Calyon Bärenflanke

11.11.2013

 

Er hob den Blick an und räusperte sich. Vor ihm erstreckte sich der Eingang des Tempels, eingebettet in eine massive, von Ranken umwachsene Steinmauer. Das Mondlicht ließ alles in sanftem Silber leuchten, eingeschlossen den großen Druiden, dem der Eintritt in das Gebäude heute erheblich schwerer fiel als sonst. Calyon holte tief Luft, nahm seinen Mut zusammen und ging hinein.

 

Das sanfte, jetzt leicht violette Licht des Inneren schlug ihm entgegen. Fremde irritierte der Wechsel gern, doch Calyon wusste, wohin er wollte. Im weiten Bogen umrundete er den plätschernden Mondbrunnen, ging so der kleinen Gruppe gesprächriger Priesterinnen aus dem Weg, die es sich vor dem Brunnen gemütlich gemacht hatten. Im hinteren Teil des runden Bauwerks nahm er die Treppe nach oben ins erste Stockwerk. Calyon folgte dem Wehrgang, der den Blick ins Innere des Tempels und auf den Mondbrunnen erlaubte, bis er an einen weiteren Torbogen kam. Ohne Einladung hätte er es als Frevel emfpunden, dieses Tor auch nur anzusehen. Doch Schwester Flüsterwind hatte ihn eingeladen. Und so trat er nervös seufzend in den Gang ein.

 

Der Stein, der zuvor die Struktur des Tempels dominiert hatte, fand sich auch hier wieder. Zu beiden Seiten hin öffneten sich stets neue Bögen, die in die Zimmer der Priesterinnen und Novizinnen führten. Jedes war mit weißem Stoff verhangen, um den Blick zu versperren und wenigstens minimal Privatsphäre zu geben. Yanairel Flüsterwind hatte ihn angewiesen das vorletzte Zimmer linksseitig zu betreten. Es war simpel zu finden, zwei Zimmer davor befand sich jenes von Anorien, die ihn ab und an ebenfalls einlud. Calyon in seiner Größe und massiven Gestalt versuchste sich still und leise durch den Gang zu bewegen, was natürlich fehl schlug. Allein seine Masse verursachte bei jedem Schritt einen leisen, dumpfen Ton, der dummerweise vom Stein des Bodens und der Wände noch verstärkt wurde. So wunderte es ihn nicht, dass Yanairel, kurz bevor er besagtes Zimmer erreichte, durch den Vorhang trat und ihm zulächelte.

 

"Elune adore, Bruder," lächelte sie ihm entgegen und knickste dabei höflich. Calyon erwiderte mit einem respektvollen Nicken, wollte ebenfalls grüßen, doch wurde ihm das Wort abgeschnitten.

"Die Novizinnen warten schon und sind sehr gespannt. SIe haben mir shcon die wildesten Gerüchte über Euch erzählt!"

Er seufzte aus, doch Yanairel gluckste amüsiert. Sie zog den Vorhang beiseite und deutete in den Raum hinein. Es widerstrebte ihm einzutreten. Offenkundig saßen dort nur Frauen, die ihn nicht kannten aber schon sehr genau wussten, dass er ein alter, griesgrämiger und unleidiger Mann sei. Insgeheim nervte und deprimierte ihn dieser Zustand. Es half nur nichts, also stellte er sich dem immer und immer wieder. So auch dieses Mal, engegen seinen eigentlichen Willens. Yanairel, die scheinbar mitbekam, dass ihm nicht ganz wohl war, nickte bestärkend. Noch immer lächelte sie den alten Mann wohlwollend und fast schon liebevoll an. Er sah sie an, erwiderte das Lächeln kurz und und trat mit einem warmen Gefühl im Herzen ein.

 

Der Raum war größer, als er gedacht hatte. Im Grunde genommen waren es zwei Räume. Im vorderen Teil war eine Art Lebensbereich mit zwei Sitzbänken, Tischen und Bücherregalen. Davon halb durch einen, mit hellem Stoff bezogenen, Paravent abgetrennt, befand sich der Schlafbereich. Auf den Bänken hatten es sisch fünf Novizinnen bequem gemacht, zudem waren einige Kräuter ausgebreitet, sowie Messer, Mörser und Schalen, um sie zu verarbeiten. Die jungen Frauen sahen fast schon erschrocken zu dem großen Druiden auf, der in dem elegant und fein verzierten Raum mit dem hellen Licht in seiner Masse und vergleichsweise dunklen Gestalt seltsam deplatziert wirkte.

 

Calyon brummte nuschelnd eine Begrüßung und nickte, blieb dann in seiner unbeholfenen Art schlichtweg vor der kleinen Sitzgruppe stehen. Die Novizinnen schluckten, senkten nach prüfenden Blicken untereinander die Augen und erwiderten leise den Gruß. Die ohnehin angespannte Atmosphäre verdunkelte sich noch. Nur Yanairels Lächeln konnte das alles nicht beeinträchtigen. Schmunzelnd schob sie sich, wie selbstverständlich, an Calyons Seite.

"Ich darf euch Bruder Bärenflanke vorstellen. Er ist seit vielen Jahrhunderten Druide des Zirkels und wird euch ab heute in der Kräuterkunde und - Verarbeitung unterrichten. Ich hole Euch einen Stuhl, Bruder."

Sie hatte wieder zu ihm aufgesehen und ihm erneut eines dieser liebevollen Lächeln geschenkt. Fast wie von allein war ihre Hand an seinen Arm geglitten, vermittelte ihm so Rückhalt. Calyons Herz setzte kurz aus, dann erwiderte er das Lächeln und nickte.

"Gern," war seine knappe Antwort. Als Yanairel sich fortbegab, sah er wieder zu den Novizinnen. Irritiert und überrascht hatten sie dem kleinen Schauspiel zugesehen, wurden nun ertappt, senkten den Blick erneut zu Boden und liefen dunkel an. Calyon wartete nicht lang, wandte sich in seiner tiefen, brummenden Stimme an sie.

"Seid so gut und stellt Euch vor," ermahnte er sie. DIe Frauen wechselten kurz Blicke.

"Nikaren," stellte sich die erste vor. Es folgten Ailorel, Brenahen, Lucandra und Eliandel. Keine von ihnen traute sich, dem alten Mann direkt ins Geischt zu sehen. Yanairel kam mit zwei Hockern wieder, stellte sie nebeneinander vor der Sitzgruppe auf und komplettierte den Kreis damit. Calyon quittierte alles mit einem "Gutgut." und setzte sich schwerfällig. Neben ihm ließ sich die Priesterin nieder, überließ dem Druiden aber das Wort.

"Hätten wir das geklärt. Dazu sei noch gesagt, dass ich Anreden in solchen Situationen mehr als unpassend empfinde. Solange ich euch also unterrichte, bin ich für euch Calyon, nicht Bruder Bärenflanke, Shan'Do, Meister oder Ähnliches. Und zum Schluss möchte ich euch bitten, eventuell aufkommende Fragen direkt zu stellen. Auch dann, wenn sie erst einmal nichts mit dem eigentlichen Unterricht zu tun haben. Ich werde vielleicht nich auf alle antworten können, aber ich kann es versuchen."

Die fünf jungen Frauen nickten zögerlich und sichtlich irritiert. Bevor sie sich eine Frage überhaupt hätten überlegen können, hatte Yanairel eine formuliert.

"Wie viele Schüler habt Ihr denn bereits im Bereich Kräuter unterrichtet?"

"Unzählige," war die plumpe Antwort. Calyon beugte sich vor und griff nach einer der Pflanzen. Sie war schlank gebaut mit dünnen Blättern und einer strahlend weißen Blüte.

"Wie heißt diese hier?"

"Friedensblume," antwortete Ailorel.

"Welchen Teil davon könnte man verwenden?" Calyon sah eine Elfe nach der anderen an. Sie tauschten fragende Blicke untereinander. Eine Antwort aber bekam der Mann nicht. Nach einem stillen Moment nickte er.

"Man benutzt die Blüte der Pflanze, zumeist als Tee aufgebrüht. Friedensblume entspannt und beruhigt und ist bedenkenlos jeden Tag verdünnt benutzbar."

Er schwieg für eine Weile und ließ den Frauen Zeit mitzuschreiben. Innerlich seufzte er leise, machten sie doch den EIndruck noch nie mit Pflanzen zu tun gehabt zu haben. Was ihm vollkommen entging war, dass Yanairel neben ihm zwar still blieb, aber beständig zufrieden in sich hinein schmunzelte.

Langsam war auch die letzte Novizin mit ihrer Schreibarbeit fertig geworden.

"Was denkt ihr, was man noch mit der Pflanze anstellen kann?"

Er ließ sie eine Weile in geduldiger Ruhe Blicke untereinander austauschen, auch wenn mit jedem verstrichenen Moment seine Hoffnung auf eine Antwort schwand. Doch er wurde positiv überrascht, da Nikaren doch noch reagierte.

"Ich sah eine Priesterin einem patienten eine weiße Bllüte geben. Er lutschte einige Momente daran. Könnte das Friedensblume gewesen sein?"

Die Novizin sah ihn fragend an, umso erleichterter, als er nickte.

"Sehr wahrscheinlich. Gibt man die Blüte direkt ist der Wirkstoff hoch konzentriert. So wird aus einem Beruhigungsmittel ein leichtes Schmerzmittel."

Calyon lächelte zufrieden. Nikaren grinste stolz, während sie und die vier anderen den neuen Fakt aufschrieben. Doch diesmal setzte der Druide gleich mit einer Frage fort.

"Wo wächst Friedensblume?"

"Auf Lichtungen!", schoss es aus Brenahen hervor. Erschrocken über ihre Spontaneinität lief sie dunkel an, sah zu Boden und nuschelte. "Glaube ich..."

"Stimmt. Sie wächst uaf hellen Lichtungen und Wiesen. Die Friedensblume mag es gern sonnig."

Zufrieden nickt der alte Elf. Er straffte den Rücken, streckte die Beine und erhob sich langsam. Währenddesssen sprach er weiter.

"Probiert den Tee der Blume bis zum nächsten Mal selbst aus. Und jede von euch sollte sich ein Exemplar eines Buches mit Zeichnungen und genauen Beschreibungen der Pflanzen besorgen. Nächstes Mal nehmen wir das uns das Silberblatt vor."

"Ihr geht schon?"

Yanairel hatte sich mit ihm erhoben. In ihrer Stimme klang leichte Unzufriedenheit mit. Als Calyon das bemerkte, hob er eine Braue an.

"Ich denke, das sollte für den ersten Unterricht genügen?"

Er war sichtlich unsicher. Die Situation wurde aufmerksam von den fünf jungen Frauen beobachtet. Yanairel seufzte aus.

"Schade. ich dachte, ihc könnte Euch noch auf einen Tee einladen."

Calyons Braue schwappte noch ein wenig höher, er sah sich kurz, vergeblich hilfesuchend um, dann räusperte er sich.

"Nunja, ich... vielleicht möchtet Ihr etwas nachbesprechen. Und ich sollte zum Pavillon zurück."

Sich selbst bekräftigend nickte er wieder. Zu seiner Verwunderung nickte auch Yanairel, wie gewohnt lächelnd.

"Dann suche ich Euch nachher dort auf."

Calyon verneigte sich knapp, aber respektvoll, vor der Priesterin, nickte dann den Schülerinnen zu, die aufgestanden waren und ihm gegenüber geknickst hatten.

"Macht das, Schwester Flüsterwind. Laub unter Euer aller Füßen."

Mit diesen Worten drehte Calyon sich um und verließ langsamen Schrittes den Tempel.

06.09.2012

 

Um Feralas hatte er einen Bogen gemacht, hatte die Gestalt gewechselt und den Abendhimmel als dunklen Schatten überquert. Der Geist in seinem Inneren hatte, trotz aller Sicherungsmaßnahmen zum Trotz, den Angst der unter ihnen vorbeiziehenden Welt gespürt, gespürt wie sich das Leben vor ihnen verkroch. Diese Situation war es, die Calyon am meisten hasste. Eingesperrt, zum Nichtstun verdammt, wartend, dass der andere schwach wurde, damit er endlich wieder gut machen konnte, was geschehen war. Aber würde er das dieses Mal überhaupt können?

Der Vogel ließ sich am Rande nach Tausend Nadeln in einem der Bäume nieder. Der bösartige Blick wandte sich umher, fixierte die Wasserelementare. Hass wallte in dem Vogel auf, Hass auf die Müdigkeit des alten, ungeschonten benutzten Körpers. Calyon knurrte innerlich. Natürlich war dieser Körper müde. Er war über zehntausend Jahre alt, hatte seit Wochen weder gegessen noch getrunken und war nur über dunkle Magie am Leben gehalten worden. Natürlich war er müde! Doch derlei Dinge interessierten den anderen nicht. Heftig, vom Ärger des Druiden angestachelt, pulsierte das Mal im Nacken des Körpers auf.

Der Körper wandelte sich in den Elfen zurück und setzte sich hin. Wenn er doch nur einen minimalsten Gedankengang zu Calyon durchlassen würde, dann hätte dieser wenigstens ansatzweise die Chance zu intervenieren. Aber nein, seit Wochen schon hielt er Calyon gefesselt und versteckt, wie jener es sonst mit ihm zu tun pflegte. Im Gegensatz zu seinem Zwilling aber war der Druide nicht in der Lage ewige Zeiten in diesem Zustand zu überleben. Und genau dies wusste auch er. Zudem war er klug genug es zu seinem Vorteil zu benutzen.

Lange saß der Körper so im Baumwipfel herum. Zeit, die Calyon erneut zum Nachdenken benutzte, genauso wie vermutlich sein Zwilling. In Gedanken ließ er die letzten Begegnungen mit anderen Elfen Revue passieren. Atthar, der seine vielen intelligenten Fragen gestellt und seinen Zwilling nervlich strapaziert hatte. Eine gute Idee, das andere Wesen in ihm besaß nicht ansatzweise genug Geduld für so etwas. Roseli, die sich ihm immer wieder, trotz aller Vorsicht, genähert hatte. Inzwischen hasste der Zwilling sie wie kein anderes Wesen auf diese Welt. Inständig hoffte Calyon, dass sich das Mädchen irgendwie dessen bewusst war und ihn gehen lassen würde.

Wehmütig dachte Calyon an die sieben Kaldorei, die sich vertrauensvoll an den vermeintlichen Elfen gewandt hatten. Sie waren nicht die Anwärter auf eine neue Schülerschaft gewesen wie die Unbekannte, die ihm den Alkohol verabreicht hatte. Sie waren einfache Frauen gewesen, Frauen mit Problemen, die eigentlich nur eine Schulter zum Ausweinen gesucht hatten. Noch ein Punkt, an dem Calyon zum Hoffen aufgefordert war. Diese leblosen Körper durften nicht gefunden werden. Und wenn doch, dann durfte Calyon damit nicht in Verbindung gebracht werden, was so ziemlich unmöglich war. Er würde Darnassus fernbleiben müssen, wenn er jemals wieder Herr seiner Selbst war. Wenn.

Die Chancen dafür standen deutlich schlecht. Der Druide wusste, wohin sein Zwilling wollte. Und er hatte Angst davor. Das letzte Mal, als er dort gewesen war, hatte er eine der wichtigsten Personen verloren. Terrick war ihm nachgejagt, lange und intensiv. Es war für den Zwilling schwer gewesen den Worgen auszutricksen. Doch allein die Tatsache, dass sie den Körper benebeln und fortschaffen wollten, einer ihm hinterher jagte, zeigte, dass sie ihm folgen würden. Oder es zumindest versuchten. Roseli war intelligent. Calyon ging davon aus, dass sie wusste, wo er hin ging.

Und da war es wieder, das Szenario, vor dem ihm so graute: Roseli, weitere Schüler, Unschuldige, alle im Versuch zu helfen, verstorben. Er war schon einmal dorthin gegangen, war nicht allein gewesen, hatte Helfer bei sich gehabt… und war gescheitert. Nie hatte sich Calyon davon erholt, immer diese Furcht im Nacken gehabt. Aber noch nie war auch die Hoffnung auf ein anderes Ende derart groß gewesen. Er war damals mit starken Kämpfern, großen Druiden unterwegs gewesen. Das hier waren Schüler. Und die konnte jemand Leichtsinniges sehr gut unterschätzen. Leichtsinn war eine der Schwächen des Zwillings.

Calyon bemerkte die Ruhe im Körper, sowie des anderen Geistes. Er stutzte, unterbrach sich in seinen Gedankengängen. Vorsicht war angebracht, wenn der andere am Lauschen war. Calyon vernahm das tiefe Knurren der eigenen, fremden Stimme, ehe er der Körper sich aufrichtete. Erneut wurde die Gestalt gewandelt, hoben dunkle, kräftige Flügel den Vogel in die Luft.

14.03.2012

 

Portalzauber sind immer so eine Sache. Auch den eigenen zur Mondlichtung, der nun nicht durch das Ley der Magier gerufen wurde, nahm der Druide dieser Tage nur schlecht hin. Als sich seine Sinne schärften, sein Körper sich materialisiert hatte, musste er sich schütteln. Instinktiv glitt eine Hand in seinen Nacken, ertastete das runde Mal. Beruhigt strich Calyon die Haare glatt. Keine Erhebung, kein Anzeichen irgendeiner Veränderung. Alles so, wie es sein sollte. Vielleicht war noch Zeit genug alles in richtige Bahnen zu lenken. Er wollte nicht einfach verschwinden, wie beim letzten Mal. Und vorallem wollte er nicht, dass seine Rettung diesmal das Leben eines Druiden fraß. Oder gar eines Schülers. Das Bild des jungen, rothaarigen Mädchens schob sich in seine Gedanken. Roseli wäre vermutlich momentan die Erste, die nach ihm suchen würde. Und nichtsahnend, unvorbereitet und machtlos in die Falle gehen würde. Der Druide knurrte und schüttelte sich, im Versuch den bedrückenden Gedanken loszuwerden. Doch irgendwie wollte es ihm nicht gelingen, war sie ja gerade der Grund seines Hierseins.

Langsam trugen seine Schritte den Druiden durch Nachthafen. Er ging gebeugt, müden Blickes, der Welt offenkundig überdrüssig. Ein Zustand, den er hier nicht zu verbergen brauchte, wie er es in der Stadt tun musste, wussten doch nahezu alle Bewohner um ihn und seine Geschichte. Er war nicht neu hier, wurde von nahezu Niemandem auch nur eines Blickes gewürdigt. Und so kam er auch unbehelligt an Remulos' Schrein an.

Aufrecht stand der Bewahrer auf der kleinen Lichtung, die seinen Namen trug. Selten bewegte er sich von hier fort, stand er doch als ständiger Ansprechpartner für Druiden und Wanderer zur Verfügung. Der kräftige Elfenkörper wandte sich halb zu dem Neuankömmling herum, während der hirschartige Unterleib dem ankommenden Druiden noch immer die Flanke zeigte. Als Remulos seinen alten Schüler erkannte, hob er eine Braue. Ein altes, vertrocknetes, bereits brüchiges Blatt segelte zu Boden nieder, losgelöst aus dem dunkelgrünen Haar des Bewahrers. „Calyon... deine Anwesenheit ehrt mich. Und erstaunt mich, denn du bist in den letzten Monden oft hier gewesen.“ Der Druide hob ihm den müden Blick entgegen, einer Antwort gleich, die Remulos durchaus verstand. „Es geht wieder los, hrm? Beunruhigend, die Abstände werden immer kleiner.“ War die Stimme des Bewahrers tief, aber gut vernehmlich, so war Calyons Stimme nicht viel mehr als ein dumpfes Flüstern. „Ich sehe ihn in meinen Träumen. Im letzten trieb er mir einen Dolch in den Rücken, aber ich fürchte, es ist wiedermal nur Trug.“ Hier ließ er sich mit schmerzendem Murren nieder. „Außerdem,“ fuhr er fort, „gibt es bedenkenswertere Dinge. Remulos sah ihn fragend an. „Welche?“ - „Ich vergesse.“ Einige Sekunden des Schweigens vergingen, ehe Calyon erneut die Stimme erhob. „Neulich kam Roseli zu mir. Wir unterhielten uns, sie fragte mich, wobei ich Freude empfinden würde. Ich hatte keine Ahnung.“ Ruhig hielt der Druide den Blick auf den Bewahrer gerichtet, der mit einem Seufzen nickte. „Vorhin kam sie mit einem Kartenspiel zu mir. Sie musste es mir erklären, ehe ich es spielen konnte. Dabei habe ich doch viele solche Dinge früher getan? … Oder nicht?“ Mit ernster Frage sah Calyon zu Remulos auf, der ihn wahrlich besorgt musterte. „Eigentlich kennst du sehr viele Spiele. Und spielst sie auch gern, Schattentritt.“ Calyon nickte, fiel wieder eine Weile in nachdenkliches Schweigen. Warum gerade die Spiele? Hatte er vielleicht noch mehr vergessen als das? Die Braue wölbte sich nach oben, ehe Remulos das Wort erhob. „Wie lange träumst du schon davon?“ - „Ich weiß es nicht genau. Ein halbes Jahr? Ein Jahr? Nach der Sache im Hyjal. Ich ging wohl zu offen gegen die Feuer vor.“ Der Bewahrer nickte schweigend, bis er den Kopf hob und gen Nachthafen blickte. „Mhrm... Der Auftrag dieses seltsamen Drachen, nicht? Du warst wirklich etwas eifrig. Hast du danach jene Magie gespürt?“ Calyon schüttelte den Kopf. „Nein. Aber das mag nichts heißen. Er hat uns so oft schon ausgetrickst und hinters Licht geführt.“ - „Bleib ein wenig hier, berichte, wenn noch etwas eintritt. Außerdem werde ich mir deinen Zustand mal genauer ansehen müssen.“ Diesmal nickte der Druide. „Ich weiß. Ich habe Roseli schon auf die nächste Woche vertröstet. Mhrm...“ Mit einem Stirnrunzeln wandte er den Blick zu Boden. Da war er an der Sache, die er eigentlich als problemhaft empfand. Aber sollte er es erzählen? Remulos galt all sein Vertrauen, aber ging das hier zu weit? "Ich könnte mir niemand anderen vorstellen, bei dem ich sein wollte. Aber tausend Orte, an denen ich mit dir hingehen würde." Wie ein Blitz schoss die Erinnerung in seine Gedanken, ließ ihn sich schütteln. Mehrmals schon hatte er diese Worte vernommen in seinem Leben. Und nie waren sie wirklich für ihn bestimmt gewesen. Der Bewahrer ließ ihm seine Zeit zu denken, wandte sich herum und ging ein paar Schritt im Dunklen der Lichtung. Eine Zeit des unsicheren Haderns folgte, ehe er doch aufgefordert wurde. „Was ist los, Schattentritt. Wenn es „nur“ diese eine Sache ist, ist die Vorgehensweise klar. Du bleibst hier, ich kümmere mich darum.“ Mit einem Seufzen begann er also zu erzählen. „Nein, das ist es nicht. Es ist vielmehr... mhrm. Roseli. Sie ist seltsam in letzter Zeit. Ich weiß nicht, wie lang es schon geht, du weißt, ich bin nicht gut darin solche Dinge zu bemerken. Aber vor einiger Zeit bot ich ihr an in meine Höhle zu ziehen. Du weißt, sie hat sonst niemanden und ich möchte nicht, dass ihr irgendetwas geschieht.“ Eine kurze Pause folgte, die Remulos nutzte. „Du hast es oft so gehalten und wir haben es gut gehießen. Eine gute Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist immer anstrebsam. Bei dir gab es damit nie Probleme.“ Eine gute Beziehung... war es das denn? Calyon schüttelte erneut den Kopf. „Mein Lager ist groß. Ich hatte Angst, sie könnte beim Schlafen zu frieren anfangen und bot es ihr an. Normalerweise ist sie eingänglich, artig und ruhig. Hier wurde sie bockig und stur, beharrte auf ihr eigenes Lager. Nja, es ist ihr Wille und ihre Entscheidung. Ich werde sie nicht zwingen. Was ich seltsam finde ist, dass sie selbst nicht weiß, warum sie derart reagierte.“ Remulos wandte sich wieder zu ihm herum. „Und? Sie ist sechzehn. Sie muss noch nicht wissen, warum sie wie funktioniert. Das wissen viele im hohen Alter nicht einmal. Sogar ich weiß nicht, warum ich manchmal reagiere, wie ich reagiere. Es ist einfach so.“ - „Mhrm, schon. Sie irritiert mich. Sie antwortet auf einige Fragen sehr klar und präzise. Bei manchen Fragen finde ich es... mhrm... nein, macht es mir Angst.“ Jetzt war es der Bewahrer, der irritiert die Brauen hob. „Angst?“ Calyon nickte. „Ja. Sie sagt, sie sei glücklich bei mir. Sie wolle nicht weggehen, egal was passiere. Sie fühle sich zuhause bei mir. Und vorallem möchte sie wissen, WER ich bin.“ - „Wer du bist oder wer du bist?“ - „Wer ich wirklich bin. Ich kann es ihr nicht sagen, Shan'Do. Auch wenn sie meint, das alles ertragen zu können. Sie will es auf sich nehmen.“ Er seufzte, hob dann die Schultern aufgebend an. Remulos murrte, wandte den Blick wieder gen Nachthafen.

Die Reise hatte keine Woche gedauert. Calyon saß auf dem Rücken seines Hippogryphen, lag schwer auf dem Rücken des Tieres. Sein Geist war müde und schwach, er würde einige Zeit der Regeneration brauchen. Die von Remulos gewebte Fessel um sein Innerstes saß wie gewohnt gut und fest, als Nebenwirkung aber wurde stets auch ein Teil von ihm selbst gebunden. Er meinte sich wieder an alles zu erinnern. Ja, er kannte das Kartenspiel bereits. Und er hatte es immer gern gespielt.

11.03.2012

 

Lau wehte das Lüftchen, umspielte dunkelblaues Haar, hob es leicht an, ließ es wehen. Matt glänzte das Mondlicht darauf, strich über einzelne Haare der dünnen Strähnen, tauchte die restlichen in fast schwarzes Blau. Brust und Schultern des Druiden hoben und senkten sich gleichmäßig, an den Pfeiler gelehnt schlief er ruhig und einsam, sich in völliger Sicherheit wiegend. Die Gedanken des Mannes waren schwarz und ruhig, die tiefe, ruhige See des Vergessens. Doch dieser Zustand weilte nur kurz, ein kurzes Aufzucken durchlief den massigen Körper, ließ sich die Augen zusammenpressen. So schnell wie gekommen, so schnell gegangen.

Tief in ihm drin wechselte das ruhige Dunkel mir einem entstehenden Bild. Es wurde warm und hell, Sand floss in sein Gesichtsfeld, das sich nur langsam an die Umstände gewöhnte. Angst durchzuckte den Elfen, Vorahnung auf das, was kommen könnte. Wie er erwartete, war es auch, aus dem Sand erhob sich eine Trollfeste, ihm nur allzu bekannt. Der Geist des Mannes suchte sich herum zu drehen, davon zu gehen, anstattdessen aber tat sein Körper einen Schritt nach vorn. Nein, er wollte dort nicht hinein, niemals wieder diesen Ort sehen, sich auseinandersetzen müssen. Die Gegenwart war schon unerträglich genug, warum sollte er noch die Vergangenheit wiedererleben müssen? Doch unbarmherzig wurden seine Schritte in die Feste gezogen, ließen ihm keine Möglichkeit zur Gegenwehr. War er vor Kurzem im Traume nicht schon einmal hier gewesen? Hatte das seinen Zweck nicht erfüllt? Es strebte ihm absolut nicht danach wieder hier zu sein.

Dennoch gingen seine Füße wie von selbst den Weg durch diese Feste, einem Labyrinth gleich. Tief in seine Erinnerung gepresst war jeder einzelner Meter, den er gehen musste, bis er im hellen Licht des stoffüberzogenen Innenhofes stand. Wie auch beim letzten Traum war alles hier, was hier sein musste: Wandzeichnungen, Türen, Tore, Ornamente, der kleine Pavillon. Zu letzterem führten ihn seine Füße auch direkt hin, machten Halt, als er niemanden darin sah. War hier nicht beim letzten Mal jener Elf gewesen? Insgeheim hoffte der Druide, jenen Mann wiederzusehen. Aber auch, ihm niemals wieder begegnen zu müssen. Er tat einen Schritt in den Pavillon herein, sah sich um. Ihn erschrak nicht, was er sah. Es war alles vorhanden, von abgetrennten Gliedmaßen über Folterwerkzeuge, Phiolen unterschiedlich farbenen Blutes, Hauer diverser Tiere oder Humanoider. Der Elf runzelte die Stirn, ließ die Finger über einen dunklen, violett glimmenden Stein streifen. Er spürte die Energie darin nach seinem Innersten lecken, als wäre sie real, als wäre es das normalste der Welt. Doch sollte das im Traum so sein?

Zeit den Gedanken zu Ende zu denken, hatte er nicht. Er spürte einen Schmerz in seinem Rücken, sich tief in seinen Körper bohrend. Das Licht verblasste, als das Gefühl ihn überflutete, er nach hinten kippte. Aufgefangen wurde der kräftige Körper von kräftigen Armen. Calyon sah mit den letzten Kräften in ein allzu bekanntes Gesicht. Sofort wusste er, dass es besser gewesen wäre, sich nicht mehr danach zu sehnen. Weißes Haar umspielte das junge Gesicht, das ihm entgegen sah, ein liebevolles Lächeln im Gesicht. Der Rücken des Druiden drückte sich durch, von Gravitation nach unten gezogen, ließ ihn den Dolch im Rücken erneut spüren. Das Licht verblasste weiter, der Innenhof rückte weit weg, die Worte des anderen nur noch wie aus weiter Entfernung zu hören. „Alles das Gleichgewicht störende, wird getilgt.“

Lau wehte das Lüftchen, umspielte dunkelblaues Haar, hob es leicht an, ließ es wehen. Matt glänzte das Mondlicht darauf, strich über einzelne Haare der dünnen Strähnen, tauchte die restlichen in fast schwarzes Blau. Brust und Schultern des Druiden hoben und senkten sich schwer, zeugten vom unruhigen Schlaf des Alten. Die Gedanken des Mannes wurden wieder schwarz und ruhig, die tiefe, ruhige See des Vergessens.

04.03.2012

 

Die Sonne stand noch am Himmel, als meine Schritte mich zur Enklave führten. Drei Tage nun war es her, dass ich mit dem "feiern" auf der Mondlichtung aufgehört hatte. Vor dem eigentlihen Ende des Fests. Bruder Bärenfährte wollte mich in Darnassus sehen und ich war viel zu müde, um mich dagegen aufzulehnen. Die Tage hatte ich bei Mutter Uhu geruht, eine Zeit, die dringend notwendig war. Tief in meinem Nacken hatte es schwerlich zu Ziehen begonnen. Zuerst dachte ich an die Nachwirkungen des Alkohols, aber nach drei Tagen sollte es doch mittlerweile vorbei sein. Aber anstatt abzuklingen, kroch der Schmerz weiter hinauf, entwickelte sich immer mehr zu einem Ziehen im Hinterkopf. Bärenfährte würde Rat wissen. Hoffentlich.

Mein Weg ging schnurstracks auf den Baum des Bruders zu, indem früher der Druide Hirschhaupt residiert hatte. Ein Verräter, nicht mehr. Das war keine neue Erkenntnis für mich, vielmehr war ih seit seine Erhebung zu Shan'Do Sturmgrimms Vertreter schon skeptisch gewesen. Die letzten Ereignisse um ihn machten nur klarer, dass ich leider recht behalten hatte. Nun kümmerte sich Bärenfährte direkt um die Belange des Zirkels in Darnassus. Aber heute schien nicht meine Nacht zu sein. Ehe ich zu dem Druiden heraufgehen konnte, kam mir an der Schwelle zum Haus bereits ein Bruder mit abwehrend erhobenen Händen entgegen. "Er hat wihtigen Besuch! Ich sage Euch bescheid, wenn er Zeit hat!" Ich rollte mit den Augen , währrend ich tief und genervt die Luft einsog. Ein wüstes Knurren drang dem Bruder entgegen, ehe ich kehrt machte und zu Pavillon ging.

Der Winter hielt auch hier langsam Einzug. Der Steinboden des Pavillon war ausgekühlt, die Sonne schaffte es kaum noch Wärme durch die dichten Äste zu schicken. Es wunderte mich nicht, dass mir zuerst ein leichter Schauer über den Rücken strich, als ich mich setzte. Ich zog den Umhang fester um mich, musterte kurz die Umgebung, den See, das Tor, die Bäume, ehe ich die Augen schloss. Es dauerte nicht lange, bis ich Flügelrauschen neben mir vernahm. Mittlerweile instinktiv lupfte ich den Umhang. Etwas waghalsig kletterte das Eulentier darunter, schmiegte sich an meinen Bauch und plusterte sich genießend auf. Zeit, um den Umhang wieder zu schließen. Gurrend verharrte Mutter Uhu in meinem Schutz und unter jenem Geräusch wurde auch mir langsam drieselig. Müde gähnte ich ein paar Mal, Bruder Bährenfährte würde in den nächsten Minuten ohnehin keine Zeit für mich finden. Nur zu willg ließ ich mich von Wärme und Dunkelheit umfangen.

Verschwommen, aber hell war es. Kein weiß, wie es von der Sonne allein herrühren würde, sondern vermischt mit wohligem Ocker. Es war warm, sehr warm, bald schon heiß. In der Spanne, in der es warm wurde, klärte sich mein Blickfeld auf. Vor mir türmte sich langsam das Bbild einer Trollfeste im Sand auf. Ein Anblick, der mir die Adern gefrieren ließ, mch mit Angst erfüllte. Die Trollfeste wurde geziert von unzähligen Totenschädeln, die Wände mit blauen Pigmenten bemalt, um den zentralen Turm, die einzig größere Erhebung, flogen drei, vier kugelartige Wächteraugen. Augenscheinlich war alles ruhig, doch was sollte ich hier? Es musste ein Traum sein und jetzt gerade wollte ich nichts mehr als aufwachen!

Unsicher sah ich mich um. Es war niemand sonst hier. Wer hätte auch hier sein sollen? Immerhin war diese Feste vor über viertausend Jahren in meinem Beisein im Sand verschwunden. So wirklich nahm ich es nicht wahr, als meine ersten Schritte auf die Feste zu erfolgten. Wie von Geisterhand gezogen ging ich schnurstracks auf den Eingang zu, schoben meine eigenen Hände schließlich die großen Torflügel beiseite. Der bekannte Geruch nach alter Zeit, Erinnerungen und Staub schlug mir entgegen. Dunkelheit umfing mich, die alles Licht verschluckte.

Noch immer folgten meine Füße von selbst jenem alten Pfad durch die Feste, den ich Jahrtausende zuvor bereits gegangen war. Ich blieb erst stehen, als das seichte Licht des stoffüberzogenen Innenhofes über mir herein brach. Ich ließerneut den Blick streifen. Es war alles so schmerzhaft bekannt. Die Wandzeichnungen, Ornamente, Türen und Tore, der kleine Pavillon. Etwas war an dem kleinen Bau anders. Er war aus hellerem Stein gehauen, umspannt von halb durchscheinenden, bunt gefärbtem Tuch. Und darin bewegte sich etwas. Irritiert ging ich darauf zu.

Als ich näher kam erkannte ich, dass es ein lebender Mann war. Ich hätte einen Troll hier vermutet. Was da vor mir stand hatte zwar bläuliche Haut und lange Ohren, doch war es mit Sicherheit kein Troll. Ich betrachtete den Rücken genauer, dann fiel mir die fehlende, rechte Ohrspitze auf. Für den Bruchteil einer Sekunde blieb mein Herz stehen. Was machte er hier? Vorsichtig streckte ich die Hand nach ihm aus. Noch ehe ich seine Schulter berühren konnte, drehte er sich um, das Gesicht verdeckt unter dem von der Bewegung wehenden, weißen Haar.

Plötzlich wurde es kalt. Ich erschrak mich so sehr, dass ich die Augen aufschlug. Schmerzende Helligkeit schlug in meine Augen, ließ mich zusammenzucken und frustriert brummen. "Ouh... verzeiht..." nuschelte es neben mir. "Ich wollte Euch nicht wecken, Bruder Bärenflanke. Aber Bruder Bärenfährte erwartet Euch nun..." Irritiert sah ich zu dem Mann auf. Für einen kurzen Moment noch sah er aus wie eben jenes Traumbild, kristallisierte sich aber als jener Elf heraus, der mich abgewimmelt hatte. Ich nickte und brummte zustimmend. "Einen Moment..." und rappelte mich auf. Schmerz zog bei der Bewegung durch meine Brust, seit der Verbrennung ein nur allzu bekanntes Gefühl. Wollte wir doch einmal sehen, was der alte Meister mir mitzuteilen hatte.

30.09.2011

 

"Ainyael!" Orithils Stimme hallte in meinem Schädel wider, ließ mich zusammenfahren. Die kleinen Phiolen rutschten aus meinen Fingern, mit leisem, zerschellendem Klirren kamen zwei auf dem Boden an. "Kämpfen, sofort." Seine Tonlage hatte Ähnlichtkeit mit der eines Orks kurz bevor er zum Schlag ausholte. Und sie duldete keine Zurückweisung. "Hilf mir wenigstens beim Scherben auflesen", seufzte ich. Aggressives Knurren schlug mir entgegen, dennoch setzte er sich in Bewegung. Eine genuschelte Entschuldigung fand den Weg zu mir, während der Elf die Scherben einsammelte. Ich erhob mich, schob die Füße suchend über den Boden während ich lief. Irgendwo beim Bett musste meine Rüstung sein. Das weiche Leder berührte meine Füße, als es hinter mir noch knurrte und grantete. "Was hast du gebraut." - "Lediglich das Zeug zum Schmerzstillen. Nichts Besondres, keine Sorge. Außerdem waren die Phiolen leer." Ein Brummen war die Antwort, dann herrschte Stille. Wohl wissend um die Prügel, die ich gleich würde einstecken müssen, legte ich die Rüstung an. Ab und an, vermutlich aus Ungeduld, spürte ich die helfenden Finger des Mannes am Leder. Die Prozedur ging schweigend von statten.

Orithil führte mich, mit Pfiffen lotsend, zum Übungsplatz der Stadt. Ich hatte kaum die Klingen gezogen, als ich den Lufthauch seiner Bewegung verspührte und instinktiv einen Schritt nach hinten wich. Seine Klingen surrten an mir vorbei, sein Knurren mischte sich mit dem Geklimper seiner Kettenrüstung und dem Fauchen seiner Säblerin. Keine Frage, der Elf war wütend. Selten hatte ich Orithil wütend gesehen, meist war er freundlich und höflich. Aber in letzter Zeit lag ohnehin etwas im Argen bei ihm. Er pfiff, währrend er die Klingen anhob, machte fairerweise die Bewegung so für mich sichtbar. Ich richtete mich aus, ging in die Defensive. Kaum stand ich bereit durchzuckte das Geräusch aufeinanderprallenden Metalls die laue Nacht. Unter der wütenden Kraft seines Schlages gaben meine Arme nach, ließen seine Klingen mit einem Schaben an meine entlanglaufen. Wieder ein Knurren, wieder machte ich instinktiv einen Schritt zurück. Ich seufzte. "Erzähl lieber anstatt mich zu Brei zu prügeln!", fauchte ich Orithil entgegen. Wieder war nur ein Knurren die Antwort.

Zwei Stunden wütenden Schlagabtausches später hatte ich es geschafft in diesem Wutabbau die Oberhand zu bekommen. Zweifelsohne war Orithil ein überaus begabter Mann an den Waffen, aber ohne Bogen war er nicht ansatzweise ausdauernd genug in einem wirklichen Gefecht standhalten zu können. Ich roch den Schweiß auf seiner Haut, spührte seine Schläge schwächer werden, hörte das Rasseln seines Atems. Richtungsweisende Pfiffe waren nunmehr nur gehaucht. Allzu viel besser sah es bei mir nicht aus. In all dieser Zeit hatte ich keinen Angriff geführt, hatte mich von ihm auf dem kleinen Platz herumtreiben lassen wie Vieh. Ich schwitze, die Konzentration ließ nach, meine Abwehr begann zusehends zu wanken. Zwischen all den Geräuschen des Kampfes vernahm ich kurz Schritte hinter mir und tatsächlich, Orithils Angriff verebbte mitten in der Bewegung. Ein Fehler. Ich holte aus, pfiff und ließ mein Schwert diagonal gen seiner Brust schlagen. Nur knapp konnte er den Schlag abfangen, dann zischte er wieder. "Ruig ihr zwei. Ihr macht ja einer Horde Orks an Lautstärke Konkurrenz." Es war die tiefe, raue Stimme Calyons, die mir sogleich ein Lächeln ins Gesiht trieb. "und selbst darin wären wir besser als sie!" Ich lachte auf, fühlte das Stutzen der anderen beiden Männer, die aber schließlich in meine Belustigung einstiegen. "Wohl wahr, daran gibt es keinen Zweifel. Und an Verrücktheit übertriffst du sie ganz ohne Orithils Hilfe." Wieder ein Lachen von mir, das erst verebbte, als Calyon erneut die Stimme erhob. "Und jetzt erzählt, warum prügelt ihr euch?" Um ehrlich zu sein, ich wusste es noch immer nicht. Und dementsprechend hob ich die Schultern an. "Na?" seine Stimme duldete keine Ausreden, so viel war klar. Schließlich war es Orithil, der sprach. "Weil ich nicht verstehe wie man in dieser verfluchten Welt zehntausend Jahre leben kann. Ständig bekommt man eine ins Maul." Ich erschrak ein wenig. Seit wann sprach er so? Stets war er diszipliniert gewesen, allen ein Vorbild an Höflichkeit und Respekt. Doch diese Grantigkeit hier klang so gar nicht danach. Und vermutlich ging das auch in Calyons Schädel herum. Zuhörend setzte ich mich, froh über eine kleine Pause.

"Noch immer Probleme mit den Schwestern?" - "Ja. Es wird eben einfach auch nicht besser, wenn nichts getan wird. Natürlich sehen sie mich unfähig. Seht mich an, ich bewirte das Teehaus und zu mehr bin ich nicht im Stande." Er grollte tief. "Bleb ruhig, Findariel. Es ist nicht aller Tage Abend und du hast noch viele Jahr vor dir. Die Zeiten machen uneinsichtig. Dagegen bist du genausowenig geweiht wie die Schwestern. Tue das, was du kannst. Und tue es mit Hingabe. Der Rest kommt von allein." - "Ich tue meinen Dienst. Das mache ich jetzt seit Jahren. Ich bin treu, loyal, gelehrig nd gehorsam. Was denn noch? Was soll ich noch tun?" Verzweiflung hatte sich in der Stimme des jüngeren Elfen breit gemacht. "Du selbst sein. Aber ich sehe, du kannst es gerade nicht, hast dein Gleichgewicht verloren. Das ist nicht schlimm. Gönn dir Ruhe, Zeit für dich allein." Die Antwort war lediglich ein Brummen, nach dem erst einmal Stille folgte.

Schließlich war ich es, der wider sprach. "Ich weiß nicht, ob er wiederkommt." Ich sprach leise, ließ die Bedrückung meiner Gedanken die anderen beiden hören. Und spührte auch sofort deren Blicke auf mir. Sollte ich wirklich weitererzählen? Bisher wusste Calyon nichts von Thanris und eigentlich war es mein Plan gewesen es auch dabei zu belassen. Dennoch kreisten meine Gedanken beständig herum, schürten Sorge und Zweifel. Irgendwo musst ich damit hin. Und diesen beiden konnte ich vertrauen. Also fuhr ich fort. "Ich war nicht allein in Tanaris, Calyon. Ich hab die Zeit mit einem Elfen verbracht. Mit Thanris. Wir haben viel gestritten, aber wisst ihr, ich mag nicht mehr ohne ihn." Das murrige Brummen Orithils unterbrach mich kurz. "Aber er konnte nicht mit zurück. Er hat einer Frau ein Versprechen gegeben und wollte dies einlösen. Er hat mir versprochen nach einer woche wieder bei mir zu sein. Aber irgendwie..." - "Du zweifelst." Calyon unterbrach mich, ich nickte. "Ja. Er ist ein Mann, sie kennen sich seit Jugendtagen. Was soll ich da schon ausrichten können?" - "Deine Liebe unterscheidet sich nicht von der einer Frau. Beides ist Liebe." - "Schon. Aber weiß ich, dass er mich erwidert? Dass ich nicht einfach irgendein Spiel bin? Ich komme mir oft so vor, wenn er mit mir umgeht. Und ich glaube einfach, dass das kein Spiel wäre. Vermutlich hat seine Mutter noch die Finger im Spiel." Wieder wurde geschwiegen. Luft bewegte sich neben mir, auch Orithil hatte sich nun niedergelassen. Wenig später folgte auch Calyon. "Ich hoffe, dass du nicht enttäuscht wirst." - "Ich ebenfalls. Schon allein, weil ich dich nicht ständig auf meinem Schoß sitzen haben will." Ich schmunzelte, denn endlich schwang Witz in Orithils Worten mit.

Wieder schwiegen wir eine Weile, bis auch Calyon seine Stimme erhob. "Roseli ist zwar wiedergekehrt, dafür vermisse ich Leliane. Seit Wochen nun habe ich sie nicht gesehen. Und auch keine Ahnung, wo sie sein könnte." Wenn sogar den Bären Sorgen plagten waren es wahrlich schlimme Zeiten. "Vermutlich mit der Prüfung beschäftigt, meinst du nicht?" Währrend Orithil sprach musste ich wieder n Thanris denken. Die wenigen Tage ohne ihn wren Qual gewesen. Wenn ich Pech hatte, wovon ich bei meinem Glück ausging, würde ich noch Jahre auf ihn warten. "Vermutlich ja. Aber wissen tue ich es nicht. Ich hasse das." Doch weder ich noch Orithil wussten darauf etwas zu erwidern. Wir drei wollten ohnehin nichts davon hören, was man tun könnte oder wollte. Es tat einfach nur gut es ausgesprochen zu haben.

Lange Zeit noch hatten wir schweigend gesessen, bis Calyon seinen Hunger stillen gegangen war. Auch Orithil war schließlich gegangen, die Säbler mussten gefüttert werden. Eine kurze Zeit noch hatte ich dort gesessen, im Gras, den Vögeln und dem Treiben der Stadt gelauscht, das trotz unseres kleinen Gefechts unberüh weitergegangen war. Wie gern hätte ich die Zeit mit Thanris verbracht, anstattdessen war ich diese Woche nahezu immer allein gewesen. So auch wie jetzt, als ich mich erhob und zu seinem Zimmer zurückging. Viele Male war ich diesen Weg nun gegangen. Oftmals ohne Gepäck, aber gerade zu Anfang mit viel davon. Kräuter hatte ich haufenweise den Aufgang hinauf getragen, zum Schluss sogar eine Destillationsapperatur. Ich hatte begonnen wieder Tränke herzustellen, teils aus Langeweile, teils weil in Tanaris einige davon aufgebraucht worden waren.

Orithil hatte mich mitten im Abfüllen eben jener Tränke unterbrochen. Aber mir war nicht danach jetzt weiterzumachen. Im Zimmer angekommen legte ich die Rüstung ab und zog mir eine leichte Hose und ebenso leichtes Hemd an. Ich nahm mir Seife und Handtuch, dann verließ ich das Zimmer wieder. Meine Füße führten mich den Aufgang herunter, dann folgten sie immer weiter den Steinen des Weges. Hinaus aus der Stadt, hinein in den Wald. Hin zu den kleinen Seen nahe Darnassus, an deren Rand einer der Mondbrunnen stand. Keine Ahnung, wie sie hießen, ich hatte sie selbst entdeckt, ohne Hilfe. Am Rand des Ufers legte ich die Kleidung ab, die Seife an den Rand. Mein Körper glitt ins Nass. Kälte stieg in mir auf, ließ mich frösteln. Dem Ganzen zu entrinnen beeilte ich mich, schrubbte mich nur unsauber mit der Seife ab und flüchtete regelrecht wieder aus dem Wasser heraus. Dennoch hatte es mir Freude bereitet, so dass laut auflachte. Ich rubbelte mich halb trocken, schlang mir das Handtuch dann um die Hüfte, nahm meine Kleidung und verzog mich wieder in die Stadt. Hatte mich jemand gesehen, halbnackt? Es interessierte mich nicht, sollten sie doch. Ich bin ohnehin der verrückte Blinde, war es schon immer und werde es bleiben. Und mit dieser Erkenntnis und einem Lächeln auf den Lippen kuschelte ich mich unter die Decke, nachdem ich ungeachtet aller Ordnung den Rest meines"Gepäcks" daneben fallen ließ. Ob Thanris sich daran gestört hätte? Ob er diesen Moment mit mir geteilt hätte? Ob er jene seltenen Momente von Zärtlichkeit hätte entstehen lassen? Ich vermisste ihn, seinen Geruch, seine Stimme, sein Geknurre. Hoffentlich. Hoffentlich kam er bald wieder.

12.07.2011

 

Die Sonne war kurz davor über den Horizont zu blicken, eine Zeit, in der Darnassus vollkommen ruhig da lag. Fast vollkommen ruhig zumindest heute. Mit einem Ächzen ließ er sich neben dem wartenden Bären nieder, rollte sich herum und murrte. Der große, dunkele Bär sah den in weißlichem Silber glänzenden Säbler an, gähnte und zeigte ihm die Zähne. Ja, er war spät dran. Der Bär wandelte sich, machte einem großen, muskulösen Mann mit nachtblauem Haar Platz. Die Wandlung verzog sich schnell, geübt und elegant. Die Wandlung des weißen Säblers hingegen glich eher einem Fliehen aus der Gestalt. Auch hier erschien ein Mann, kleiner, dünner, aber immer noch trainiert und muskulös. „Du bist spät, Orithil.“ – „Ja, ich weiß. Ich hatte noch etwas zu erledigen.“ – „War die Frau wieder so schön, dass du drei Mal mehr Zeit dort verbringen musstest?“ Warum Freunde immer wieder die eigenen Fehler vorhalten mussten, war dem Elfen schleierhaft. „Nein. Ich hab nachgedacht.“ Calyon nickte, ließ sich langsam und unter Ächzen nieder. „Erzähl, worüber?“ Im Gegensatz zu sonst, wenn er erzählen sollte, kam in ihm nun keine Hemmung auf. Eher im Gegenteil, sein Redefluss ergoss sich im Vergleich zu sonst einem Wasserfall ähnlich.

„Vor einiger Zeit hat Anarya bei einem Spaziergang etwas aufgenommen. Mich kümmerte es nicht, du weißt, sie macht so was öfter. Wir gingen zum Tempel und dort legte sie es einer Priesterin zu Füßen. Die Frau nahm es an, blickte es sich an und gab es mir wieder. Ich solle doch die Elfe finden, der das Pergament gehört und soll sicherstellen, dass es ihr gut ginge. Ich habe sie in Lor’Danel getroffen, aber als ich sie ansprechen wollte, ging sie fort. Eigentlich wollte ich Waren für das Teehaus besorgen und so brachte ich diese erst einmal zurück. Ich suchte sie, brauchte aber nur kurz, denn sie hatte sich auf eine Brücke gesetzt, mit dem roten Kater an ihrer Seite. Ich wusste, dass das Tier Gesellschaft nicht schätzte und überlegte eine Weile, ehe ich mich entschloss mal als Säbler zu versuchen mit ihr in Kontakt zu kommen. Ich ging also in Tierform dahin, bekam es sogar hin, dass sie mir ein Stück weit ins Landesinnere folgte. Ich wählte das so, weil ich dachte, das Pergament könnte etwas Wichtiges sein, war doch ihr eigenes Bild darauf, und ich wollte sie nicht vor Wachen oder anderen, zufälligen Personen bloß stellen. Sie reagierte überraschend gut auf den Säbler, ich erschlich mir ihr Vertrauen. Dann ließ ich ihr das Pergament zukommen, sie war sehr dankbar und gerührt. So sehr, dass sie zu Weinen anfing. Sie umarmte mich und dankte mir. Dann haderte ich. Sollte ich ihr zeigen, wer ich war, ehrlich sein oder es dabei belassen und einen zutraulichen, gutmütigen Kater in ihrer Erinnerung lassen? Ich habe mich dafür entschieden ihr zu zeigen, wer ich bin. Sie wurde sauer, taumelte und ich versuchte sie vorm Hinfallen zu bewahren. Sie war entsetzt und wütend, kein Mann dürfe sie so berühren, außer der ihre. Eine Weile noch redete sie so, ich entschuldigte mich und nachdem ich nicht mehr wusste, wie ich hätte reagieren sollen, bin ich gegangen.“

„Und du denkst, du hättest es anders tun müssen?“ Orithil schüttelte auf die Frage hin den Kopf. „Nein, der Gedanke ist überflüssig. Es ist jetzt so.“ – „Aber?“ – „Naja, ich bin schon wieder jemandem zu nahe getreten, ohne es gewollt zu haben. Das tut mir leid.“ Eine Weile schwieg Calyon, ließ den Wind sein Haar tragen, nickte und dachte. „Sag ihr das.“ – „Das habe ich, mehrmals, noch an jenem Abend.“ – „Hat sie es angenommen?“ – „Ich fürchte nicht.“ Wieder schwiegen sie eine Weile, ehe er dunkelhaarige Kaldorei erneut das Wort ergriff. „Was gedenkst du jetzt zu tun?“ Orithil hob die Schultern leicht an. „Ich weiß nicht. Vermutlich ihr aus dem Weg gehen. Mein Gesicht ist jetzt mit der Erinnerung daran verknüpft. Ich will ihr nicht mehr damit weh tun, als es sein muss.“ Mit einem Brummen quittierte Calyon die Aussage. „Also flüchtest du.“ Diesmal war es der Jüngere, der eine Weile schwieg, ehe er antwortete. „Ja, ich flüchte.“ – „Heute noch immer. Wann wirst du lernen, Orithil?“ Wieder hob er die Schultern leicht an. „Wenn es Zeit dazu ist. Solange sich alles in mir wehrt, kann es nicht richtig sein. Ich gehe meinen Weg und wenn dieser heißt wegzugehen, werde ich es tun.“

Eine Weile noch saßen die beiden Elfen am Ufer des Sees bei einander. Die Sonne war aufgegangen, die Stadt zur Ruhe gekommen. Sie redeten über vielerlei Dinge, das Teehaus, die Tochter, die Gefährtin, das Leben als solches. Sie liebten diese kleinen Konversationen, die sie sich jede Woche gönnten. Es war, als würde die Familie zusammen kommen, Vater und Sohn, obwohl beide nicht verwandt, bei einander sein.

12.07.2011

 

Die Nase des Bären kräuselte sich, als die ersten warmen Sonnenstrahlen durch die Wurzeln des Baumes schienen. Ein tiefes Brummen erquoll von dem Tier ausgehend, dann schluckte es und schlug die Augen nur einen minimalen Spalt breit auf. Tief sog der Bär mit dem langen, struppigen Fell, auf der Seite liegend, die Luft ein. Nicht nur frische Morgenluft war es, die er wahrnahm. Auch der vertraute Geruch der Frau, die bei ihm war, züngelte leicht und frisch durch die Luft. Kurz bevor sie eingeschlafen war, hatte sie ihren schmalen Körper zwischen seine Pranken geschoben, sich in sein Bauchfell gedrückt und war recht schnell eingedöst. Nahezu zärtlich verstärkte das Tier seinen Druck um ihren Körper bei jenen Gedanken. Sie schlief an seinem Bauch, ohne auch nur einmal zu zucken oder Angst zu verspüren. Sie musste wirklich der Liebe erlegen sein. Erneut grumpfte er leise.

Und diesmal wurde das Grumpfen auch leise erwidert. Zwischen den langen Zotteln seines Bauchfelles regte es sich und gluckste leise und fröhlich. Nach einem Gähnen streckte die Elfe ihm den Kopf entgegen, Liebe und Freude in den Augen. Der Bär erwiderte den Blick, senkte den massigen Kopf zu ihr herab und grub die Nase in das weiße, lange Haar der Elfe. Die kürzeren Haare kitzelten in der Nase, als Leliane erneut verspielt zu kichern begann und ließen ihn die Nase kräuseln. Die Finger schob sie fester in sein Bauchfell, bevor sie sachte kraulende Bewegungen hinein legte. Ein Umstand, dem sich kein Bär erwehren konnte, so auch nicht dieser. Und binnen Sekunden rollte er sich auf den Rücken, streckte alle Viere von sich und genoss die kleine Streicheleinheit am Morgen. Noch immer gluckste es verspielt an seiner Seite. „Ouh, der alte Bär ist wach!“ Bestätigend brummte er, entließ einen erneuten Gähner in die Welt. „Wach und müde.“ Leliane ließ von ihm ab, ehe sie auf den Bauch des massigen Tieres krabbelte und zu ihm herunter sah. Sie lächelte, dann beugte sie sich vor und legte einen liebevollen Kuss an den Hals des Tieres. „Müde und verkuschelt!“

Noch während sie jene Worte aussprach, schlang das Tier seine Pranken wieder um ihren Körper. Als sie jedoch ihre Haut berührten, waren es binnen Sekunden die Hände des Mannes geworden. Calyon stellte die Beine auf, übte sanften Druck auf ihre Schultern aus und veranlasste sie so, sich gänzlich auf ihn zu legen. „Bei so viel Zuwendung schwer, nicht verkuschelt zu sein.“, brummte er Leliane entgegen. Die Elfe war noch immer nackt und er genoss das Gefühl mit den Fingern ihre Haut zu berühren. „Weniger Zuwendung könnte ich dir nicht geben, mein Herz.“ hauchte sie ihm entgegen. Er lächelte, spannte sich an und hob den Kopf an, so dass er einen kleinen Kuss in ihrem silberweißen Haar ablegen konnte. „Dann gib mir mehr, auf dass ich lerne damit umzugehen.“ Sie hob den Kopf an, blickte ihm in die Augen. Leliane lächelte verschmitzt und schwieg. Anstatt zu reden ließ sie sich an seiner Seite herunter. Für ihn überraschend zielstrebig packte sie den Stoff seiner Robe, versuchte ihm jene über den Kopf zu ziehen. Er brauchte einen Moment, bis er sich fing und Hüfte, danach Rücken und Schultern hob, um ihr die Tat zu ermöglichen. Sie legte das Kleidungsstück neben sich ab, möglichst weit weg von seinem Körper, ehe sie sich von der Seite an ihn schmiegte, wohl darauf bedacht Oberkörper und Brust besonders eng an ihn zu bekommen. Was nicht sonderlich schwer war, hatte er die Arme zur Seite hin ausgestreckt liegen gelassen und bot ihr so freien Zugang zu ihm. Er schlang den Arm jener Seite um sie, als sie sich an ihn schmiegte, legte den Kopf wieder auf dem Boden ab und blickte zu ihr.

Der Reiz ihres Körpers zog durch den seinen, erfüllte ihn mit Begierde und Sehnsucht nach mehr. Sie lächelten einander an, er begann zärtlich über ihren Rücken zu streichen. Eine Hand legte sie auf seiner Brust ab, gefolgt von einigen kleinen Küssen. Neugierig begann sich ihre Hand über seinen Körper zu bewegen, erkundete ein neuerliches Mal seine Brust, den Bauch, bis sie schließlich zu seinem Becken gelangte. Bewegungen, die ihm gefielen, die ihn die Augen schließen und sich ihnen völlig hingeben ließen. Ihre Fingerspitzen schlichen sich unter das leichte Leder seines Kiltes, strichen dort über Hüftknochen hinweg und ließen Calyon ein leises, sehnsüchtiges Brummen entfleuchen. Sie führte ihre Küsse über seine Brust, weiter hinauf zu Schlüsselbein und Halsbeuge. In der gleichen Bewegung zog sie ihre Finger zurück, löste den Verschluss des Kiltes und schob achtsam die Hand wieder unter das Leder. Als er spürte, wie ihre Finger ihn berührten, sich langsam, zärtlich um seine Härte schlangen, konnte und wollte er nicht mehr an sich halten.

Er griff selbst nach dem Kilt, entledigte sich diesem gänzlich. Von der plötzlichen Überraschung aufgeschreckt hob Leliane den Kopf an, verstand und schenkte ihm ein seidiges Lächeln. Sie ließ gänzlich von ihm ab, als der Kilt außer Reichweite war, setzte sich auf und auf seine Hüfte, die Beine angewinkelt an ihm vorbei geführt. Sie beugte sich vor, legte ihren Körper ganz auf dem seinen ab. Er spürte ihre Haut, ihr Haar, nahm ihren Geruch auf und spürte ihr Herz Klopfen. Verlangen nach ihm hatte sich auch in ihr ausgebreitet. Anbietend begann sie die Hüfte zu bewegen, als er die Arme um sie schloss und sie an sich drückte. Ein Schnurren entwich ihr, als er ihren Rhythmus aufnahm, den Kopf erneut hob und nach ihren Lippen suchte. Sich abstützend legte sie die Hände neben seinem Hals ab, reckte sich vor und erwiderte den Kuss. Binnen Sekunden begann die beiden Zungen einander zu streichen, während seine Härte sich unentwegt zwischen ihren Beinen bewegte, verführerische Nässe entstehen lassend. Wieder ließ er die Finger über ihren Rücken herunter wandern, bis sie sich in die sanfte Haut ihres Pos graben und ihre Hüfte gegen die seine pressen konnten. Sie stöhnte leise in den Kuss hinein, als die Reibung zwischen ihrem Schritt und dem seinen sich so verstärkte. Spielerisch schnappte er nach ihrer Unterlippe, ließ sie gehen nur um im Anschluss daran lustvoll mit der seinen über ihre Zunge zu streichen. Langsam wandelte er ihren Rhythmus in den seinen um, der nicht nur ein wenig schneller, sondern auch rauer und intensiver war. Er rieb sich an ihr, genoss die warme Feuchte zwischen ihren Beinen. Er wollte mehr. Ungeachtet dessen, wo sie gerade waren und wer vielleicht noch hätte dabei sein können, immerhin war es helllichter Tag, wollte er mehr. Calyon wollte sie seinen Namen stöhnen hören, wollte ihren Körper zittern spüren vor Verlangen, wollte sich in sie graben, sie weiter treiben, weiter getrieben werden und nie wieder aus diesem See von Verlangen und Hochgefühl heraus kommen.

Lelianes Herz begann unentwegt schneller zu klopfen. Sie spürte ihn, seine Bewegung an ihr direkt, vor allem aber die Wirkung dessen. Ihre Zunge suchte weiter nach der seinen, war nicht bestrebt auch nur ansatzweise von ihm abzulassen, während ihr Unterleib langsam von einem wohligen Kribbeln erfüllt wurde. Er sollte endlich in sie stoßen, sie nehmen, sie vollends verführen, sie ganz zu der seinen machen. Sie hatte begonnen seinen Rhythmus aufzunehmen, sich anzupassen. Ein wenig Abstand hatte sie zwischen die beiden Körper gebracht, so dass ihre fest gewordene Brust einladend bei jedem seiner Stöße über seinen Körper strich. Wie nebenbei begann sich nun auch ihr Oberkörper mit wohligem Kribbeln zu füllen, als er seine Stöße immer weiter intensivierte.

Plötzlich stöhnten sie beide auf. Wie von selbst war er in sie gestoßen, ruckartig, rau, plötzlich und für beide überraschend. Er war tief in ihr, verharrte kurz und genoss einen Moment lang die einladende, feuchte Wärme. Ihr Geruch strich seinen Körper entlang, dessen Muskeln sich für jenen Moment vollkommen angespannt hatten. Seine Fingerspitzen gruben sich in ihre Haut, drückten gerade jetzt ihre Hüfte fest gegen sich. Sie selbst presste sich gegen seinen Körper. Als er wieder begann sie zu stoßen, sich in ihr zu reiben, setzte sie sich auf. Für ihn einer Göttin gleich präsentierte sie sich, Calyon ließ die Hände über ihre Brust wandern, begann jene zu massieren und mit den Daumen über ihre harten Knospen zu streichen. Eine Zuwendung, die sie ihm sofort zurückgab. Sie ritt förmlich auf ihm, die Hüfte beständig vor und zurück schiebend. Im gleichen Takt rieben sie sich aneinander, verstärkten beständig ihre Bewegungen. Sie gruben einander sehnsüchtig die Finger in die mittlerweile von Schweiß bedeckte Haut, angetrieben vom Geruch des jeweils anderen und der Nässe der beiden Unterleiber aneinander.

Bald schon war sie es, die nicht mehr an sich halten konnte. Das wohlige Kribbeln hatte Lelianes gesamten Körper erfüllt, sie konnte nichts mehr zurückhalten. Ein Zittern bemächtigte sich ihrer, ließ sie laut aufstöhnen und hunderte von Sternen explodieren. Alle Muskeln spannten sich an, verengten sich so auch um seine Härte. Ihr Zittern, ihre Feuchte und nun auch ihre Enge ließen Calyons Verstand gänzlich von der Klippe springen. Vehement, rau und ungezügelt stieß er einige Male in sie, nahm sie und wurde schließlich selbst hinfort gerissen. Als er sich in ihr verteilte stöhnte auch er, spannte sich an und drückte sich für einige Zeit unbeirrt gegen ihren Unterleib. Der Druck wurde erwidert, auch dann noch, als Leliane zitternd über ihm zusammensank. Die Finger hatte sie in seine Brust gekrallt, sie atmete schwer und reagierte auf jede seiner Bewegung mit dem Anflug eines neuen Höhepunktes. Als sein Geist sich langsam wieder in der Welt einfand, sich seine Arme wieder um ihren Körper geschlungen hatten, begann er sich achtsam und sanft erneut in ihr zu bewegen. Außer Atem seufzte sie seinen Namen. Das war es. Mehr hatte er nicht gewollt.

Calyon hatte nicht ansatzweise das Bestreben sich aus ihr zurück zu ziehen. Langsam beruhigte sie sich, als die Zeit vorüber strich und sie ruhig auf ihm lag, wieder zu Atem fand. Sie entspannten sich beide, tauschten liebevolle Küsse miteinander. Wie von allein war er in sie gestoßen, wie von allein nun zog er sich aus ihr zurück. Das letzte, sehnsüchtige Seufzen dieses Tages entwich ihr. Zärtlich strichen die Hände der beiden über den Körper des jeweils anderen, bis sich der Kuss löste. Er hauchte ihr leise ein „ich liebe dich“ entgegen, sie lächelte und legte den Kopf auf seiner Brust ab. Der Wind strich leicht über die beiden schweißbedeckten Körper, es war Mittag geworden und die Sonne hatte die Höhle den Schatten des Baumes übergeben.

27.06.2011

 

Leise seufzend ließ er sich auf dem blättrigen Lager seiner Höhle nieder. Eine Woche war jetzt vergangen, eine ruhige, dennoch misslaunige Woche. Eine einsame Woche. Seit Jahrhunderten war er allein gewesen, von der Gesellschaft Mutter Uhus einmal abgesehen. Seit Jahrhunderten hatte es ihm nichts ausgemacht auf irgendetwas zu warten. Aber bei den Göttern! Diesmal konnte er kaum warten. Stets, wenn er in der Stadt gewesen war, sich auf den Platz am Pavillon gesetzt hatte, hatte er nicht nur aufs Wasser sondern ganz besonders auch in Richtung Portal und Enklave gesehen. Nahezu sehnsüchtig wartend hatte er ausgeharrt. Doch nun, nach einer Woche, drohte ihm langsam der Geduldsfaden zu reißen. Wann endlich kam sie wieder?

Eine Woche also. Eine Woche lang darüber brüten, wie die allgemeinen Unterrichtsstunden aussehen sollten. Eine Woche lang über der Organisation des Sommerfestes brüten. Ein paar Tage wurde er unterbrochen von dem Meditationsunterricht, den die Füchsin Iden als Strafe bei ihm erhalten sollte. Letztlich war er aus Ungeduld gar beim Teehaus gewesen. Sogar ein kleines Treffen mit seinen Bekannten hatte er abgehalten, ihnen von den Neuigkeiten der letzten Wochen erzählt. Natürlich mit minderem Erfolg und weniger Interesse, aber immerhin hatte er so auch von ihnen einen Auftrag bekommen. Sie wollten im Hyjal helfen. Eine Aufgabe, die Meister Bärenfährte sicherlich mit Wohlwollen begrüßen würde. Und trotzdem musste er den Unterricht und das Sommerfest noch planen. Und den Einsatz im Hyjal eben auch. Über Arbeit konnte er sich wirklich nicht beschweren.

Doch was nützte einem alle Arbeit, wenn man sich eh nicht darauf konzentrieren konnte? Sicher, Leliane hatte ihm gesagt, dass sie wiederkehren würden. Aber er wusste weder wann noch in welchem Zustand sie zurückkehren würde. Außerdem wusste er nicht, wie es ihr ging. Und damit war nicht nur der allgemeine Zustand gemeint, sondern vielmehr noch solches wie der Zustand ihrer Lagerstätte oder die Häufigkeit und Art ihrer Nahrung. Ja, man konnte ihn durchaus als überfürsorglich betiteln. Aber sie war auch gerade erst erwachsen. Und außerdem noch in Ausbildung. Man sorgte sich eben, auch, wenn er wusste, dass es wohl eigentlich umsonst war. Aber so war es und es war noch immer neu für ihn.

Jahrhunderte, gar Jahrtausende lang war er also allein gewesen. Bis vor kurzem. Nun aber wünschte er sich die junge Elfe an seine Seite, ihr Schmunzeln, die eleganten Bewegungen, die kurzen, flüchtigen, vor Zuneigung strotzenden Gesten. Stets, wenn er sie sah, hatte er Mühe damit sich auf anderes oder andere Personen zu konzentrieren. In ihm wollte sich alles nur an ihr satt sehen, nur sie sehen, die Art sehen wie sie stand, ging, saß, sich bewegte. Warum ihn das dermaßen anzog, war ihm noch immer nicht recht bewusst. Klar war aber, nur sehen reichte ihm schon lang nicht mehr. Stück um Stück hatte sich Leliane hartnäckig in seine Gefühlswelt geschlichen, hatte mit ihrer Sanftheit und Intelligenz gewusst sein Herz für sich zu erweichen. Und sich seinen Respekt mehr als verdient.

Und nun lag er allein in seiner Höhle, stierte den Ausgang an, in der Hoffnung die Zeit würde schneller vergehen. Doch das tat sie nicht, Minute um Minute fraß sich so die Ungeduld tiefer in ihn hinein. Es war bestimmt nichts geschehen. Ihr Shan’do kannte sie und wusste, was er ihr zutrauen konnte und was nicht. Eines Tages, da war er sich sicher, würde er Leliane genauso und noch besser kennen. Eines Tages. Er musste nur warten.

 

26.05.2011

 

Still und schweigend, wäre das langsam stetige Atmen nicht gewesen, hätte man mich für eine naturgetreue Statue halten können. Sacht spielte das Mondlicht in meinem Haar, der Wind ließ es wehen. Vögel zwitscherten, Säbler schlichen umher, auf der Suche nach Fressbarem oder Feinden. Alles so, wie es sein sollte um mich herum. Ruhe, am Rande der Stadt. Ich saß am Rande des noch von Mond – und Naturenergie leuchtenden Sees an der heulenden Eiche. Und war eigentlich bemüht zu meditieren.

Irgendwie war ich in den letzten Tagen aus den Fugen geraten. Noch immer irritierte mich allein der Gedanke daran. Oft hatte ich jetzt darüber nachgesonnen, warum ich derzeit so rastlos war, war aber bisher nicht zu einem wirklichen Grund gekommen. Ich hoffte nur inständig, dass man mir diese Rastlosigkeit und Ratlosigkeit nicht ansah. Gut, es stimmte nicht ganz, dass ich keinen wirklichen Grund gefunden hatte. Ein Schlüssel dazu lag bei der jungen Schwester, die mich dieser Tage begleitete. Sie war hochgradig irritierend für mich, was sie natürlich nicht wissen konnte. Normalerweise mied ich solche Personen bisher. Aber diese junge Kaldorei... sie war anders. Vielleicht nicht für andere, aber für mich. Sie irritierte mich, spielte mit jugendlicher Leichtigkeit mein wortgewandtes Spiel mit. Sie gab Dinge über sich preis, aber nicht in der Art, wie ich es eigentlich beabsichtigte. Sie kontrollierte, ob wissentlich oder nicht, jedes unserer Gespräche. Ungewohnt. Wahrlich. Eigentlich ein Unding, hätte man mich vor einem Monat gefragt, dass jemand mir so auszuweichen wusste. Und ich dieser Person nicht einmal sauer wurde. Wobei ich nicht mal wüsste weshalb ich ihr hätte sauer sein können: Sie beantwortete jede meiner Fragen. Aber eben nie so, wie ich es erwartete, wie ich es wollte. Ohne, dass ich es wirklich mitbekommen hatte, hatte sie die Führung übernommen. Ob es so weit reichte, dass ich ihr eines Tages folgen würde? Noch war es anders herum, noch ging ich voran. Noch. Wer weiß schon, was die nächste Nacht mit sich bringt.

Eigentlich wollte ich in den Wald um Ruhe zu finden. Mich abseilen und mich festigen, die Irritation aus mir vertreiben. Anstatt dessen war ich nur noch irritierter zurückgekehrt. Sie hatte neben mir in der Höhle geschlafen und ab und an sah ich ihr dabei zu. Selten war mein Schlaf so unruhig wie in diesen wenigen Tagen gewesen, die Zeit verbrachte ich damit ihr zuzusehen oder auf die Jagd zu gehen. Wirklich erfolgreich war diese aber ebenfalls nicht gewesen, meist war ich zu langsam gewesen. Zu sehr in Gedanken. So dass ich meistens auf Aas zurückgriff, das ich den dortigen jungen Säblern abspenstig machte. Danach war ich oft in Lor’Danel, obwohl ich den Ort eigentlich mied. Ich besorgte ihr etwas zu Essen, Brot, Früchte, was auch immer. Und brachte es dann zur Höhle zurück. Stets war sie bereits wach gewesen und begann schließlich zu Essen. Ein Umstand, der mir erlaubte, sie sich etwas genauer anzusehen, als ich in der Stadt dazu Gelegenheit hatte. Das Licht brach sich auf ihrem Haar, ließ die silberweißen Strähnen sacht schimmern. Es faszinierte mich. Sehr sogar. Ich kann gar nicht sagen warum, zumal weißes oder silbernes Haar in meiner Umgebung wirklich oft vorkommt. Aber ihres ist… anders. Genauso wie sie. Irgendwie finde ich kein anderes Wort für sie und die Dinge, die sie tut. Oder die Dinge, die sie ist. Einfach anders als alle anderen. Jedenfalls hatten wir ein wenig Zeit verbracht. Wirklich nur wenig, ich versuchte wirklich viel Zeit allein zu verbringen. Doch was ich auch tat, eigentlich war ich sämtliche Zeit neugierig, was sie wohl gerade tat. In der Höhle oder am Wasser.

Nun waren wir wieder zurück in der Stadt. Ich hatte ihr gesagt, man hätte nach mir gefragt. Was gelogen war. Eigentlich hielt ich es nur für unsinnig im Wald zu bleiben und krampfhaft Ruhe zu suchen, wenn ich sie doch nicht fand. Aber es gab eben auch Dinge, die sie nicht wissen musste und so behielt ich es für mich. Die Ruhe aber kehrte nicht allzu bald ein. Wie gewöhnlich wartete ich am Pavillon, auf was auch immer. Wieder gesellte sie sich zu mir, wir verfielen in ein Gespräch. Doch lange blieben wir nicht ungestört, ein junger Kaldorei gesellte sich dazu. Er wirkte gehetzt und doch vorsichtig. Offenbar hatte er einige unschöne Erlebnisse in der letzten Zeit gemacht. Ich hatte ihn zwar schon öfter gesehen, auch mit ihm geredet, aber ich muss sagen, dass er nie groß mein Interesse geweckt hatte. Während ich ihm eine meiner Standpauken hielt und auf den Weg zurückbrachte, war die junge Schwester aufgestanden und ein Stück abseits gegangen. Ich dachte sie würde gehen, ohne ein Wort, und sah ihr nach. Der Satz, den der junge Elf mir entgegenbrachte, klingelt mir jetzt noch im Ohr. „Ich sehe Liebe in Euren Augen.“ Nein. Er musste sich irren. Liebe war es nicht, ganz gewiss. Wobei ich mir zugestehen muss, dass diese Form von Gefühl keine ist, die ich kenne. Was ich aber sagen kann ist, dass das Gefühl, was diese junge Schwester in mir verursacht, mir bereits bekannt ist. Es ist Faszination. Trotzt aller Irritation, aller Gedanken und Fragen, die sie in mir aufwirft, fasziniert sie mich. Sie war wieder zurückgekommen, hatte sich neben mich gestellt, wie sie es so oft tat. Viel war nicht mehr geschehen, bis der junge Elf ging und ich wieder mit ihr allein war. Doch da war mir bereits aufgefallen, was sich neu in meinen Verstand geschoben hatte: Ich war beruhigt. Sie war wiedergekommen, was mir mehr als jedes ihrer Worte bestätigte, dass sie meine Anwesenheit schätzte. Nicht auf die Art, wie es die Schüler oder andere Zirkelangehörige tun. Für jene war ich ein Druide mit viel Erfahrung, von dem man lernen konnte oder der einem Rat gab. Ich denke, sie schätzt etwas anderes an mir. Sie fragt nicht nach Rat oder Lehren. Sie fragt nach mir. Ein beruhigender Gedanke, der mir durchaus Sicherheit schenkt. Doch in dem Moment, in dem ich ihn das erste Mal fasste und sie so neben mir stand, war es neu für mich. Ungewohnt ist es noch immer. Ich verabschiedete mich und ging an jenen Ort, an dem ich jetzt sitze.

Hinter mir ertönt leises Flügelschlagen. Das wohl bekannte Krächzen meiner gefiederten Mutter ertönt, lässt mich in Ruhe weiter verharren. Heute sucht sie nicht das gedankliche Gespräch zu mir, wie sonst. Vielleicht denkt auch sie, ich würde meditieren. Eine Woge des Wohlfühlens kriecht in mir herauf, als ich ihr weiches Gefieder auf meiner Haut spüre. Das große Eulentier setzt sich langsam auf meinen Schoß und kuschelt sich an mich. Die beiden mögen sich, Mutter Uhu und… Leliane. Das ist ihr Name. Der Name, der mich irritiert, der Ursache für die Rastlosigkeit meiner Gedanken ist. Der Name, der mich an jenes Gefühl von Sicherheit erinnert, das ich noch nicht einzuschätzen weiß. Aber wer wäre ich, mich gegen das Lernen neuer Dinge zu wehren.

13.12.2010


Nachdenklich schaute er dem Elfen nach. Faleths grünes Haar wehte leicht im Morgenwind. Sorgen machte er sich also. Sorgen um einen alten Kauz wie ihn. Das war nicht unbedingt gut. Seufzend blickte er der agilen, jungen Sturmkrähe nach, die sich in den Himmel erhob. Ein großartiger Druide war Faleth geworden. Auch, wenn er selbst wirklich nur den kleinsten Teil dazu beigetragen hatte, war er doch mit Stolz darüber erfüllt. Immerhin, wenigstens ein kleiner Teil, den er dem jungen Elfen damals mitgeben konnte, schwang auch heute noch in Faleths Auftreten wider. Murrend kuschelte er sich in seinem Blätterbett zusammen. Kühl war es, aber noch wurden die Tage etwas wärmer, als die Nächte es waren. Sein Blick schweifte in seiner Baumhöhle umher. Eingehend musterte er die Schnitzereien, die neu angebracht waren. Lange fing das Windspiel seine Aufmerksamkeit. Jedes Mal, wenn ein kleiner Windstoß aufkam, gab es leise, wohlklingende Töne von sich. So war das jetzt also. Calyon Bärenflanke hatte also ein Heim. Und dazu noch ein halbwegs eingerichtetes. Zwar war noch immer kein Platz für Larelions Räucherschale, aber wer weiß, auf was für Ideen Faleth mit diesem Baum noch kommen würde. Platz gab es noch jede Menge und so, wie er den jungen Druiden kannte, würde der es sich nicht nehmen lassen diesen auch noch auszufüllen.

Calyon gähnte und zeigte seine überlangen Fangzähne. Vier Tage waren es gewesen, die er nun in Hyjal verbracht hatte. Vier gute Tage, mit viel Neuem und viel Aufregung. Er hoffte inständig, dass Larelion etwas lernen konnte und ein wenig Sicherheit gewonnen hatte. Immerhin war er, bis auf die kleine Brandblase und die Prellung, nicht verletzt worden. Im Gegensatz zu Calyon selbst, der nach wie vor sehnsüchtig in Gedanken um Nordrassil streifte. Er erinnerte sich nur langsam wieder an alles. Die Wurzeln des Baumes, die Äste, das sachte Blattwerk. Als er so zwischen Traum und Wirklichkeit dahindämmerte, vermischten sich Erinnerungen zu sanften Traumbildern. Mutter Uhu kreiste um Nordrassil, während er Winarwin in den Ästen des Baumes hinterher sprang. Wie immer war der junge Elf in seiner Säblerform dem alten, breiten Säbler dahinter im Vorteil. Als Calyon zum nächsten Sprung hinter seinem geliebten Schüler nachsetzte, verfehlte er den Ast und fiel herunter. Vor sich sah er Faleth in Krähengestalt, flatternd und versuchend sich aus seinen Fängen zu winden, die sich hilfesuchend in die seinen gefangen hatten. Doch weder Calyon, noch Faleth gelang die Befreiung und so fielen beide auf eine der riesigen Wurzeln des Baumes. Der Aufprall war hart und als er aufblickte, sah Calyon sein neustes Ziehkind vor sich stehen. Fröhlich lachend bot ihm Larelion die Hand an, versuchte den erheblich viel größeren Elfen aufzurichten. Irritiert blickte Calyon sich um, während er in Honig getunktes Brot angereicht bekam. Gerade, als er danach greifen wollte, flog ein Vogel über ihn hinweg. Calyon verharrte und folgte dem Tier mit dem Blick. Es war Faleth, der sich aufmachte neue Wege zu beschreiten.

Er musste Niesen. Oh weh, dachte er sich, du wirst dich doch nicht erkältet haben… Nicht jetzt vor dem Winterschlaf! Blinzelnd schlug er die Augen auf. Glücklicherweise fiel die Sonne gerade so in sein Versteck, dass sie an ihm vorbei eine der Schnitzereien anstrahlte. Calyon musterte seine Umgebung und entdeckte ein quer liegendes Blatt in seinem Bett. Das jedenfalls musste der Ursprung seines Niesers gewesen sein. Murrend strich er darüber und schob es in den Haufen Blattwerk hinein. Faleth machte sich also auf neue Wege zu beschreiten. Ein Gedanke, der Calyon tief beunruhigte. Gerade jetzt, wo er sich wieder daran gewöhnt hatte, den Elfen um sich herum zu haben. Aber gut, es war nur ein Traum, vielleicht geschah letztlich auch alles anders. Nur wenn nicht… Er schüttelte vehement den Kopf. Ein paar ausgedörrte Blätter fielen langsam aus seinem Haar herunter und gesellten sich zu dem Blattwerk, das ihm als Bett diente. Solche Gedanken waren unsinnig. Und selbst wenn Faleth irgendwohin gehen sollte, würde er ihn wieder treffen. Genauso wie er ihn hier wieder getroffen hatte, nach Jahrhunderten ohne Kontakt. Oftmals hatte er in dieser Zeit an ihn gedacht. Oftmals hatte er sich gesorgt. Oftmals hatte sein Herz Schmerzen deswegen gelitten. Doch es war fast alles in Ordnung gewesen. Faleth war seinen Weg gegangen und hatte letztlich auch sich entschuldigt, sich nicht gemeldet zu haben. Da überlebte mal einer seiner Schüler und dann meldete jener sich nicht. Naja, vielleicht das Los von anhänglichen alten Bären. Vielleicht sollten alte Bären auch gar nicht mehr so anhänglich sein. Der Jugend stand die Welt offen, er diente nur noch als Wissender, der seine Lehren weitergeben musste. Und das würde er tun. Gleich heute Abend würde Larelion sich wieder anhören dürfen, wie wichtig das Gleichgewicht war. Und wie sehr es Vorraussetzung dafür ist, dass man hinbekommt, was man sich vornimmt, sei es ein Zauber oder das Wiederaufwachen nach dem Winterschlaf.

16.11.2010

 

Warm war es. Wundervoll warm. Der Bär öffnete nur einen Spalt breit seine Augen, nahm den Umriss von Mutter Uhu wahr und seufzte leise. Er streckte sich, gähnte und wandelte sich. Calyon rieb sich den Bauch, blieb liegen und genoss die letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres. Leise gurrte der Uhu, ließ pures Wohlgefühl in dem Elfen aufkommen. Azshara war zu viel gewesen. Einfach zu viel. Er war zu lange weg, konnte nicht schlafen. Mutter Uhu war zu alt gewesen für solche Unternehmungen. Der fehlende Schlaf bot seinem "Zwilling"viel zu viele Möglichkeiten. Viel zu oft hatte er gesprochen, viel zu oft gelacht, viel zu oft seine Gedanken beeinflusst. Calyon war mehr damit beschäftigt gewesen sich zurückzuhalten und ruhig zu bleiben, als dass er bei dem "Ausflug" hätte hilfreich sein können. Umso besser, dass die Begleitung so zahlreich gewesen war. Selbst Faleth war seiner Bitte gefolgt. Warm schien ihm die Sonne auf den Bauch. In der Ferne hörte er das nächste Schiff anlegen, als sich langsam der Schlaf in seine Sinne zog.

Donnernd trampelte der Talbulk an ihm vorbei. Refelxartig setzte sich Calyon auf, war sofort wach. Hinter ihm saß Mutter Uhu in Gebälk, war genauso hochgeschrocken wie Calyon. Die Hufe des Tieres klackerten auf dem Holzboden, während der Elf sich suchend umsah. Noch immer war er allein, langsam zog sich der rote Sonnenuntergang weiter über den Himmel. Stutzig verharrte Calyon auf seinem Bett. Irgendjemand war so gütig gewesen im Laufe des Tages eine Decke über den alten Druiden zu legen, welche nun sofort beiseite geschoben wurde. Er war ein Bär. Bären haben Fell und brauchen keine Decke. Doch vielleicht war er heute kein Bär. Faleths Zauber war mehr als wirksam gewesen. Kein einziger Laut, kein Gedanke, kein Gefühl hatte Calyon heute belästigt. Faleths Fessel saß und wirkte. Vielleicht nicht für immer, aber gewisslich für heute. Und mit dem ausbleibenden Geflüster blieb auch sein Trieb aus. Er dachte nicht daran zu jagen, hatte nicht das Bedürfnis Blut schmecken zu müssen. Vielleicht würde er sich nach all den Jahrhunderten mit rohem Fleisch mal Obst gönnen. Und einen Tee. So ließ er sich wieder auf das Bett fallen und zubbelte die Decke wieder über sich. Nur Sekunden brauchte es, bis der Nachtelf, einem Kleinkind gleich, sich in die Decke gehüllt hatte und das Gesicht ins Kissen drückte. Oh, und wie gut fühlte es sich an!

So verging Stunde um Stunde. Oft schlief Calyon einfach wieder ein und gab sich ruhevollen Träumen hin. Dann war er wieder wach, beobachtete ruhig wer vorbeilief und lauschte den Klängen des Meeres. Das Gasthaus zu Auberdine war diesen einen Tag lang die Heimatstadt eines neues Gefühls des Calyon Bärenflanke geworden.

14.11.2010

 

Aufmerksam streifte das große Tier durchs Unterholz, schlang sich zwischen den Beinen von Riesen hindurch und ging den scharfen Schnäbeln der Hippogryphen aus dem Weg. Nahezu donnernd wiederholten sich die Worte des alten Druiden in seinem Kopf. "Sich den Tod nicht wünschen, der ist ohnehin gewiss." Ja, natürlich wünschte man sich den Freitod nicht, aber was nützte es ihm? Der Tod war das einzige, was ihm wirklich helfen konnte. Zumindest wusste er sehr gut, was mit verdorbenen Wesen geschah. Und die wenigsten überlebten. Genausowenig, wie die Schimäre überleben würde, die gerade vor ihm aufgetaucht war. Nur kurz, dann sprang er vor, setzte an. Der erste Biss musste es töten. Und wie gewohnt, tat er das auch.

Leise fing es in seinem Kopf an zu lachen. Er schüttelte den mächtigen Bärenschädel, versuchte so das Ding herauszubekommen. Doch wie jedes Mal, war die Mühe vergeblich. So richtete er aufgebend den Blick auf das Lager unter sich. Alle schliefen in Ruhe, bis auf der Säbler. Und ihm selbst natürlich. Faleth, noch immer mit grimmigem Ausdruck im Gesicht, schlief unruhig, warf sich oft umher. "Na, wieder eine Sorge mehr. Wäre der alte Bär doch im Wald geblieben und an einem Giftpilz verreckt!" Er schnaufte. Ja, sollte es sich lustig machen. Auch wenn er hier nicht glücklich war, das hatte Larelions Fragerei ihm immerhin offenbart, so wäre er im Wald noch um einiges unglücklicher gewesen. Und er wäre jetzt nicht hier, um Faleth zu helfen... wenn der das denn wollte. Der Blick des Bären wanderte weiter, blieb auf Asarhia hängen. Eine gute Arbeit hatte sie gemacht, sich ihren Schlaf redlich verdient. Der Säbler tat ihm leid, das Tier musste wohl schon eine halbe Ewigkeit gelaufen sein um sie hier aufzuspüren. Und nun durfte es noch wachen. Dabei hätte er als Bär ohnehin ausgereicht. Die Probleme mit ihrem Bein schienen sich langsam zu erübrigen, was ihn sehr beruhigte. "Auch die wird irgendwann von irgendwas aufgegabelt." Calyon rollte mit den Augen. Nicht einen ruhigen Gedankengang ließ es ihm heute. Er war schon grundgenervt, dabei war die Hälfte des Tages noch nicht rum. Er schluckte und nahm sich zusammen, immerhin gelang es ihm so das übellaunige Lachen für ein paar Momente etwas zu bannen. Sein Blick wanderte weiter, streifte den ruhig liegenden Larelion. Marendal hatte recht. Er war noch nicht so weit und würde noch einiges an Vorbereitung brauchen. Der junge Kaldorei schlief recht ruhig, nahezu neidvoll musterte der Bär den Elfen. Wie sehr wünschte er sich wieder ruhig zu schlafen. Wie sehr wünschte er sich endlich wieder Ruhe zu haben. Nicht zu träumen, nicht geweckt zu werden, einfach nur Ruhe. Ein Ohr des Bären zuckte und er wandte den Kopf in Richtung des Stampfens. Die Riesen hier waren wirklich unruhig. Aszhara schien etwas mehr betroffen zu sein, als die elfischen Gegenden, in denen er sonst weilte. Meister Bärenfährte würden solche Nachrichten nicht gefallen. Shan Hirschaupt noch weniger. Aber was sollte er tun, verschweigen ging nicht. "Und wenn sie dir dumm kommen, kannst du ihnen immernoch deine Fänge in den Nacken rammen." Ein innerliches Grinsen erfüllte ihn. Ja, er war in der Lage zu töten. Das hatte seine Stimme richtig erkannt. Und obwohl sie im gleichen Körper schwebten, fehlte eben jenem Teil die Fähigkeit ihn gänzlich einzunehmen. Und damit auch die Fähigkeit, seine Seele in ihren Grundfesten zu erschüttern. Er würde stark sein. Er würde diesen Teil seiner Selbst mit in den Tod nehmen. "Sich den Tod nicht wünschen, der ist ohnehin gewiss." Doch, er wünschte ihn sich, mehr als alles andere. Wieder schweifte der Blick über die Lagernden, blieb hängen an den selben Gesichtern. Vielleicht... vielleicht auch nicht. Vielleicht gab es eine andere Lösung und er war lediglich zu eingefahren sie zu sehen. Das Lachen wurde lauter, so dass er die Augen zukneifen musste. Kopfschmerz drang in ihn ein, als er versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Das letzte, was er als eigenen Gedanken noch zustande brachte leuchtete in nahezu neonfarbenen Buchstaben vor ihm auf. "Und wenn es mich meine Seele kostet, niemals gebe ich nach." Doch bevor der Bär sich wehren konnte, umfing ihn dunkles Laub gepaart mit dunklen Ranken und Fliegen.

 

08.11.2011

 

Innerlich fluchte er ja laut, bemühte sich aber nach außen absolut nichts zu zeigen. Dieses sture Weib war doch wirklich diesen Ast hinaufgeklettert. Einbeinig oder nicht, sie hätte den Tee verschütten können. Schlimmstenfalls selber runterstürzen können. Wobei… der Tee… wäre es um den schade gewesen? Eigentlich nicht, war es der doch nur Wasser mit etwas Geschmack. Jedenfalls konnte er sich ein freundlich verpacktes Kommentar nicht verkneifen. Asarhia war ohne Hilfe ihres Säblers also hochgeklettert, beeindruckenderweise sogar aufrecht. Ein fahler Nachgeschmack blieb dennoch. Geringer wurde der auch dann nicht, als sie ihm die Teeschale reichte. Hingekniet hatte sie sich, ihm die Schale eher einer Opfergabe gleich gereicht. Sicher, angenommen hatte er sie, wenn auch mit fadem Beigeschmack. Reinreden ließ sich die Dame nicht, zeigte ihre Sturheit in vollem Maße. Aber was erdreistete er sich schließlich auch einer erfahrenen Kämpferin hineinzureden... Außer, dass er sich sorgte. Er hatte sich zu ihr gesetzt, als er anfing den Tee zu trinken und zu seinem Glück ließ auch sie sich bald nieder. Die kniende Position schien sie nicht mehr gewohnt zu sein, in vermutlich gleichem Maße wie er es nicht mochte, wenn sich jemand so verhielt. Der Duft des frisch gebrühten Tees stieg ihm in die Nase. Gefühlte Ewigkeiten war es her, dass er so etwas zu sich nahm. Fein breitete sich der Geschmack auf seinem Gaumen aus, entlockte ihm ob der lang vergangenen Erinnerung zuckende Ohren. Sie unterhielten sich über ihre Sturheit, die er so gänzlichst nicht verstehen konnte. Oder wollte. Während es ihm immer mehr danach gelüstete wieder frisches Quellwasser und ein eben erledgtes Reh zu sich zu nehmen. Er würde sich damit nicht anfreunden können. Weder mit ihrer Sturheit, noch mit Tee. Oder was auch immer ihm Larelion noch würde in den nächsten Tagen andrehen wollen. Zu gutmütig war er, ließ jene um sich herum gewähren. Auch Asarhia würde er letztlich ihre Sturheit zugestehen, ob er sie gut fand oder nicht. Wer war er schon...

19.10.2011

 

Sonne brennt auf den dunklen Pelz des kräftigen Tieres. Ruhig bewegt sich dessen Körper, atmet tief und langsam, die Augen geschlossen. Ab und an zuckt er mit den Ohren, wenn sich ein Insekt daran macht sich darin verkriechen zu wollen. Erst, wenn die Sonne tiefer sinkt, sich unter das Laubdach seines Verstecks schiebt und ihn auf der Nase kitzelt, blinzelt der Bär und schnaubt mürrisch. Wie, als wollte er die Sonne vertreiben, scheucht er sie mit den Tatzen weg, ohne Erfolg. Die große Pranke wandert auf die Nase des Bären, verdeckt die Augen, während das Tier sich herumrollt und erneut versucht zu schlafen. Doch es hat schon so lange den Träumen nachgehangen. Träumen des Dunkels, Träumen des Waldes, Träumen aus Erinnerungen und Träumen aus der Gegenwart. Manchmal, ganz selten, träumt er auch von der Zukunft oder seinen Ausflügen in den Smaragdgrünen Traum. Doch jetzt, jetzt und hier, ist es die Sonne, die seine Rühe stört, nicht die Träume. Schnaufend und Murrend erhebt sich der Bär, reckt sich, streckt sich und zeigt gähnend seine übergroßen Fangzähne. Niemand würde daran zweifeln, dass dieses durchaus mächtige Tier wirklich ein Bär ist. Niemand, der diesen Bären vielleicht kennt.

Der Bär trottet verschlafenen Blickes aus seinem Versteck. Etwas abwesend beobachtet er zunächst, schaut und sieht, was der Tag der restlichen Welt um ihn herum wohl gebracht hat. Aber bald wird er dem überdrüssig und setzt sich zielgerichtet in Bewegung. Seine Pfade führen ihn in ein Dorf, mitsamt Hafen. Auberdine nennt man es und es ist Ausgangspunkt für viele Reisende und Händler. Weil Bären nicht gerne in solchen Dörfern gesehen werden, verändert der Bär seine Form. Lange Ohren bekommt er und blaue Haut, die Haare werden lang und grün und es wächst ihm sogar ein Bart! Auch, wenn er jetzt ein Kaldorei ist, wie man Kaldorei so kennt, nur eben ein bisschen größer und muskulöser, auch jetzt schaut er nicht minder mürrischer drein als der Bär es tat. Und genauso mürrisch schaut er auch noch aus, als er auf den Steg geht und auf das Schiff zu dem großen Baum wartet. Und er muss lange warten. Und irgendwie merkt man, dass er Warten so gar nicht mag. Unruhiger wird er, sein Magen fängt an zu knurren und immer mürrischer schaut er drein. Doch irgendwann kommt auch das Schiff und er geht hinauf.

Bald darauf verlässt er das Schiff auch wieder, denn er ist angekommen. In den Wurzeln des großen Baumes hat sich ein kleiner Hafen versteckt, an dem das Schiff fest gemacht hat. Und wenn man den Hafen ein Stück hinauf geht, so wie es dieser Kaldorei macht, dann kommt man an ein Portal. Und wenn man dann auch noch durch das Portal geht, was auch unser Kaldorei macht, dann ist man in Darnassus. Und hier, hier geht der Kaldorei erst einmal in den Tempel. Und das dauert lange. Also nicht das Hingehen, das geht schnell. Aber bis er wieder herauskommt, das dauert so seine Weile. Man kann auch reinschauen und nachsehen, was der Kaldorei da macht. Und man sieht es und oh, er betet! Er kniet da, vor einem wundervollen Brunnen mit seltsam leuchtendem Wasser und murmelt grummlig viele Sätze in seinen Bart. Irgendwann erhebt er sich, verbeugt sich vor der übergroßen Staute im Zentrum des Brunnens, und geht hinaus. Etwas nachdenklich steht er dann draußen. Vermutlich weiß er nicht, was er jetzt tun soll. Aber dann, dann hört man seinen Magen ganz laut knurren! Wie der hungrige Magen eines Bären! Und so bringt der Kaldorei seinen Magen zu einer Händlerin, die ihm etwas Fleisch verkäuft. Im Gegensatz zu seinem Tempelbesuch ist das Fleisch ganz schnell gegessen.

Weiter geht der Kaldorei, immer weiter, bis er in der Stadt bei ganz vielen großen Bäumen ankommt. Dort warten schon ein paar andere Kaldorei, mit denen er redet, ab und an geht er mit einigen fort und kommt wieder. Das macht er, bis die Sonne gänzlichst verschwunden ist und der Mond aufgegangen ist und schon wieder dabei ist der Sonne die Hand zu schütteln. Erst dann wird der Kaldorei müde, träge und wieder mürrischer. Er verabscheidet sich, geht noch einmal bei der netten Händlerin mit dem Fleisch vorbei und lässt sich erneut ein Stück geben, das wieder ganz schnell weg ist. Und dann, dann geht er zu dem komischen, lilanen Portal. Und da geht er durch und wenn er da durch ist, dann ist er wieder an dem kleinen Hafen, der sich in den Wurzeln des großen Baumes versteckt. Dort geht er zu dem Steg und wartet wieder. Warten mag er wirklich nicht. Immer mürrischer wird er, bis das Schiff anlegt und er hinaufgehen kann. Und immer mürrischer wird er auch, als das Schiff fährt und ihn schließlich in Auberdine absetzt. Er geht den langen Steg entlang, durch einige Häuser hindurch zum Rand des Dorfes. Weiter führt ihn sein Weg, direkt in den Wald hinein.

Nach einem langen Tag Abwesenheit trottet ein großer, dunkler, mürrischer Bär wieder zu seinem versteckt. Er sieht sich um, schaut und prüft, vielleicht ist ja jemand in der Nähe. Nein? Gut, dann kann man sich verstecken und hinlegen und noch eine Weile den Mond ansehen. Und genau das macht der Bär auch. Nur wirklich lange schaut er den Mond nicht an. Wie schon die vielen tausend Jahre zuvor, fallen ihm die Augen zu und als die Sonne sich langsam über den Horizont schiebt, liegt die dicke, große Bärenpranke auf der Nase des eingerollten Bären und deckt seine Augen zu. Ruhig bewegt sich dessen Körper, atmet tief und langsam, die Augen geschlossen. Ab und an zuckt er mit den Ohren, wenn sich ein Insekt daran macht sich darin verkriechen zu wollen.

26.05.2011

 

Still und schweigend, wäre das langsam stetige Atmen nicht gewesen, hätte man mich für eine naturgetreue Statue halten können. Sacht spielte das Mondlicht in meinem Haar, der Wind ließ es wehen. Vögel zwitscherten, Säbler schlichen umher, auf der Suche nach Fressbarem oder Feinden. Alles so, wie es sein sollte um mich herum. Ruhe, am Rande der Stadt. Ich saß am Rande des noch von Mond – und Naturenergie leuchtenden Sees an der heulenden Eiche. Und war eigentlich bemüht zu meditieren.

Irgendwie war ich in den letzten Tagen aus den Fugen geraten. Noch immer irritierte mich allein der Gedanke daran. Oft hatte ich jetzt darüber nachgesonnen, warum ich derzeit so rastlos war, war aber bisher nicht zu einem wirklichen Grund gekommen. Ich hoffte nur inständig, dass man mir diese Rastlosigkeit und Ratlosigkeit nicht ansah. Gut, es stimmte nicht ganz, dass ich keinen wirklichen Grund gefunden hatte. Ein Schlüssel dazu lag bei der jungen Schwester, die mich dieser Tage begleitete. Sie war hochgradig irritierend für mich, was sie natürlich nicht wissen konnte. Normalerweise mied ich solche Personen bisher. Aber diese junge Kaldorei... sie war anders. Vielleicht nicht für andere, aber für mich. Sie irritierte mich, spielte mit jugendlicher Leichtigkeit mein wortgewandtes Spiel mit. Sie gab Dinge über sich preis, aber nicht in der Art, wie ich es eigentlich beabsichtigte. Sie kontrollierte, ob wissentlich oder nicht, jedes unserer Gespräche. Ungewohnt. Wahrlich. Eigentlich ein Unding, hätte man mich vor einem Monat gefragt, dass jemand mir so auszuweichen wusste. Und ich dieser Person nicht einmal sauer wurde. Wobei ich nicht mal wüsste weshalb ich ihr hätte sauer sein können: Sie beantwortete jede meiner Fragen. Aber eben nie so, wie ich es erwartete, wie ich es wollte. Ohne, dass ich es wirklich mitbekommen hatte, hatte sie die Führung übernommen. Ob es so weit reichte, dass ich ihr eines Tages folgen würde? Noch war es anders herum, noch ging ich voran. Noch. Wer weiß schon, was die nächste Nacht mit sich bringt.

Eigentlich wollte ich in den Wald um Ruhe zu finden. Mich abseilen und mich festigen, die Irritation aus mir vertreiben. Anstatt dessen war ich nur noch irritierter zurückgekehrt. Sie hatte neben mir in der Höhle geschlafen und ab und an sah ich ihr dabei zu. Selten war mein Schlaf so unruhig wie in diesen wenigen Tagen gewesen, die Zeit verbrachte ich damit ihr zuzusehen oder auf die Jagd zu gehen. Wirklich erfolgreich war diese aber ebenfalls nicht gewesen, meist war ich zu langsam gewesen. Zu sehr in Gedanken. So dass ich meistens auf Aas zurückgriff, das ich den dortigen jungen Säblern abspenstig machte. Danach war ich oft in Lor’Danel, obwohl ich den Ort eigentlich mied. Ich besorgte ihr etwas zu Essen, Brot, Früchte, was auch immer. Und brachte es dann zur Höhle zurück. Stets war sie bereits wach gewesen und begann schließlich zu Essen. Ein Umstand, der mir erlaubte, sie sich etwas genauer anzusehen, als ich in der Stadt dazu Gelegenheit hatte. Das Licht brach sich auf ihrem Haar, ließ die silberweißen Strähnen sacht schimmern. Es faszinierte mich. Sehr sogar. Ich kann gar nicht sagen warum, zumal weißes oder silbernes Haar in meiner Umgebung wirklich oft vorkommt. Aber ihres ist… anders. Genauso wie sie. Irgendwie finde ich kein anderes Wort für sie und die Dinge, die sie tut. Oder die Dinge, die sie ist. Einfach anders als alle anderen. Jedenfalls hatten wir ein wenig Zeit verbracht. Wirklich nur wenig, ich versuchte wirklich viel Zeit allein zu verbringen. Doch was ich auch tat, eigentlich war ich sämtliche Zeit neugierig, was sie wohl gerade tat. In der Höhle oder am Wasser.

Nun waren wir wieder zurück in der Stadt. Ich hatte ihr gesagt, man hätte nach mir gefragt. Was gelogen war. Eigentlich hielt ich es nur für unsinnig im Wald zu bleiben und krampfhaft Ruhe zu suchen, wenn ich sie doch nicht fand. Aber es gab eben auch Dinge, die sie nicht wissen musste und so behielt ich es für mich. Die Ruhe aber kehrte nicht allzu bald ein. Wie gewöhnlich wartete ich am Pavillon, auf was auch immer. Wieder gesellte sie sich zu mir, wir verfielen in ein Gespräch. Doch lange blieben wir nicht ungestört, ein junger Kaldorei gesellte sich dazu. Er wirkte gehetzt und doch vorsichtig. Offenbar hatte er einige unschöne Erlebnisse in der letzten Zeit gemacht. Ich hatte ihn zwar schon öfter gesehen, auch mit ihm geredet, aber ich muss sagen, dass er nie groß mein Interesse geweckt hatte. Während ich ihm eine meiner Standpauken hielt und auf den Weg zurückbrachte, war die junge Schwester aufgestanden und ein Stück abseits gegangen. Ich dachte sie würde gehen, ohne ein Wort, und sah ihr nach. Der Satz, den der junge Elf mir entgegenbrachte, klingelt mir jetzt noch im Ohr. „Ich sehe Liebe in Euren Augen.“ Nein. Er musste sich irren. Liebe war es nicht, ganz gewiss. Wobei ich mir zugestehen muss, dass diese Form von Gefühl keine ist, die ich kenne. Was ich aber sagen kann ist, dass das Gefühl, was diese junge Schwester in mir verursacht, mir bereits bekannt ist. Es ist Faszination. Trotzt aller Irritation, aller Gedanken und Fragen, die sie in mir aufwirft, fasziniert sie mich. Sie war wieder zurückgekommen, hatte sich neben mich gestellt, wie sie es so oft tat. Viel war nicht mehr geschehen, bis der junge Elf ging und ich wieder mit ihr allein war. Doch da war mir bereits aufgefallen, was sich neu in meinen Verstand geschoben hatte: Ich war beruhigt. Sie war wiedergekommen, was mir mehr als jedes ihrer Worte bestätigte, dass sie meine Anwesenheit schätzte. Nicht auf die Art, wie es die Schüler oder andere Zirkelangehörige tun. Für jene war ich ein Druide mit viel Erfahrung, von dem man lernen konnte oder der einem Rat gab. Ich denke, sie schätzt etwas anderes an mir. Sie fragt nicht nach Rat oder Lehren. Sie fragt nach mir. Ein beruhigender Gedanke, der mir durchaus Sicherheit schenkt. Doch in dem Moment, in dem ich ihn das erste Mal fasste und sie so neben mir stand, war es neu für mich. Ungewohnt ist es noch immer. Ich verabschiedete mich und ging an jenen Ort, an dem ich jetzt sitze.

Hinter mir ertönt leises Flügelschlagen. Das wohl bekannte Krächzen meiner gefiederten Mutter ertönt, lässt mich in Ruhe weiter verharren. Heute sucht sie nicht das gedankliche Gespräch zu mir, wie sonst. Vielleicht denkt auch sie, ich würde meditieren. Eine Woge des Wohlfühlens kriecht in mir herauf, als ich ihr weiches Gefieder auf meiner Haut spüre. Das große Eulentier setzt sich langsam auf meinen Schoß und kuschelt sich an mich. Die beiden mögen sich, Mutter Uhu und… Leliane. Das ist ihr Name. Der Name, der mich irritiert, der Ursache für die Rastlosigkeit meiner Gedanken ist. Der Name, der mich an jenes Gefühl von Sicherheit erinnert, das ich noch nicht einzuschätzen weiß. Aber wer wäre ich, mich gegen das Lernen neuer Dinge zu wehren.