrascht. Das geht bestimmt noch einmal.

Aber egal. Ich habe mit meinem zweiten Auftrag hier begonnen und da kommt mir der Würgetang gerade recht. Ich arbeite mich gegen die Wellenbewegung an Land, versuche dort den Tang möglichst gerade und langgezogen auszubreiten. Er soll in der Sonne trocknen. Tang fängt dabei zu riechen an, sehr stark sogar, also gehe ich gleich wieder ins Wasser. Auch wenn ich mich hauptsächlich über Geruch und Geräusch orientiere, unschönem Geruch gebe auch ich mich nicht länger hin, als ich muss.

Geruch ist ohnehin so eine Sache. Vorhin hat er mich wieder überrascht mit etwas, das ich eigentlich schon weiß. Es war mir nur irgendwie entfallen. Thanris hatte mich wieder in seinen Armen gehalten. Diesmal konnte ich den Kopf an seine Schulter lehnen. Es ist jedes Mal wie ein kleiner Himmelsflug, wenn er mich an sich heran lässt. Diesmal fiel mir auf, dass er an jeder Stelle seines Körpers irgendwie anders riecht. Das ist normal, das war bei meinen vorigen Gefährten nicht anders. Aber an ihm hat es mich wieder überrascht. Sein Hals riecht anders als sein Haar, anders als seine Schulter, anders als seine Brust. Und doch riecht alles nach Thanris. So neu, so bekannt, so anders. So unerwartet und doch vertraut. Über diese Erkenntnis muss ich laut lachen. Thanris ist wie Wasser.

Nein, ich bin im Warten nicht gut. Am liebsten möchte ich ihn gleich noch einmal anfassen, nachriechen, ob meine Erkenntnis auch wirklich richtig war. Wo ist er denn? Kommt er schon wieder? Ungeduldig drehe ich mich herum, nasses Haar fällt in mein Gesicht. Aber so was stört mich nicht, ich lege den Kopf in den Nacken und schnüffele. Ich rieche unser Lager etwas weiter im Norden, unsere Gerüche gemischt. Unsere Erinnerungen gemischt. Ich muss Lächeln. Es wird ganz bestimmt nicht unser einziges gemeinsames Lager bleiben. Ganz bestimmt. Aber von ihm jetzt keine Spur. Ouh! Schade. Er soll sich ja beeilen! Ich will es jetzt wissen, ganz unbedingt!

Irgendwie ist das alles seltsam mit ihm geworden. Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob ich es bereuen soll mich damals verplappert zu haben und ihm erzählt zu haben, dass ich ihn liebe. Seitdem ist wirklich einiges komplizierter geworden. Aber auch einiges klarer. Noch immer bin ich mir nicht recht schlüssig, ob er ernst meint, was er mit mir tut. Oder ob es nur ein tolles Spiel ist, an dem er sein Interesse verliert, sobald es wirklich ernst wird. Andererseits… er knurrt so putzig, wenn ich seine Brust streiche. Und er regt sich immer so süß auf, wenn ich ihn süß nenne. Dabei ist er doch genau das: Süß. Verquer, vollkommen durchgeknallt, irrational, verklemmt, idiotisch, naiv, streitlustig, aggressiv und teilweise dumm. Aber süß. Die andern Sachen kann ich ihm schlecht sagen, er wird bestimmt sauer. Aber süß…. Warum soll das nicht gehen? Immerhin sind wir unter uns, und wir vertrauen uns. Da wird ein dreibuchstabiges Wort ja kein Problem sein!

Aber vielleicht ja doch? Mit einem Platschen setze ich mich ins Wasser, obwohl ich gerade noch im Stehen mit dem Kopf drüber schauen konnte. Ich finde mich also unter Wasser wieder, grinse und tauche ein paar kurze Züge in die Richtung, die ich als Ufer mir gemerkt habe. Ich liebe es so vollkommen im Wasser zu sein. Es heißt frei zu sein. Der Boden kommt mir entgegen, ich spüre es an den Füßen. Also tauche ich wieder auf, pruste und schiebe mir das Haar aus dem Gesicht. Er ist wirklich süß. Vor allem damit, dass er mich ständig überrascht. Unser erster Kuss ist noch nicht lange her und noch wirkt er dabei sehr steif und verklemmt. Aber es kommt mit jedem Mal mehr Leidenschaft hinzu, er wird zärtlicher und liebevoller. Auch etwas, was ich ihm nicht zugetraut habe.

Ich bin eigentlich davon ausgegangen, wobei ich es ohnehin für sehr unwahrscheinlich hielt, dass er ein absoluter Rüpel ist und seine Küsse eher Ähnlichkeit mit seinen Dolchstößen besitzen. Aber nein, er kann ganz flauschig sein. Und trotzdem irgendwie explosiv. Ich weiß immer nicht, was passieren wird, wenn ich irgendwie auf ihn reagiere. Es kann sein, dass er mich gleich küsst. Es kann aber auch sein, dass er mich anbrüllt und festhält. Ein Wunder, dass ich noch kaum blaue Flecken von ihm bekommen habe. Normalerweise geht das sehr schnell bei mir, aber bis jetzt war noch nichts wirklich Schlimmes dabei. Thanris zu irgendwas zu bewegen ist wie auf Messers Schneide zu gehen. Die Gefahr herunter zu fallen ist größer als Erfolg zu haben. Ironischerweise hat es sich als sehr erfolgversprechend herausgestellt, wenn ich ihn von mir weisen will. Fast automatisch klammert er sich an mich und möchte, dass ich bei ihm bleibe. Natürlich tue ich das. Wäre ja schön blöd, wenn ich wirklich einfach so versuchen würde meine Liebe zu ihm zu ersticken.

Wobei ich einmal schon wirklich ernsthaft daran gedacht habe. Aber damit fing das Spiel damals an. Ich hoffe nur, er registriert das nicht allzu schnell, dass ich bluffe. Ich fürchte dann würde er sehr, sehr sauer werden. Wieder strecke ich den Kopf in den Nacken und rieche angestrengt. Ouh, ja, jetzt. Sein Geruch ist minimal mehr geworden. Dann kommt er wohl wieder. Was er heute mitgebracht hat? Beim letzten Mal gab es Käsebrot mit Schinken. Wäre noch Salat dabei gewesen, wäre ich vor Freude tot umgefallen. Mal schauen, ich bin gespannt! Beeil dich, Thanris! Ich kann doch nicht warten!

23.08.2011

 

„Bin ich zu weit gegangen?“ Seit Tagen schon hämmerte genau dieser Gedanke im Schädel des Elfen, dessen Säbler sich unter ihm beständig und unermüdlich durch die Wellen der ehemals schimmernden Ebene schob. Vier Tage war er jetzt unterwegs gewesen, abseits der Wege, immer versucht keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und vorallem: Keine Spuren zu hinterlassen.

Nachdem er Thanris zusammengeschlagen hatte, eine Tat, die er aus tiefstem Herzen und mit schneidenden Gefühlen bereute, hatte er seinen Säbler hinter sich gelassen und sich ein neues Tier geliehen. Im Süden Desolace' hatte er begonnen seine Spuren zu verwischen. Auf seinem Weg war er an der Mondfederfeste und Neu – Thalanar vorbeigekommen, hatte stets nur kurz gerastet und versucht unscheinbar zu sein. Ein paar Bekannte hatte er hier noch, führte sich aber nicht auffällig auf und ermahnte sie, ihn nicht erkannt zu haben. Mit ausgeruhtem Säbler und vollen Provianttaschen machte er sich auf die Weiterreise. Mittlerweile war er fast am Ziel, nur noch einmal würde er zugunsten des Tieres rasten.

„Ich hätte das nicht tun sollen. Irgendwie war er ohnehin schon angeschlagen gewesen. Und ich habe es noch verschlimmert. Aber was hätte ich tun sollen? Er wäre mir ohnehin wieder gefolgt. So wird er hoffentlich wütend genug sein genau das nicht zu tun.“ Und das war auch seitdem seine einzige Hoffnung gewesen: Er hoffte, Thanris würde sich vor lauter Wut vergessen, würde ihn verwünschen und dem Ganzen so ein Ende setzen. Ein Ende mit Schrecken, kein Gutes und auch keines, das Ainyael gefiel. Aber ein Ende. So viel war sicher.

„Und wenn es doch nicht sicher ist? Wenn er hinterher kommt, trotz alledem?“ Unsicherheit breitete sich in ihm aus. Was würde er tun, wie würde er reagieren, wenn Thanris dennoch wieder auftauchte? Ainyael schüttelte sich, versuchend den Gedanken wegzuwischen. Das Tier unter ihm knurrte und richtete sich auf. Seine Bewegungen gingen merklich von einem Schwimmen zu einem Laufen über. „Ah, Land. Es wird Zeit für eine Pause“, sprach er leise. Das waren wohl auch die Absichten des Säblers gewesen, der an einer kleinen Stelle ebener und nicht gewässerter Erde Halt machte. Der Elf ließ sich von dessen Rücken rutschen und begann sein notdürftiges Lager aufzuschlagen. Mit etwas mitgebrachtem Feuerholz brachte er ein kleines Feuer in Gang, das gerade für ihn als kleine Wärmequelle reichte.

Er nahm eine Decke aus den Satteltaschen des Tieres, das sich bereits langgelegt hatte. Ainyael entfaltete sie, legte sie aber erst einmal ab. Der Hunger seines tierischen Gefährten ging vor und so stöberte eine Zeit in den Taschen herum. Schließlich holte er einen Happen Fleisch hervor, sowie ein eingepacktes Brot. Das Fleisch gab er dem Tier, dann nahm er sich die Decke und schwang sie sich über die Schultern. Er zog den Stoff um sich, dann ließ er sich nieder und begann selbst zu essen. Das Mondlicht schien auf ihn herab, ließ die kleine, ruhige Szenerie sanft aufleuchten.

Ainyael lehnte den Kopf an den Felsen hinter sich, an dem er sich angelehnt hatte. Es hätte alles so schön sein können. Sie waren sich in Darnassus begegnet, er hatte sofort Interesse an Thanris gewittert. Doch der stellte sich mit der Zeit als sehr engstirnig und in sich gezogen heraus. Wie Ainyael eben war, hatte er sich davon nicht kleinkriegen lassen. Er hatte nachgehakt, immer wieder, unerbittlich. Zuerst schien das auch zu fruchten. Doch umso mehr er schließlich tiefer ging, umso mehr wehrte Thanris ab. Sie begannen viel zu streiten, vorallem aber ernst zu streiten. Keine gespielten Keifereien mehr. Umso mehr hatte es Ainyael überrascht, als Thanris sich besorgt über seine Verletzungen zeigte, sogar mit nach Tanaris wollte. Ainyael war hin und hergerissen gewesen: Einerseits diese schiere Freude, dass der Elf im folgen wollte. Andererseits die düstere Vorausahnung, dass es schwer, wenn nicht gar untragbar für ihn werden würde.

Und so war es dann auch gekommen. Ainyael wusste nicht mehr weiter. Er fing an zu meckern, hielt Thanris Dinge vor, für die er nicht verantwortlich war. In Tal'Darah hatte er sich mehrere Stunden Auszeit gegönnt und nachgedacht. Warum das alles so war, wie es war. Warum er nicht Frieden geben konnte, wenn er von Thanris zurecht gewiesen wurde. Warum er dem Elfen immer wieder frustriert gegenüber stand. Zuerst hatte er gedacht, es wäre wegen seiner eigenen Engstirnigkeit gewesen. Aber an jenem Abend musste er feststellen, dass es nicht nur Worte waren, die ihm über die Lippen kamen, wenn er Thanris anfuhr, er könne ihm nicht geben, was Ainyael wolle. Ab jenem Abend war es Gewissheit gewesen: Er wollte den Elfen, seine andere Seite, sein Vertrauen. Seine Liebe. Thanris hatte sich nicht irgendwie in sein Herz geschlichen. Er hatte sich hinein geprügelt, sich fest gesetzt und ließ nicht mehr los. Und genau da lag das Problem.

Thanris hatte sich zwar in Ainyaels Herz festgesetzt, doch andersherum sah es nicht so aus, da war er sich sicher. Warum sonst ließ er ihn nicht ein, wehrte jegliche Versuche ab? Für Ainyael gab es einfach keine andere Erklärung. Thanris fühlte nicht im Ansatz wie er. Warum er mitgekommen war, warum er überhaupt bei ihm geblieben war nach all dem Streit, war für ihn unerklärlich geworden.

Im Streit in Desolace, an Karnums Lichtung, hatte Thanris gesagt, er könnte sowas nicht. Er könnte kein Freund sein, wie jeder andere. Aber das sollte er auch gar nicht! Er wollte keinen Freund, davon hatte er genug. Viele hundert Jahre war es hergewesen, dass er sich das letzte Mal für ein anderes Wesen derartig interessiert hatte. Nie hatte er es darauf angelegt, es passierte einfach. Genauso wie mit Thanris eben auch. Bisher hatte er nie einen Grund gehabt sich dagegen zu wehren. Aber seine Geduld mit dem anderen hatte ihre Grenzen gefunden. Er hatte gesagt, er würde nicht gehen, wenn er nicht fortgeschickt würde. Eine Tat, die Ainyael nie verbringen konnte. Aber er konnte ihn daran hindern zu folgen. Und das hatte er auch getan. Mit Erfolg.

Noch immer lag das Ächzen des Elfen in seinen Ohren. Noch immer hatte er Mitleid, noch immer bereute er. Aber was hätte er anderes tun sollen? Mit Worten kam er nicht weiter, also musste es mit Taten gehen. Seufzend umklammerte er seine Knie, nachdem er die Beine angezogen hatte. Eigentlich wollte er gar nichts anderes als bei ihm sein. Bei Thanris sein und sich an ihn drücken. Aber es war besser so. Fernab konnte sein Herz sich beruhigen, konnte es vergessen. Eine notwendige Tat. Eine, die er nicht bereute. Oder doch? Was würde passieren, wenn er Thanris wieder sah? Er wollte ihm um den Hals fallen, ihn nie wieder loslassen. Anstattdessen aber würde er sich gegen ihn wehren müssen. Es war widerlich. Einfach widerlich. Gezwungen zu sein denjenigen von sich zu stoßen, zu dem es einen am meisten hinzieht. „Thanris... Komm wieder. Und hör auf dich zu verstecken.“

10.08.2011

 

Zwei Tage nun war es her, dass der Elf mich im Gasthaus zu Lor'Danel zurückgelassen hatte. Eigentlich hätte ich in die Stadt zurückkehren und den Handwerker nach meiner Rüstung fragen müssen. Aber nein, so ganz wollte ich nicht. Warum? Ja eben, weil ich neugierig geworden war.

 

Warum fragt Ihr Euch? Naja, er wollte wissen, wie es sei, blind zu sein. Das war so an und für sich eben eine besondere Sache. Und er hatte sich gar nicht mal so dumm angestellt. Und eben das hat mich neugierig gemacht.

Aber, Neugierde hin oder her, ich hatte ihn die ganzen zwei Tage hier nicht getroffen. Vielleicht hatte er mich gesehen und einen Bogen herum gemacht. Mag sein. Doch dann hätte ich ihn irgendwann gerochen. Habe ich aber nicht getan. Vielleicht bekomme ich noch einmal die Chance mit ihm zu reden. Vielleicht nicht. Aber, bei Elune, ich bin verdammt neugierig!