Die Vergangenheit kommt

Prolog

Irritiert machte sie kehrt. Diese beiden Männer waren Anorien aus irgendeinem Grund unheimlich gewesen. Nicht nur, dass sie fast identisch aussahen, sie schienen auch genau gleich zu denken. Sie hatte mitgezählt. Drei Mal hatte der eine den Satz des anderen vollendet. Neugierig waren sie gewesen, hatten gefragt nach der Stadt und ihrer Organisation. Eigentlich nichts Neuartiges.

Sie ging die Brücke des Tempels hinab, wandte den Blick noch einmal über die Schulter zurück. Irritiert hob sie eine Braue, standen die beiden Elfen doch im Tor des Tempels und winkten ihr zu. Als hätten sie es gewusst...

Mit einem leisen, dumpfen Ton trafen seine Füße auf den Untergrund. Noch ehe er zu sich finden konnte vernahm er den gleichen Ton wenige Meter neben sich. Langsam glitt das zerreißende Gefühl aus ihm, machte ersten Eindrücken Platz. Noch stand er ruhig, die Augen geschlossen. Er hörte den Atem des Anderen neben sich, der genauso aufgeregt war, wie er selbst. Er vernahm tuschelnde Stimmen hinter sich.
"Leben sie?"
"Ist es vollbracht?"
"Sie sehen seltsam aus..."
"Oh, Achtung!"
Er richtete sich zu voller Größe auf, wandte sich zu den Flüsternden um. Langsam öffnete er die Augen, nur einen Spalt breit, war es für ihn doch schmerzhaft hell. Erst nach kurzer Zeit erkannte er, dass der dunkle Raum, in dem er sich befand, nur durch grün und violett leuchtende Bodenrunen erhellt wurde. Er spürte, wie die Hand des Anderen seinen Arm ergriff, er sich näher zu ihm stellte. Beide sahen sie auf den dunkel verhüllten Mann, der sich vor ihnen aus der Ansammlung von Vertretern verschiedener Völker perlte. Nicht nur Menschen gab es hier, auch Trolle, Orks, Gnome, alles, was Azeroth an intelligenten Spezies zu bieten hatte. Allesamt waren sie dunkel gekleidet, teils verhüllt. Die beiden Männer erkannten sie ohne Probleme als Mitglieder des Schattenhammerkultes. Jener eine, dunkler, größer als die anderen, strahlte eine enorme Macht aus. Den beiden Männern kribbelte der Nacken, die Haare richteten sich auf. Instinktiv wichen sie vor dieser enormen Magie einen Schritt zurück.

Einige Zeit lang schwiegen sich die drei Männer an. Für die beiden Neuankömmlinge war jeder geschwiegene Moment eine Tortur. Was sollten sie hier? Sie hatten nie etwas mit dem Schattenhammer zu tun gehabt. Wie waren sie hergekommen? Sie hatten noch nie Magie verübrt, noch Begabung in diese Richtung aufgewiesen. Sie ernteten überraschte Blicke, als sie sich ängstlich aneinander drückten, wie zwei Welpen. Waren sie nicht diejenigen, die hätten herkommen sollen? Einer der Anhänger, ein kleingewachsener Ork mit schmalen Hauern und dunkelgrüner Farbe, nahm ihre Fragen auf.

"Seht sie euch an, das können sie nicht sein!" , platzte er hervor. Doch der dunkle Kuttenträger hob gebietend und übertrieben ruhig eine Hand.
"Schweig." Sein Ton war befehlend, die Stimme kratzig, tief und unwirklich hallend.
"Sie sind, was sie sein müssen. Fesselt sie und legt sie an!"
Noch ehe die beiden Männer begriffen, was ihnen geschah, spürten sie einen dumpfen Schmerz am Hinterkopf. Es wurde dunkel vor ihren Augen.

Kapitel 1

Die Sonne stand noch hell am Himmel, als eine plötzliche Bewegung im Bett den Kopf des weißen Säblers hochreißen und die Ohren aufstellen ließ. Die hellblauen Augen des Tieres musterten aufmerksam seine elfische Gefährtin. Anorien saß kerzengerade im Bett, die weiße Decke war bis zu den Knien heruntergerutscht. Sie schwitzte, der Atem ging schnell und panisch tief. Sie verharrte so einen Moment, den sie brauchte, um zu realisieren, dass sie geträumt hatte. Der Säbler erhob sich langsam, träge, trat ans Bett und setzte sich davor wieder. Den massigen Kopf schob er auf die helle Bettdecke und sah die Elfe ruhig beobachtend an. Anorien seufzte aus, strich dem Tier liebevoll durchs Nackenfell. Langsam beruhigte sie sich. "Ich hoffe, so etwas träume ich nicht so bald wieder," nuschelte sie und legte sich hin. Sie hatte noch immer die Hand im Fell, als der Schlaf sie schon wieder einholte.

Anorien fand sich in absolutem Dunkel wieder. Eine Vorahnung und gleichzeitige Angst beschlich sie; es könnte der gleiche Traum erneut sein. Er fing stets so an. Sie bemerkte, dass sich um sie herum eine größere Höhle auszubilden begann. Diese war immernoch dunkel, doch erglommen fahl und wie entrückt aus dieser Welt, violette und grüne Bodenrunen, die alles in fahles, unwirkliches Licht hüllten. Anorien vermochte es nicht, sich zu bewegen. So wandte sie den Blick umher. Ja, es kam ihr alles vertraut vor, fast schon zu vertraut. Lins von ihr sah sie die einzigen beiden Personen in dieser Szenerie. EIner Kreuzigung gleich hatte man die beiden Brüder, die sie noch vor wenigen Wochen in Darnassus' Tempel kennenlernen durfte, an der Wand aufgehangen. Nun, da das Licht derart matt war und die beiden die Haare ins Gesicht fallen ließen, sahen sie wirklich wie zwei identische Elfen aus. Bewusstlos hingen sie da und bekamen so nicht einmal mit, das Bänder dunkler Magie ihre Haut entlangliefen und ihre Kreise zogen.

Eine große, dunkle Statur trat aus dem Dämmerlicht und näherte sich den beiden Hängenden langsamen und ruhigen Schrittes. Anorien wuste, was nun geschehen würde. Alles in ihr drängte danach, diesen Traum zu verlassen, so schnell es ginge. Die hinzugetretene Statur bewegte sich, hob einen Arm. Etwas blitzte unter dem Stoff der dunklen Robe hervor. Panik erfasste den Geist der Besucherin. Sie wollte es nicht sehen, sie wollte es nicht wissen. Als die Statur sich zu einem der Elfen beugte, ihn fast vollkommen vor Anoriens Sicht vergrub, wurde es schlagartig blendend hell.


Die Sonne stand noch immer hell am Himmel, als der Säbler erneut von einer plötzlichen Bewegung im Bett aufgescheucht wurde. Er stellte die Ohren auf und musterte die Elfe, die starr vor Schreck und kerzengerade im Bett saß. Panisch blickte sie zu dem Säbler, während sie hastig Luft in und aus ihre Lungen jagte. EInen kurzen Moment später schlug sie die Decke zurück, huschte aus dem Bett an dem Tier vorbei und zur Kommode hin. "Dann schlafe ich eben gar nicht mehr!", fauchte sie und begann sich umzukleiden.

Seufzend betrachtete sie sich im Spiegel. Konnte es sein, dass sie durchdrehte? Eine Nacht nach der anderen sah sie immer wieder, eins um andere Mal, den gleichen Traum. Sie war es langsam leid, den Brüdern beim Sterben zuzusehen. Shions massiger Kopf stupste gegen Anoriens Bein. Sie sah herunter und strich durch die weiße Mähne des Tieres.

„Vielleicht sollte ich doch langsam mit jemandem reden, hm?“

Der Säbler schrägte den Kopf leicht, hob ihn dann an und leckte dann kurz mit der rauen Zunge über ihre Hand. Anorien schmunzelte und nickt zur Bestätigung.

„Dann gehe ich mal jemanden suchen.“

 

Nachdem sie den Sitz der weißen Robe noch einmal überprüft hatte, trat sie leise aus ihrem Zimmer heraus. Sie sah sich um, wie immer. Gesehen wollte sie, wie immer, nicht werden. In den hellen Gängen des steinernen Tempels war niemand zu sehen. Ein leichter Wind ging durch den Gang, ließ die weißen Vorhänge, die die einzelnen Zimmer der hohen Schwestern und Novizinnen trennten, sachte wedeln. Hinter hier schlich sich Shion auf den Gang, musterte ihn in gleicher Weise. Vorsichtig, um keinen Laut zu erwecken, machte Anorien den ersten Schritt.

„So leise heute unterwegs?“, erklang eine fremde Stimme hinter ihr. Sie zuckte regelrecht zusammen, Shion war binnen Sekunden umgesprungen und hatte sich schützend vor ihr platziert. Anorien brauchte einen Moment des Sammelns, bevor sie sich zur Stimme umwandte. Lächelnd stand eine Elfe vor ihr, die Elune selbst hätte sein können. Ein Lächeln aus einem warmen, gütlichen und erfahrenen Gesicht schlug ihr entgegen und untermalte die sanfte, ruhige Stimme bestens. Helles, weich fallendes Haar, teils zu kleinen Zöpfen geflochten, umrandete das hübsche Gesicht. Die aufrechte, dünne Statur war in eine edle, weiße Robe gekleidet, an der bald mehr Gold eingewoben worden war, als Anorien je gesehen hatte. Doch kannte Anorien sie nicht. Verwundert blickte sie die offenkundig erfahrenere Priesterin an.

„Ouhm... Verzeihung. Ihr seid?“, fragte sie vorsichtig. Auch wenn sie eigentlich gleichen Ranges war, war es nie gut eine erfahrenere Schwester zu reizen. Doch die Elfe schmunzelte.

„Verzeiht, Schwester. Yanairel Flüsterwind ist mein Name.“ Sie verneigte sich ein wenig, wodurch ihr einige Strähnen und ein kleiner Zopf mit einem goldfarbenen Mondanhänger ins Gesicht fielen. Beim Aufrichten strich sie sich diese zurück und blieb bei ihrem warmen Lächeln. Anorien war irritiert ob der Ausstrahlung dieser Person. Sie hatte nur Geschichten über solche Frauen gehört, die eine derartige Aura verfügten. Nun aber fühlte sie, wie auch sie diesem Einfluss erlag. Auch sie lächelte.

„Anorien Krähenflug heiße ich. Erfreut Euch kennenzulernen.“

Yanairel nickte respektvoll. „Ihr schleicht Euch des Öfteren auf den Gängen herum, nehme ich an? Ihr wirkt sehr routiniert.“

Anorien räusperte sich. Sie spürte, wie ihr das Schamesdunkel ins Gesicht stieg.

„Ouhm... Nun...“, damit fehlten ihr die Worte. Sie schlich gern und viel. Ihr war es unangenehm, überhaupt gesehen zu werden. Nur warum? Es erleichterte sie, dass Yanairel das Wort wieder ergriff.

„Ah, ein Gespräch auf dem Flur ist immer etwas leidig. Habt Ihr etwas gegen einen Tee unten am Mondbrunnen?“

Fast schon übereifrig, ohne auch nur einen Moment nachzudenken, nickte Anorien.

„Ich bringe den Tee!“

Lächelnd winkte Yanairel ab, bestätigte aber auch gleich wieder mit einem Nicken. „Dann gehe ich vor. Ich warte auf Euch, Schwester Krähenflug.“

Yanairel schritt elegant an ihr vorbei. Hätten ihre Schuhe nicht ein leises Tocken bei jedem Schritt von sich gegeben, Anorien hätte gemeint, sie würde schweben.

 

Es dauerte keine Viertelstunde bis der Tee aufgebrüht war. Anorien war durcheinander. Sie kannte diese Frau nicht, aber sie kam ihr derart vertraut vor, sie hätte ihr in dem kurzen Gespräch ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Ohne auch nur einmal zu zögern. Sie trug den Tee auf einem Tablett, zusammen mit zwei Teeschalen. Aus irgendeinem Grund hatte sie eines der besseren Porzellane gewählt. Ihr schien nichts wirklich gut genug gewesen zu sein, so dass sie sich letztlich für ein reinweißes entschieden hatte. Damit konnte man nicht falsch liegen.

Shion folgte ihr auf Schritt und Tritt, wie gewohnt. So war es auch der Säbler, der zuerst in den, auch für die Bevölkerung offenen, Tempelraum trat. In der Mitte prangte der Mondbrunnen, in dessen Mitte Haidenes Statue wie immer eine Wasserschale zu Elune erhob. Glitzernd floss das Wasser aus der Schale heraus und fiel in den weiten Brunnen zu ihren Füßen. Anorien ließ den Blick wandern, bis er an einer Bewegung hängen blieb. Es war schwer in dem matten, violetten Licht und dem vielen Geglitzer etwas Bestimmtes ausfindig zu machen. Aber diese Handbewegung stach heraus. Ihr Herz hüpfte ein kleines Stück, sie fing an zu lächeln und ging herüber.

Yanairel saß am Rand des Brunnens auf dem grob behaunen Stein. Lächelnd deutete sie auf den Platz neben sich.

„Setzt Euch doch.“, wurde Anorien angeboten.

Sie stellte zunächst das Tablett ab und goss erstmal ein. Yanairel schwieg und beobachtete sie aufmerksam, aber nicht unangenehm. In ihrem Blick, und das spürte auch Anorien, lag etwas aufmerksam mütterliches. Sie gab der erfahreneren Priesterin eine der gefüllten Teeschalen hin.

„Es ist leichter, grüner Kräutertee von einem ansässigen Teemischer.“

Yanairel nahm die Schale entgegen und nickte dankend.

„Wenn er Euer Vertrauen genießt, muss er sehr gut sein."

Anorien schmunzelte. „Ist er.“

Sie nahm sich selbst die andere Teeschale und blies darüber. Über den Schalenrand hinweg beobachtete sie die hohe Schwester. Neben ihr kam sie sich wie eine Novizin vor. Sie zog es vor sich schlicht zu kleiden und nicht im Gedächtnis anderer zu verweilen. Aber selbst jemand, der auf sich aufmerksam machen wollen würde, würde neben dieser Frau verblassen. Leise seufzte sie innerlich auf.

Yanairel schwieg eine lange Weile. Sie schloss die Augen, nahm den wohligen Geruch des Tees auf und entspannte erst einmal. Erst nach einem kurzen, die Temperatur prüfenden Nippen des Tees, sah sie wieder zu Anorien hin. Sie lächelte, immernoch.

„Nun, Schwester Krähenflug? Was beschäftigt Euch so sehr, dass Ihr Euch entziehen wollt?“

Anorien schluckte. War sie so durchsichtig geworden? Sie wurde unsicher, sprach leiser.

„Ouhm... nichts wirklich, wenn ich ehrlich bin.“

Die Priesterin hob eine Braue und nippte am Tee. Sie schwieg, ließ Zeit vergehen. Anorien wurde unsicherer. Sie sprach noch leiser.

„Nunja. Also nichts stimmt nicht unbedingt. Aber... es ist nicht sonderlich wichtig!“

Yanairel schwieg noch immer, nippte erneut am Tee. Noch einmal blies sie darüber. Das Lächeln war verschwunden, sie wirkte ernst. Als Anorien das erkannte, räusperte sie sich und blickte zur Seite weg. Als sie nun sprach, war es vielmehr nur noch ein Flüstern.

„... ein paar Träume, die mich irritieren.“, gab sie kleinlaut zu.

Die Priesterin schlug die Augen auf und musterte sie eine Weile, bevor sie nickte.

„Träume sind immer wichtig. Sie verraten etwas über uns selbst.“

„Doch nicht diese. Im Grunde... im Grunde ist es immer der gleiche. Und es ist keiner, den ich gerne habe.“

Anorien seufzte, Yanairel hob beide Brauen an und sah nun sehr interessiert drein.

„Euch ist bewusst, dass wiederkehrende Träume immer eine Botschaft an Euch sind?“

Anorien schluckte. Sehr langsam nickte sie.

„Ja. Aber... ich wüsste nicht, was dieser sagen sollte.“

Leise lachte die ältere Elfe auf.

„Dann erzählt ihn einmal! Vielleicht kann ich Euch helfen?“

Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Anorien sah auf den Tee in ihrer Hand und schwieg. Shion schob sich in ihr Blickfeld. Der Säbler setzte sich vor sie und sah sie abwartend an. Zu allem Überfluss noch stieß das Tier ein ungeduldiges Brummen aus, als wolle es seine Gefährtin zum Reden bringen. Genervt seufzte Anorien und fing leise und betrübt an zu reden.

„Ich schlafe relativ normal ein und finde mich dann in einer dunklen Höhle wieder. Sie wird durch farblich glimmende Runen am Boden erhellt. Ich kann mich nicht bewegen, sondern nur zusehen. Ich sehe eine Kreuzigung, deren Opfer zwei Brüder sind, die ich kürzlich erst kennenlernen durfte. Sie sind bewusstlos, aber von der Magie befallen, die wohl auch die Bodenrunen formte. Den beiden nähert sich eine dunkel gewandete, große Person. Ich kann sie nicht erkennen und sehe nur, wie sie etwas auf einen der beiden zustößt. Dann wache ich auf.“

„Und Ihr denkt ein Problem zu haben?“ Yanairel schien amüsiert. Entrüstet sah Anorien sie an.

„Aber die beiden Brüder!“

Vehement stand sie auf, sah die Ältere anklagend an.

„Ihnen geht es vielleicht nicht gut!“.

Yanairel lächelte ihr nur ruhig entgegen.

„Und Ihr braucht eine halbe Ewigkeit, um das zu realisieren und kommt ihnen nicht zu Hilfe.“

Das war wahr. Und diese Wahrheit traf Anorien wie ein Schlag in den Magen. Sie senkte den Blick, zog die Brauen zusammen.

„Ihr habt recht.“

Entmutigt setzte sie sich wieder auf den Brunnenrand.

„Ich hätte früher handeln müssen.“

Noch immer schmunzelte Yanairel.

„Ja. Aber das ist jetzt egal, denn Ihr wart bereits zu langsam. Jetzt wisst Ihr es und solltet anfangen zu reagieren. Ihr kanntet die Brüder. Haben sie euch gesagt, wer sie sind und was sie in Zukunft vorhatten?“

Verblüfft sah Anorien wieder auf und musterte ihre Gegenüber. Normalerweise würde man ihr doch jetzt eine Predigt halten, sie hätte früher agieren müssen? Normalerweise wäre man doch sauer geworden? Hätte sie für schuldig erklärt? Sie war so irritiert, dass sie nur stockend antwortete.

„Ouhm... Sheyran und Souran hießen sie... Und... oum... aus dem Eschental kamen sie. … Und wollten dahin auch wieder. .. Sie sind Lederhandwerker.“

Yanairel lächelte aufmunternd.

„Sehr gut. Dann geht Ihr jetzt los, sammelt Eure Freunde und startet einen Ausflug ins Eschental. Bevor Ihr abreist, seid so gut und gebt mir bescheid.“

Lächelnd stand die Priesterin auf und stellte die geleerte Teeschale ab. Bevor Anorien reagieren konnte, sprach sie bereits wieder.

„Der Tee war gut. Bei Zeiten solltet Ihr mich mit dem Herren Mischer bekannt machen. Entschuldigt mich jetzt bitte, Schwester Krähenflug.“

Yanairel lächelte und verbeugte sich. In ihrer schwebenden Gangart trat sie aus dem Tempel und ließ die bewegungslos irritierte Anorien zurück.

Kapitel 2

Der Hauptteil entstand in einem Rollenspiel mit Ivareen und wurde dann von mir zusammengeschrieben. Herzlichen Dank für den schönen Abend, Ivareen! =D

 Calyon schüttelte den gesamten Körper, als er blinzelte. Leise erklang das metallische Klimpern unter der Lederrüstung, das von der stärkeren Bepanzerung zeugte. Er schnaufte aus und blinzelte auf das Buch in seinem Schoß. Die Ohren zuckten müde und träge, die Brauen schob er zusammen. Leise nuschelte der alte Elf zu sich. "Schon wieder eingeschlafen...", womit er das Buch zuklappte und sich erhob. Dabei drückte er sich mit einer Hand vom Boden ab, griff sogleich nach seinem Stab und stützte sich darauf. Brummend blickte er umher. Ihm war es offenkundig zu hell für den Umstand, dass er eben aufgewacht war. Leises Kichern erklang nicht weit von ihm entfernt. Ivareen stand nur wenige Meter hinter ihm, die Hände hinter dem Rücken locker verhakt und das Gesicht von dezenter Belustigung erhellt. Ganz offenbar hatte sie ihn beobachtet. Wie lange wohl? Freundlich sprach sie ihn an.
"Gerade noch fragte ich mich, wie Ihr es wieder hinauf schafft, wenn sonst niemand dabei ist.."

Zuerst streckte er sich noch auf seine gesamte Größe und brummte in sich hinein, man hätte es auch für ein Gähnen halten können. Betont langsam, vielleicht aber auch nur aus Trägheit, blickte er über die Schulter und musterte die junge Frau erstmal, bevor er begrüßend nickte.

"Ganz eingerostet bin ich nicht", brummelte er ihr vernuschelt entgegen. Danach schüttelte er sich erneut, trat dann an die steinerne Brüstung der Brücke heran und legte das Buch darauf ab. Die Stirn wurde bedenklich gerunzelt. "Wie lange wartet Ihr bereits, Schwester?"

Ein warmes Lächeln breitete sich auf ihrem fleckigen Gesicht aus. Langsam kam Ivareen näher, um ihn nicht anschreien zu müssen, wenn sie antwortete.

"Erst ein paar Minuten. Und meine Besorgnis war bestimmt berechtigt, wo Ihr mir selbst einmal sagtet, dass Ihr Euch besser nicht setzt.."

Ausschnaufend antwortete er ihr.

"Ab und an nervt eine alte Verletzung. Sie wird bei der Bewegung beansprucht."

Er musterte sie intensiv und ernst, als suche er etwas in ihrem Blick. Anbei zuckte das rechte Ohr, er schien etwas wahrzunehmen.

Verstehend nickte Ivareen, langsam nur. Sein Blick wurde erwidert, wenn auch ein wenig fragend.
"Stimmt.. etwas nicht?"

Mit beiden Ohren zuckend rieb er sich im Nacken. Langsam schob er eine Hand in die Tasche seiner Robe und zog ein paar Zettel hervor.

"Das weiß ich noch nicht. Aber ich fürchte irgendwann werde ich mir etwas besseres als Zettel suchen müssen."

"Ah.. Uhm.. Ivareen.", erinnerte sie ihn, sichtlich unsicher, ob er das überhaupt meinte. Ihr Lächeln wurde etwas schief, während sie verlegen die Hand hob, um eine tiefblaue Strähne hinter eines ihrer Ohren zu verbannen. Er blinzelte ihr irritiert entgegen, bevor er nickte

"Ivareen... ", murmelte er, bevor er ausseufzte. "Immerhin sagt mir Euer Gesicht mittlerweile etwas. Seitdem die Sterblichkeit Einzug hielt, ist es alles nicht mehr so einfach.

Unterstützend wedelte er mit der rechten Hand, ließ die Zettel in der anderen wieder in die Tasche wandern.

"Mhm..", wiederum nickte sie und richtete ihren Blick auf die Stadtmitte vor ihnen.

"Wir alle müssen uns noch daran gewöhnen. Doch Ihr macht ja schon gute Fortschritte."

Amüsiert schnaufte er aus. "Fortschritte... erstmal sind es Rückschritte. Ungewohntes Gefühl, wenn die Knochen schmerzen." Wieder schüttelte er sich, als würde er den Gedanken daran fortscheuchen wollen. Während er sprach konnte man erkennen, wie eine junge, schmale, weiß gewandete Elfe langsamen Schrittes in Richtung Pavillon ging.

 

Aus irgendeinem Grund war ihr der Vorschlag Yanairels, einfach selbst nachzusehen, spontan sehr logisch vorgekommen. Innerlich hatte sie sich gescholten, dass sie nicht selbst auf diese Idee gekommen war. Nun führten ihre Schritte sie Meter um Meter weiter durch die Stadt, auf den Pavillon zur Enklave zu. Wenn, dann würde Calyon die meisten und fähigsten Leute für so etwas zusammen bekommen. Doch mit jedem Schritt, den sie voran kam, war sie sich nicht mehr ganz so sicher, ob die Idee eine gute war. Zweifel stiegen wieder auf. Was, wenn sie mit all den Leuten nach Eschental ging und dort gar nichts war? Was, wenn es den Brüdern eigentlich gut ging? Was, wenn sie sich alles einfach nur einbildete? Leise seufzend blieb sie stehen, gegenüber des Pavillons und sah zu Calyon herüber. Er war ihr Ziehvater, würde sich sicherlich voller Ernst ihre Bedenken anhören. Und sie dann einfach abtun. Wie konnte sie auch? Es war nur ein dummer Traum, der sich dummerweise wiederholte! Als ob ein Traum irgendwelche Aussagekräfte hätte! Mit einem Aufschnauben nun machte sie kehrt und ging zum Tempel zurück.

 

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie das ist. ..", es schien, als wolle sie mehr sagen, doch fiel die Gestalt Ivareen ins Auge. Aufmerksam betrachtete sie die fremde Gestalt. Calyon selbst musterte die Gestalt interessiert. Als Anorien dann doch vor den beiden abdrehte, seufzte der Elf aus.

"Ich wollte Euch neulich noch zeigen, wie es ist sich zu wandeln. Es ist ähnlich."

Ivareen schien ihm gar nicht richtig zuzuhören. Irritiert hing ihr Blick an der Fremden, die augenscheinlich gerade flüchtete.
"Kennt.. Ihr sie?"

Er nickte ruhig. "Anorien. Sie benimmt sich seit Wochen ein wenig seltsam." Zuerst folgte er ihrem Blick, sah sie nun wieder direkt an. "Ihr wollt es also nicht mehr wissen?"

"Oh.. Uhm.. Was meint Ihr?", entschuldigend lächelte Ivareen ihm entgegen, zupfte noch einmal unbehaglich an einer langen Haarsträhne. Irritiert blinzelte er sie an. Sichtbar ratterte es in seinem Schädel, dann rieb er sich wieder im Nacken. "Die Wandlung? Ihr wolltet wissen, wie es sich anfühlt."

"Ja, richtig. Ihr sagtet, es gäbe die Möglichkeit dazu.", rasch nickte sie. Ivareen hatte seinen Vorschlag aus dem Teehaus noch nicht vergessen, war gerade offenbar nur woanders mit den Gedanken gewesen. Ein leichtes Schmunzeln ergriff ihn, als er nickte. Calyon griff nach dem Buch, streckte sich noch einmal und setzte sich dann in seinem langsamen Schritt in Bewegung. Er machte kehrt und schien erstmal die Enklave anzustreben.

"Gibt es. Auch wenn sie grenzwertig ist. Ich hoffe, das stört Euch nicht?"

Er wartete nicht auf sie, schien er doch für selbstverständlich zu befinden, dass sie ihm folgte. Natürlich folgte sie ihm, bemühte sich um wenig Abstand zwischen ihnen, damit sie leiser sprechen konnte.
"Grenzwertig? Ist es.. verboten einer Priesterin diese Erfahrung zu gewähren?"

Amüsiert schmunzelte er. "Nein. Nur die Art, wie ich es Euch zeigen werde, ist vielleicht nicht die beste."

Er für seinen Teil schien die Sache aber auch nicht direkt zurückhalten zu wollen, gingen sie doch gerade an einer Gruppe junger Elfen vorbei, die sich an einem Setzling übten. Kurz ließ sie seine Worte auf sich wirken, schürzte die Lippen, während sie innen darauf herumkaute.

"Sollte ich mich sorgen?"

 

Ausseufzend stand sie nun wieder vor dem Tempel. Mit jedem Meter zum Pavillon waren ihre Zweifel an der Aufgabe gewachsen. Nun, mit jedem Schritt zurück, war Die Angst vor der erneuten Begegnung mit Yanairel gewachsen. Was würde sie sagen? Würde sie sie zurechtweisen? Sie hätte es mehr als verdient. Unschlüssig sah sie den Tempel hinauf, betrachtete die vielen Ranken, die sich in den festen Stein schlugen. Letztlich aber musste sie sich der Priesterin stellen.
Sie senkte den Blick und wollte sich gerade ihrer Angst stellen, als sie bereits die hochgewachsene Frau im Eingang stehen sah.

„Ihr seid schon wieder zurück?“

Sie lächelte immernoch in dieser überwältigenden Wärme, die es Anorien so unendlich schwer machte sich gegen ihren Einfluss zu wehren. Die Jüngere presst die Lippen aufeinander.

„Nun, ich...“, begann sie, wurde jedoch schon gleich von einem Schmunzeln unterbrochen.

„Ihr habt Euch nicht getraut.“, nickte Yanairel.

Nach einem schweren Schlucken erst, antwortete Anorien darauf.

„Ich... mir kam es nicht mehr sinnvoll vor.“

„Das habe ich erwartet.“

Schmunzelnd ging Yanairel auf Anorien zu und nahm ihre Hände in die ihren. Eindringlich sah sie zu ihr herunter.

„Manche Gänge des Lebens können schwer sein und nicht allein bewältigt werden. Lasst uns zusammen gehen, Schwester.“

Irritiert blinzelte Anorien der Frau entgegen. War das ihr Ernst gewesen? Verstehen konnte sie es nicht, zudem überforderte es sie. Yanairel lächelte vergnügt, ließ eine Hand los und zog sie mit der anderen mit sich mit.

„Das nehme ich als ein Ja. Zu wem wolltet Ihr denn?“

„Calyon...“, nuschelte die junge Priesterin.

 

Langsam bog er nach der letzten Brücke nach rechts ab, schlug den Weg am See des Ufers entlang ein. Ein wenig sank er während des Laufens in den Untergrund ein.

"Vertraut Ihr mir?", schmunzelte er in sich hinein. Einen flüchtigen Blick warf Ivareen noch auf das Grüppchen, das sie gerade hinter sich gelassen hatten. Dann sah sie wieder zu dem Elf empor, dem sie sacht zunickte. Calyon schmunzelte lediglich amüsiert in sich hinein. Er ließ die Stadt hinter sich und näherte sich am Uferweg langsam dem Wasserfall, der Teldrassil herunter stürzte. Erst einige Minuten später, als er ankam, blieb er stehen und wandte sich ihr zu.

"Ich bringe Euch in keine Gefahr. Wenn ich Euch hätte etwas tun wollen, hätte ich es schon längst getan."

Dezent zuckten ihre Brauen in die Höhe, doch lächelte sie dabei.

"Ihr.. versteht Euch immer wieder auf eine charmante Ausdrucksweise, Calyon..", sprach sie amüsiert, während sie den Blick über die bekannte, doch immer wieder gern besuchte Ecke des großen Baumes schweifen ließ. Irritiert zuckten beide Brauen nach oben.

"Was war daran charmant?"

Die Frage schien ernst gemeint. Unterdrückend dämpfte sie das Auflachen ab, grinste ihm dann unverwandt zu.

"Gar nichts. Also.. Ich bin gespannt, was Ihr mir zeigt!"

Und damit fielen die Ohren praktisch wieder auf ihre Normalhöhe hinab. Hatte Calyon sowas wie Hoffnung gehabt? Scheinbar. Pikiert räusperte er sich, deutete dann neben sich. Während er sprach legte er den Stab neben sich auf den Boden ab.

"Setzt Euch bitte."

Gehorsam nickte sie ihm zu, strich sich das Kleid an den Schenkeln glatt und ließ sich in das hohe Gras nieder. Aufmerksam sah sie ihn dabei an, um auch nichts von seinem ominösen Zauber zu verpassen. Zuerst aber geschah überhaupt nichts. Außer, dass sich ein alter Mann abmühte, sich irgendwie neben ihr, ihr zugewandt, hinzusetzen, ohne gleich den hohen Baum herunter zu fallen. Sie zog die Lippen in den Mund, um sich an einem Schmunzeln zu hindern. Dafür hoben sich ihre Hände, kurz nur, dann verwarf sie den Gedanken, ihm Hilfe anzubieten, auch rasch wieder. Schlussendlich schaffte er es, sich niederzulassen. Sich eine gemütliche Position suchend rutschte er ein wenig mit dem Hintern hin und her, dann nickte Calyon zufrieden und sah wieder zu Ivareen auf.

"So. Ich gehe davon aus, dass Ihr wisst, wie man meditiert. Ich brauche Euch in allergrößter Ruhe, sofern möglich."

"Gut."

Nur leicht nickte sie, dann suchte auch sie sich einen bequemeren Sitz. Daraufhin schloss sie die Augen und nahm sich ein paar Augenblicke, um ihren Atem zu vertiefen, auf die Geräusche aus ihrer Umgebung zu achten. Ohne groß zu warten hob er die Hände. Und ohne groß zu fragen, legte er sie an ihre Schläfen. Danach schloss er selbst die Augen, atmete langsam aus. Seine Finger begannen in hellem Grün zu glimmen, ließen eine wohlige Wärme erstrahlen. Unvorbereitet auf die Berührung zuckten ihre Brauen bei eben jener zusammen, doch ließ sie sich davon nicht weiter stören. Hörbar entließ sie zu einem tiefen Zug ihren Atem, als die Wärme ihr Gesicht einhüllte. Das Glimmen seiner Finger erstreckte sich alsbald schon über die gesamte Hand. Umso mehr sie anschwoll, umso mehr drang die Wärme auch in sie ein, bis sie ihre Sinne benebelte. Spätestens zu diesem Moment wirkte sie fern von jeder Unruhe. Sacht sanken ihre Schultern, sonst zu einer aufrechten Haltung erhoben, hinab. Die Hände auf ihrem Schoß ruhten bewegungslos auf ihren Schenkeln und auch ihr Atem war nun nicht mehr zu hören. Umso weniger sie von ihrer Außenwelt mitbekam, umso sie benebelt wurde, umso mehr nahm sie nur sich selbst wahr. Als ob ein fremder Geist sich in sie geschoben hätte, konnte sie eine unausgesprochene Frage nach ihrer Bereitschaft fühlen. Beinah reflexartig öffnete sich ihr Geist bereitwillig zur Zustimmung. Vielleicht ein wenig zu schnell für eine sonst so besonnene Person.

Keine Sekunde verging, als ein fremdes Gefühl sich in ihren Geist schob. Es schien eine Erinnerung zu sein, jedoch eine sehr intensive. Zunächst noch fühlte sie sich vollkommen normal. Dann aber wallte Hitze durch ihren Körper, sie konnte spüren wie Knochen anfingen zu brechen. Sie formten sich neu, Organe verschoben sich, Haare wuchsen, Sinne schärften sich. Umso mehr der Körper sich veränderte, umso schmerzhafter wurde es. Erst, als die Wandlung vollzogen war, sie sich wie ein vollständiger Bär fühlte, wich mit einem Schlag der enorme Schmerz. Es dauerte nicht lange, bis ihr Leib sich unwillkürlich anspannte. Auch, wenn ihre Atemzüge noch lang und tief waren, so klangen sie doch mit jedem angestrengter, bis sie schließlich schmerzlich aufkeuchte. Die Finger, die gerade noch vor Anspannung zitterten, zuckten dann, als der Schmerz verflog, reflexartig zusammen. In ihrem Geist nun gänzlich ein Tier, versuchte sie sich wohl in diesem gedanklichen Körper zu bewegen. Doch nun bestätigte sich, dass sie lediglich eine Erinnerung nachempfand. Der Bär, in dessen Körper sie steckte, hörte übermäßig viel, roch übermäßig viel. Als er nach oben sah, konnte sie Shan'Do Sturmgrimm erkennen, der amüsiert herunterschmunzelte und zufrieden nickte. Mit diesem Bild glitt der fremde Geist bereits aus ihrem Körper heraus, nahm die Wärme mit. Bis schließlich Calyon die Hände herunternahm und sich mit dem typischen Klirren seiner Rüstung schüttelte. Beständig rauschte der Wasserfall den Baum herunter. Ivareens Gesicht verzog sich zu einer trotzigen Grimasse - wie der eines Kindes, dem man etwas interessantes aus der Hand nahm. Sie brauchte einen Moment, bis sie sich ganz von dem Geisterbild lösen konnte, flatternd öffneten sich ihre Lider dabei und sie starrte ihm einen kleinen Moment auf die gerüstete Brust, ehe sie ihm ins Gesicht sah. Stumm vorerst, doch sichtlich beeindruckt. Ziemlich schwer beeindruckt. Calyon selbst verharrte nur kurz in seiner Position. Schnell wandte er den Blick ab und sah in Richtung des Wasserfalles.

"Ich hätte vorher fragen sollen, welche Erwartungen Ihr daran stellt."

"Ich hätte nicht gewusst, was ich Euch darauf hätte anworten sollen.. ", meinte Ivareen nur leise, atmete noch einmal tief durch ballte die Hände, die sich beim sinnlosen Versuch ihre nicht vorhandenen Pranken zu bewegen, etwas verkrampft hatten. Den Kopf fragend geschrägt sah Calyon wieder zu ihr.

"Das ist etwas, das ich nicht verstehen kann. Ich fürchte, ich versuche immer eine Vorstellung von dem zu haben, auf das ich mich einlasse."

"Habt Ihr Furcht in eine Situation zu geraten, der Ihr nicht Herr sein könnt?"
Nun wirkte sie wieder entspannter, wechselte noch einmal die Sitzposition und sah ihn forschend an. Er schwieg verdächtig lange darauf, schließlich aber holte er tief Luft und hob eine Braue an. Ein sachter Windhauch umstrich die beiden Kaldorei.

"Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Aber ich habe gern wenigstens ein paar Auswege gut durchdacht, wenn etwas geschehen sollte. Ich bin nicht gut im Sozialisieren. Ich muss vorbereitet sein."

"Hat das in Eurem langen Leben bisher immer so funktioniert, wie Ihr Euch das dachtet?"

Ihre Beine zog sie seitlich an ihren Körper, um nicht die ganze Zeit auf ihnen sitzen zu müssen. Das wurde rasch ungemütlich. Mit einer langfingrigen Hand umfasste sie locker einen ihrer Knöchel, während ihre andere sich im Gras abstützte. Sie klang nicht, als wollte sie seine Gedanken in Frage stellen, lediglich interessiert. Calyon schnaufte leicht aus, sogar ein wenig amüsiert, als er den Kopf schüttelte.

"Nicht immer. Aber sehr oft. Ich habe zu lange allein gelebt, um noch wirklich geübt im Umgang mit anderen zu sein."

"Mhm, darum tut Ihr Euch jetzt schwer mit der Frau.. Kann ich Euch.. irgendwie helfen? Als Gegenleistung für diese unglaubliche Erfahrung gerade?"

Nur langsam nickte sie, zu ihren Worten, lächelte ihn bei der darauf folgenden Frage wieder freundlich an. Daraufhin winkte er ab.

"Ich denke, man sollte es schlicht bei der neutralen Beziehung belassen. Ich meine: Selbst wenn sie interessiert wäre, was sehr unwahrscheinlich ist, wie sollte es denn funktionieren mit mir? Ich würde ihr ständig nur unbeabsichtigt unschöne Dinge sagen. Das wäre wohl das Letzte, was ich mit ihr vorhätte."

"Aber doch bestimmt nur eine Zeit lang, bis Ihr Euch an sie gewöhnt habt.. Außerdem, wäre sie interessiert und ihr kämt euch näher, wären Worte in vielen Situationen gar nicht nötig. Wichtiger ist, dass Ihr sie mögt. Und das spürt eine Frau."

Daraufhin wanderte langsam, aber stetig, eine Braue des alten Mannes nach oben. Er räusperte sich. "Sicher?" Die Frage ist unsicher, scheinbar mit Erinnerungen verknüpft. Vorsichtig wiegelte Ivareen den Kopf.

"Nunja.. Manch einer Person muss man es schon sagen, damit sie es sicher weiß.. Aber wenn sie es erwidert, könnt Ihr ihr ungehindert zeigen, was Ihr fühlt. Dafür müsst Ihr nicht viel reden."

"Hm."

Damit sah Calyon wieder von ihr weg zum Wasserfall. Schließlich aber schüttelte er den Kopf.

"Wenn sie spüren, was man von ihnen denkt, erklärt das ein bisschen was. Aber umso mehr verstärkt sich das Gefühl, dass ich sie in Ruhe lassen sollte. Zum Sozialisieren gehört nämlich auch jenes Zeigen ohne Reden."

Beinah enttäuscht blickte sie ihn an.

"Aber.. das sind Blicke und Gesten, über die ein Verliebter nicht nachdenkt.. Da könntet Ihr gar nichts falsch machen.. Vielleicht wartet sie nur darauf, dass Ihr Euch etwas traut."

Er schüttelte erneut den Kopf.

"Also:", und damit sah Calyon Ivareen wieder an, "Sie ist lediglich zu mir gekommen, weil sie von Bärenfährte empfohlen wurde, nicht weil sie es wollte. Es geht um ein wenig Unterricht für ein paar der Novizinnen, die ihr unterstehen. Allerdings scheine ich nicht der Einzige zu sein, den sie darum gefragt hat, da sie neulich ein wenig überlegen musste, bevor sie mit mir sprach."

"Hmmm.." Sie betrachtete ihn kritisch, als würde sie noch auf etwas warten.

"Aber.. Das kann ja nicht alles gewesen sein, wenn sie Euch nicht mehr aus dem Kopf geht?"

Die Ohren zuckten wieder, diesmal aber nervös.

"Nunja... sie ist ziemlich eindrucksvoll."

Ein sachtes Schmunzeln konnte sie sich wohl nicht verkneifen.

"Aha? Beschreibt sie mir.. Ich bin neugierig."

Tatsächlich verfiel er in eine Art Redefluss. Zuerst stockte er beim Sprechen ein wenig, was sich aber recht schnell gab.

"Nun, sie ist.. Hrm. Also für eine Frau... recht groß gewachsen. Und sie ist... schlank. Also nicht zu dünn, sie ist schon trainiert. Sie hat einfach eine schöne Figur. Sie hat helle Haare, die im Mondlicht schimmern. Und ständig lächelt sie. Ihre Roben sind beständig mit Schmuck behangen, aber sie bewegt sich, als würde es sie nicht scheren. Sie strahlt eine wirklich angenehme Wärme aus. Ihr wollt nicht mehr von ihr fort, wenn Ihr einmal in ihrer Nähe seid."

Regelrecht entzückt lauschte Ivareen seinen Erzählungen, nickte hier und da, während ihr Lächeln immer breiter wurde. Scheinbar fiel ihm gen Ende hin selbst auf, dass er ins Schwärmen geriet. Er räusperte sich und schüttelte sich erneut. Eine Entschuldigung wurde durch seinen Dreitagebart genuschelt. Schmunzelnd schüttelte sie den Kopf. Deutlich hörbar seufzte sie.

"Oh, Calyon.. Euch hat es ja wirklich schwer erwischt..".

Ihr Tonfall klang keinesfalls bedauernd, eher schon wieder neidisch. Unsicher sah er sie an. Wieder schüttelte Calyon sich, griff dann nach seinem Stab und nutzte diesmal diesen, um sich aufzurichten.

"Das ist irrelevant. Hauptsache unsereiner bleibt neutral und gerecht."

Zufrieden über seine Worte nickte er. Ein provokantes Lächeln setzte sie auf, während sie seiner Bewegung mit dem Blick folgte.

"Ein schöner Druide seid Ihr, der eigenen Natur so im Wege zu stehen.."

Wieder rieb er sich im Nacken, bevor er den Kopf schüttelte.

"Was heißt eigene Natur... ich bin ein Bär. Und ich lebe allein. Das ist meine Natur."

Erneut seufzte Ivareen, ehe sie wegsah und in ihren nicht vorhandenen Bart nuschelte.

"Wohl eher ein sturer Talbuk."

Beide Brauen hob Calyon an.

"Talbuk... ein Reh bin ich wahrlich nicht. Schon optisch nicht."

Er schmunzelte breit, dann streckte er den Rücken durch und richtete sich für einen Moment zu voller Größe auf.

"Mhh.."

Ebenso erhob sie sich schließlich wieder, strich den ein oder anderen Grashalm von ihrem Kleid.

"Ich würde Euch dennoch wünschen, dass Ihr nicht so stur wärt.. Am Ende.. verpasst Ihr noch Euer Glück.."

Noch einmal schüttelte er den Kopf.

"Glück ist eine Definitionssache. Wobei ich ab und an hin und hergerissen bin. Wer hätte schon gedacht, dass weiterleben zuerst ein Unglück und dann eine annehmbare Sache wird?"

"Leben und Glück ist das, was Ihr daraus macht! Wenn Ihr Euch beidem verschließt, seid Ihr natürlich allein... Aber zufrieden dabei? Ich weiß ja nicht.."

Grübelnd, als ginge es um sie selbst, senkte sie ihren nachdenklichen Blick zu Boden.

"Allein bin ich nicht."

Das Kopfschütteln schien Calyon heute inne zu wohnen.

"Ich habe zwei elfische Kinder aufgezogen, neben vielen Wildtieren. Und ich lebe immernoch mit Mutter Uhu zusammen. Ich denke, das sollte zählen."

Amüsiert schmunzelte er, stemmte den Stab vor sich in den Boden und lehnte sich darauf. Ivareen hob lächelnd die Brauen, ergeben nickte sie. Zumindest für heute würde sie es aufgeben.

"Na schön.. Familie - Das ist auch gut zum glücklich sein."

"Reicht vollkommen!", proklamierte er noch, bevor er in Richtung Enklave deutete. Vage konnte man den großen Baum zwischen den anderen im Dickicht erkennen.

"Ich nehme an, Ihr möchtet alsbald zurück."

"Ihr seid wirklich stur..", meinte sie nur schmunzelnd, während sie seinem Deut folgte und sich langsam in Bewegung setzte. Schmunzelnd schüttelte er den Kopf.

"Del'Nadris, Schwester.", rief er ihr noch hinterher.

"Del'Nadris, Calyon.", grüßte auch Ivareen ihn lächelnd über die Schulter, um den Rückweg dann allein anzutreten.

"Vielen Dank für Eure Erinnerung!"

 

Er blieb zurück und wartete, bis sie außer Sichtweite war, danach sah er nach oben in den Baumwipfel. Ein großer, grauer Uhu saß dort, den Kopf geschrägt und klagte kurz, aber laut. Es klang fast schon anklagend und entlockte dem alten Mann ein entnervtes Seufzen.

„Tu nicht so, als ob es etwas wirklich Schlimmes gewesen wäre!“

Mutter Uhu stieß noch einen anklagenden Laut aus, bevor sie auf dem Ast kehrt machte und mit dem Flügel den Uferweg entlang deutete. Calyon folgte ihrem Deut. Was er sah, irritierte ihn. Und insgeheim verunsicherte es ihn. Dort, dem Weg direkt auf ihn zu folgend, kamen Anorien und Schwester Flüsterwind gelaufen. Hand in Hand, was ihn bald noch mehr verunsicherte als die eigentliche Ankunft der beiden Frauen. Fluchtbereit sah er sich um, entschied sich für den Weg links durch zwei Büsche hindurch. Doch als er gerade seine Flucht antreten wollte, vernahm er bereits Yanairels warme Stimme, die ihn halten ließ.

 

„Bruder Bärenflanke, wartet bitte!“, lachte sie freudig. Anorien wagte einen Blick zu der Priesterin hinauf. Die beiden kannten sich? Zumindest sah es laut der Fröhlichkeit der hohen Schwester so aus. Beklemmung übermannte sie, ließ Anorien den Blick wieder gen Boden senken. Wo war sie da nur hinein geraten? Das gleiche dachte sich Calyon, da er sich nach dem abrupten Stehenbleiben erstmal aufrichtete und sich sammeln musste. Sonderlich viel Zeit hatte er aber nicht dafür.

„Ah gut, Ihr wartet“, sprach die ältere Priesterin und schlich sich um den alten Mann herum. Sie blieb frontal vor ihm stehen und zog Anorien zwischen sich.

„Schwester Krähenflug hier hat eine Bitte an Euch.“

Calyons irritierter Blick wanderte nur kurz zu Anorien herunter, die noch immer den Boden ansah und sich offensichtlich in Grund und Boden schämte. Perplex sah er Yanairel an, unwissend, wie er reagieren sollte. Und so kam letztlich nur ein gestottertes „Ja?“ aus ihm heraus. Aber das schien Yanairel zu genügen.

„Ihr scheint ein fähiger Mann zu sein. Jetzt bin ich die zweite Priesterin, die Eure Hilfe benötigt.“

Erneut schüttelte Calyon den Kopf, dann schien er sich zusammen zu bekommen. Er hob eine Hand an und legte sie auf Anoriens Kopf, stricht durch das weiche, helle Haar der jungen Frau.

„Es sollte selbstverständlich sein, dass eine Tochter ihren Vater um Hilfe bittet.“

Zwar waren die Worte ruhig gesprochen, doch hinterließen sie in Anoriens Herz einen bitteren Stich. Sie hatte es sich nicht von allein getraut. Hatte sie sein Vertrauen verletzt? War er ihr böse? Calyon strich sachte durch ihr Haar, hinterließ danach bei ihr den aufkeimenden Drang ihn zu umarmen. Sie war sich nicht mehr sicher, wie sie hätte am besten reagieren können. Anorien presste die Lippen zusammen. Ein kurzer Moment des unangenehmen Schweigens entstand. Yanairel besah sich die Szene und befand scheinbar, dass Reden eine bessere Lösung sei. Lächelnd sah sie Calyon wieder an, als sie sprach.

„Darin widerspreche ich Euch nicht. Schwester Krähenflug wollte Euch um etwas Beistand bei einem Ausflug bitten.“

Wieder nickte der alte Mann etwas irritiert. Er sah zu Anorien herunter, die schwerlich etwas Luft holte, aber immernoch nicht reden wollte.

„Ich denke mal, dass es nicht um einen kleinen Ausflug geht, wenn Ihr bei ihr seid?“, sprach er Yanairel direkt an. Die Priesterin schien über die direkte Art überrascht, stutzte kurz, lächelte dann aber gleich wieder.

„Das ist eine etwas längere Geschichte. Setzen wir uns?“

Calyon sah über die Schulter zu jenem Platz am Rand des Wasserfalls, an dem Ivareen ihm eben noch Gesellschaft geleistet hatte.

„Sicher.“

Er ging auf jenen Platz zu, legte erneut den Stab ab und ließ sich dann in seiner behäbigen Art nieder. Anorien zuckte mit den Ohren und schluckte. Bedrückt folgte sie dem Druiden und setzte sich ihrerseits, dicht gefolgt von Yanairel. Im Gegensatz zu Yanairel, die sich direkt rechts neben Calyon setzte, ließ Anorien sich in etwas weiterer Entfernung links nieder und musterte die Hände in ihrem Schoß. Sie spürte Calyons ernsten Blick auf sich.

„Nun?“, fragte er. Er sah tatsächlich gen Anorien, wartete auf eine Antwort. Die erfolgte aber von rechts, woraufhin er irritiert das Gesicht der Priesterin musterte. Und feststellte, dass es für ihn schwer werden würde, sich von ihr zu distanzieren.

„Sie träumt ein wenig schlecht von ein paar Brüdern und meint, dass sie im Eschental sind. Schwester Krähenflug ist ein wenig besorgt und möchte schlicht und ergreifend einmal nachsehen gehen.“

„Um welche beiden Brüder handelt es sich denn?“

Calyon fragte Yanairel, doch die schien es ebenfalls nicht zu wissen. Deutend sah sie zu Anorien, die jetzt leise und zögerlich ihre Stimme erhob.

„Sheyran und Souran Haingrün. Sie sind die Söhne des Ledermeisters in Astranaar.“

Leise schnaufte Calyon aus, ließ die Namen in seinem Gedächtnis wandern. Wie allerdings erwartet aber sagten sie ihm nichts, so dass er schließlich nur nickte.

„Ich werde zuerst einmal nachfragen, wer sie kennt und wo sie sind.“

Sein Blick blieb fest auf Anorien haften, aufmerksam suchte er nach einer beruhigten Regung in ihrem Gesicht. Doch die junge Elfe nickte lediglich und behielt den Blick gen ihres Schoßes gewandt. Und sie schwieg.

„Das klingt nach einem guten ersten Schritt. Ihr haltet mich auf dem Laufenden, alle beide, ja?“, schmunzelte Yanairel den beiden entgegen, als sie sich galant bereits wieder erhob und die Robe glatt strich. „Besonders ihr, Bruder. Ihr solltet ohnehin noch den Unterricht für die Novizinnen erteilen. Wir sollten uns dafür nochmal zusammensetzen, meint Ihr nicht?“

Ihm dämmerte, dass es für Calyon nicht nur schwer werden würde, sich zu distanzieren, sondern womöglich für die nahe Zukunft unmöglich. Innerlich seufzte er entmutigt aus, nickte aber zu den Worten der Priesterin. Und erhob sich selbst langsam.

„Heute nicht mehr. Die Bären warten in der Höhle und wollten heute sicherlich noch auf ihre Jagd.“

Yanairel nickte, verneigte sich vor den beiden.

„Dann werde ich Euch morgen aufsuchen. Elune hüte Euer beider Wege, Schwester Krähenflug und Bruder Bärenflanke!“

Sie zeigte den beiden noch einmal ein sanftes Lächeln, dann wandte sie sich um und ging davon. Anorien verkrampfte sich innerlich, erwartete einige ernste Worte. Da sie noch immer in ihren Schoß blickte, sah sie erst zu spät, was geschah. Ihr blieb keine Zeit zu reagieren, als Calyon seufzte, sich zu ihr beugte und die um einiges kleinere und dünnere Elfe wie ein Kind über sich hob.

„Du scheinst mir dringend auf andere Gedanken kommen zu müssen. Hol Shion, dann gehen wir alle im Rudel jagen.“

Stumm nickte sie und sah hilflos in seine fältchenumrandeten Augen. Er hatte wirklich etwas von einem Vater für sie bekommen, seitdem er aus Tanaris wiedergekommen und sich geändert hatte. Er war weicher geworden, zutraulicher. Und genau mit diesem Blick, eine versteckte Frage darin, sah er sie nun an. Sie wusste ganz genau, dass er mit einer solchen Situation, wie sie sie ihm gerade bescherte, nur schlecht zurecht kam. Sie streckte die Arme nach ihm aus und als er sie an sich heranzog, drückte sie sich an seine Schulter und begann leise zu weinen. Wie hatte sie nur so dumm sein können, nicht mit ihm zu reden. Kein böses Wort, keine schlechten Erfahrungen mit ihm. Innerlich schimpfte sie mit sich. Wann würde sie über diese Zweifel wachsen? Wann würde sie sich selbst nicht mehr im Weg stehen?

Calyon blinzelte ein wenig erstaunt, setzte sich aber wieder im Schneidersitz hin. Die junge Elfe hielt er fest im Arm, viele Minuten lang. Sie klammerte sich lange an seine Schulter, bis beide sich zu der versprochenen Jagd aufmachen konnten.