Orithil Krähenflug

 

30.09.2011


"Ainyael!" Orithils Stimme hallte in meinem Schädel wider, ließ mich zusammenfahren. Die kleinen Phiolen rutschten aus meinen Fingern, mit leisem, zerschellendem Klirren kamen zwei auf dem Boden an. "Kämpfen, sofort." Seine Tonlage hatte Ähnlichtkeit mit der eines Orks kurz bevor er zum Schlag ausholte. Und sie duldete keine Zurückweisung. "Hilf mir wenigstens beim Scherben auflesen", seufzte ich. Aggressives Knurren schlug mir entgegen, dennoch setzte er sich in Bewegung. Eine genuschelte Entschuldigung fand den Weg zu mir, während der Elf die Scherben einsammelte. Ich erhob mich, schob die Füße suchend über den Boden während ich lief. Irgendwo beim Bett musste meine Rüstung sein. Das weiche Leder berührte meine Füße, als es hinter mir noch knurrte und grantete. "Was hast du gebraut." - "Lediglich das Zeug zum Schmerzstillen. Nichts Besondres, keine Sorge. Außerdem waren die Phiolen leer." Ein Brummen war die Antwort, dann herrschte Stille. Wohl wissend um die Prügel, die ich gleich würde einstecken müssen, legte ich die Rüstung an. Ab und an, vermutlich aus Ungeduld, spürte ich die helfenden Finger des Mannes am Leder. Die Prozedur ging schweigend von statten.

Orithil führte mich, mit Pfiffen lotsend, zum Übungsplatz der Stadt. Ich hatte kaum die Klingen gezogen, als ich den Lufthauch seiner Bewegung verspührte und instinktiv einen Schritt nach hinten wich. Seine Klingen surrten an mir vorbei, sein Knurren mischte sich mit dem Geklimper seiner Kettenrüstung und dem Fauchen seiner Säblerin. Keine Frage, der Elf war wütend. Selten hatte ich Orithil wütend gesehen, meist war er freundlich und höflich. Aber in letzter Zeit lag ohnehin etwas im Argen bei ihm. Er pfiff, währrend er die Klingen anhob, machte fairerweise die Bewegung so für mich sichtbar. Ich richtete mich aus, ging in die Defensive. Kaum stand ich bereit durchzuckte das Geräusch aufeinanderprallenden Metalls die laue Nacht. Unter der wütenden Kraft seines Schlages gaben meine Arme nach, ließen seine Klingen mit einem Schaben an meine entlanglaufen. Wieder ein Knurren, wieder machte ich instinktiv einen Schritt zurück. Ich seufzte. "Erzähl lieber anstatt mich zu Brei zu prügeln!", fauchte ich Orithil entgegen. Wieder war nur ein Knurren die Antwort.

Zwei Stunden wütenden Schlagabtausches später hatte ich es geschafft in diesem Wutabbau die Oberhand zu bekommen. Zweifelsohne war Orithil ein überaus begabter Mann an den Waffen, aber ohne Bogen war er nicht ansatzweise ausdauernd genug in einem wirklichen Gefecht standhalten zu können. Ich roch den Schweiß auf seiner Haut, spührte seine Schläge schwächer werden, hörte das Rasseln seines Atems. Richtungsweisende Pfiffe waren nunmehr nur gehaucht. Allzu viel besser sah es bei mir nicht aus. In all dieser Zeit hatte ich keinen Angriff geführt, hatte mich von ihm auf dem kleinen Platz herumtreiben lassen wie Vieh. Ich schwitze, die Konzentration ließ nach, meine Abwehr begann zusehends zu wanken. Zwischen all den Geräuschen des Kampfes vernahm ich kurz Schritte hinter mir und tatsächlich, Orithils Angriff verebbte mitten in der Bewegung. Ein Fehler. Ich holte aus, pfiff und ließ mein Schwert diagonal gen seiner Brust schlagen. Nur knapp konnte er den Schlag abfangen, dann zischte er wieder. "Ruig ihr zwei. Ihr macht ja einer Horde Orks an Lautstärke Konkurrenz." Es war die tiefe, raue Stimme Calyons, die mir sogleich ein Lächeln ins Gesiht trieb. "und selbst darin wären wir besser als sie!" Ich lachte auf, fühlte das Stutzen der anderen beiden Männer, die aber schließlich in meine Belustigung einstiegen. "Wohl wahr, daran gibt es keinen Zweifel. Und an Verrücktheit übertriffst du sie ganz ohne Orithils Hilfe." Wieder ein Lachen von mir, das erst verebbte, als Calyon erneut die Stimme erhob. "Und jetzt erzählt, warum prügelt ihr euch?" Um ehrlich zu sein, ich wusste es noch immer nicht. Und dementsprechend hob ich die Schultern an. "Na?" seine Stimme duldete keine Ausreden, so viel war klar. Schließlich war es Orithil, der sprach. "Weil ich nicht verstehe wie man in dieser verfluchten Welt zehntausend Jahre leben kann. Ständig bekommt man eine ins Maul." Ich erschrak ein wenig. Seit wann sprach er so? Stets war er diszipliniert gewesen, allen ein Vorbild an Höflichkeit und Respekt. Doch diese Grantigkeit hier klang so gar nicht danach. Und vermutlich ging das auch in Calyons Schädel herum. Zuhörend setzte ich mich, froh über eine kleine Pause.

"Noch immer Probleme mit den Schwestern?" - "Ja. Es wird eben einfach auch nicht besser, wenn nichts getan wird. Natürlich sehen sie mich unfähig. Seht mich an, ich bewirte das Teehaus und zu mehr bin ich nicht im Stande." Er grollte tief. "Bleb ruhig, Findariel. Es ist nicht aller Tage Abend und du hast noch viele Jahr vor dir. Die Zeiten machen uneinsichtig. Dagegen bist du genausowenig geweiht wie die Schwestern. Tue das, was du kannst. Und tue es mit Hingabe. Der Rest kommt von allein." - "Ich tue meinen Dienst. Das mache ich jetzt seit Jahren. Ich bin treu, loyal, gelehrig nd gehorsam. Was denn noch? Was soll ich noch tun?" Verzweiflung hatte sich in der Stimme des jüngeren Elfen breit gemacht. "Du selbst sein. Aber ich sehe, du kannst es gerade nicht, hast dein Gleichgewicht verloren. Das ist nicht schlimm. Gönn dir Ruhe, Zeit für dich allein." Die Antwort war lediglich ein Brummen, nach dem erst einmal Stille folgte.

Schließlich war ich es, der wider sprach. "Ich weiß nicht, ob er wiederkommt." Ich sprach leise, ließ die Bedrückung meiner Gedanken die anderen beiden hören. Und spührte auch sofort deren Blicke auf mir. Sollte ich wirklich weitererzählen? Bisher wusste Calyon nichts von Thanris und eigentlich war es mein Plan gewesen es auch dabei zu belassen. Dennoch kreisten meine Gedanken beständig herum, schürten Sorge und Zweifel. Irgendwo musst ich damit hin. Und diesen beiden konnte ich vertrauen. Also fuhr ich fort. "Ich war nicht allein in Tanaris, Calyon. Ich hab die Zeit mit einem Elfen verbracht. Mit Thanris. Wir haben viel gestritten, aber wisst ihr, ich mag nicht mehr ohne ihn." Das murrige Brummen Orithils unterbrach mich kurz. "Aber er konnte nicht mit zurück. Er hat einer Frau ein Versprechen gegeben und wollte dies einlösen. Er hat mir versprochen nach einer woche wieder bei mir zu sein. Aber irgendwie..." - "Du zweifelst." Calyon unterbrach mich, ich nickte. "Ja. Er ist ein Mann, sie kennen sich seit Jugendtagen. Was soll ich da schon ausrichten können?" - "Deine Liebe unterscheidet sich nicht von der einer Frau. Beides ist Liebe." - "Schon. Aber weiß ich, dass er mich erwidert? Dass ich nicht einfach irgendein Spiel bin? Ich komme mir oft so vor, wenn er mit mir umgeht. Und ich glaube einfach, dass das kein Spiel wäre. Vermutlich hat seine Mutter noch die Finger im Spiel." Wieder wurde geschwiegen. Luft bewegte sich neben mir, auch Orithil hatte sich nun niedergelassen. Wenig später folgte auch Calyon. "Ich hoffe, dass du nicht enttäuscht wirst." - "Ich ebenfalls. Schon allein, weil ich dich nicht ständig auf meinem Schoß sitzen haben will." Ich schmunzelte, denn endlich schwang Witz in Orithils Worten mit.

Wieder schwiegen wir eine Weile, bis auch Calyon seine Stimme erhob. "Roseli ist zwar wiedergekehrt, dafür vermisse ich Leliane. Seit Wochen nun habe ich sie nicht gesehen. Und auch keine Ahnung, wo sie sein könnte." Wenn sogar den Bären Sorgen plagten waren es wahrlich schlimme Zeiten. "Vermutlich mit der Prüfung beschäftigt, meinst du nicht?" Währrend Orithil sprach musste ich wieder n Thanris denken. Die wenigen Tage ohne ihn wren Qual gewesen. Wenn ich Pech hatte, wovon ich bei meinem Glück ausging, würde ich noch Jahre auf ihn warten. "Vermutlich ja. Aber wissen tue ich es nicht. Ich hasse das." Doch weder ich noch Orithil wussten darauf etwas zu erwidern. Wir drei wollten ohnehin nichts davon hören, was man tun könnte oder wollte. Es tat einfach nur gut es ausgesprochen zu haben.

Lange Zeit noch hatten wir schweigend gesessen, bis Calyon seinen Hunger stillen gegangen war. Auch Orithil war schließlich gegangen, die Säbler mussten gefüttert werden. Eine kurze Zeit noch hatte ich dort gesessen, im Gras, den Vögeln und dem Treiben der Stadt gelauscht, das trotz unseres kleinen Gefechts unberüh weitergegangen war. Wie gern hätte ich die Zeit mit Thanris verbracht, anstattdessen war ich diese Woche nahezu immer allein gewesen. So auch wie jetzt, als ich mich erhob und zu seinem Zimmer zurückging. Viele Male war ich diesen Weg nun gegangen. Oftmals ohne Gepäck, aber gerade zu Anfang mit viel davon. Kräuter hatte ich haufenweise den Aufgang hinauf getragen, zum Schluss sogar eine Destillationsapperatur. Ich hatte begonnen wieder Tränke herzustellen, teils aus Langeweile, teils weil in Tanaris einige davon aufgebraucht worden waren.

Orithil hatte mich mitten im Abfüllen eben jener Tränke unterbrochen. Aber mir war nicht danach jetzt weiterzumachen. Im Zimmer angekommen legte ich die Rüstung ab und zog mir eine leichte Hose und ebenso leichtes Hemd an. Ich nahm mir Seife und Handtuch, dann verließ ich das Zimmer wieder. Meine Füße führten mich den Aufgang herunter, dann folgten sie immer weiter den Steinen des Weges. Hinaus aus der Stadt, hinein in den Wald. Hin zu den kleinen Seen nahe Darnassus, an deren Rand einer der Mondbrunnen stand. Keine Ahnung, wie sie hießen, ich hatte sie selbst entdeckt, ohne Hilfe. Am Rand des Ufers legte ich die Kleidung ab, die Seife an den Rand. Mein Körper glitt ins Nass. Kälte stieg in mir auf, ließ mich frösteln. Dem Ganzen zu entrinnen beeilte ich mich, schrubbte mich nur unsauber mit der Seife ab und flüchtete regelrecht wieder aus dem Wasser heraus. Dennoch hatte es mir Freude bereitet, so dass laut auflachte. Ich rubbelte mich halb trocken, schlang mir das Handtuch dann um die Hüfte, nahm meine Kleidung und verzog mich wieder in die Stadt. Hatte mich jemand gesehen, halbnackt? Es interessierte mich nicht, sollten sie doch. Ich bin ohnehin der verrückte Blinde, war es schon immer und werde es bleiben. Und mit dieser Erkenntnis und einem Lächeln auf den Lippen kuschelte ich mich unter die Decke, nachdem ich ungeachtet aller Ordnung den Rest meines"Gepäcks" daneben fallen ließ. Ob Thanris sich daran gestört hätte? Ob er diesen Moment mit mir geteilt hätte? Ob er jene seltenen Momente von Zärtlichkeit hätte entstehen lassen? Ich vermisste ihn, seinen Geruch, seine Stimme, sein Geknurre. Hoffentlich. Hoffentlich kam er bald wieder.

 

12.07.2011

 

Die Sonne war kurz davor über den Horizont zu blicken, eine Zeit, in der Darnassus vollkommen ruhig da lag. Fast vollkommen ruhig zumindest heute. Mit einem Ächzen ließ er sich neben dem wartenden Bären nieder, rollte sich herum und murrte. Der große, dunkele Bär sah den in weißlichem Silber glänzenden Säbler an, gähnte und zeigte ihm die Zähne. Ja, er war spät dran. Der Bär wandelte sich, machte einem großen, muskulösen Mann mit nachtblauem Haar Platz. Die Wandlung verzog sich schnell, geübt und elegant. Die Wandlung des weißen Säblers hingegen glich eher einem Fliehen aus der Gestalt. Auch hier erschien ein Mann, kleiner, dünner, aber immer noch trainiert und muskulös. „Du bist spät, Orithil.“ – „Ja, ich weiß. Ich hatte noch etwas zu erledigen.“ – „War die Frau wieder so schön, dass du drei Mal mehr Zeit dort verbringen musstest?“ Warum Freunde immer wieder die eigenen Fehler vorhalten mussten, war dem Elfen schleierhaft. „Nein. Ich hab nachgedacht.“ Calyon nickte, ließ sich langsam und unter Ächzen nieder. „Erzähl, worüber?“ Im Gegensatz zu sonst, wenn er erzählen sollte, kam in ihm nun keine Hemmung auf. Eher im Gegenteil, sein Redefluss ergoss sich im Vergleich zu sonst einem Wasserfall ähnlich.

„Vor einiger Zeit hat Anarya bei einem Spaziergang etwas aufgenommen. Mich kümmerte es nicht, du weißt, sie macht so was öfter. Wir gingen zum Tempel und dort legte sie es einer Priesterin zu Füßen. Die Frau nahm es an, blickte es sich an und gab es mir wieder. Ich solle doch die Elfe finden, der das Pergament gehört und soll sicherstellen, dass es ihr gut ginge. Ich habe sie in Lor’Danel getroffen, aber als ich sie ansprechen wollte, ging sie fort. Eigentlich wollte ich Waren für das Teehaus besorgen und so brachte ich diese erst einmal zurück. Ich suchte sie, brauchte aber nur kurz, denn sie hatte sich auf eine Brücke gesetzt, mit dem roten Kater an ihrer Seite. Ich wusste, dass das Tier Gesellschaft nicht schätzte und überlegte eine Weile, ehe ich mich entschloss mal als Säbler zu versuchen mit ihr in Kontakt zu kommen. Ich ging also in Tierform dahin, bekam es sogar hin, dass sie mir ein Stück weit ins Landesinnere folgte. Ich wählte das so, weil ich dachte, das Pergament könnte etwas Wichtiges sein, war doch ihr eigenes Bild darauf, und ich wollte sie nicht vor Wachen oder anderen, zufälligen Personen bloß stellen. Sie reagierte überraschend gut auf den Säbler, ich erschlich mir ihr Vertrauen. Dann ließ ich ihr das Pergament zukommen, sie war sehr dankbar und gerührt. So sehr, dass sie zu Weinen anfing. Sie umarmte mich und dankte mir. Dann haderte ich. Sollte ich ihr zeigen, wer ich war, ehrlich sein oder es dabei belassen und einen zutraulichen, gutmütigen Kater in ihrer Erinnerung lassen? Ich habe mich dafür entschieden ihr zu zeigen, wer ich bin. Sie wurde sauer, taumelte und ich versuchte sie vorm Hinfallen zu bewahren. Sie war entsetzt und wütend, kein Mann dürfe sie so berühren, außer der ihre. Eine Weile noch redete sie so, ich entschuldigte mich und nachdem ich nicht mehr wusste, wie ich hätte reagieren sollen, bin ich gegangen.“

„Und du denkst, du hättest es anders tun müssen?“ Orithil schüttelte auf die Frage hin den Kopf. „Nein, der Gedanke ist überflüssig. Es ist jetzt so.“ – „Aber?“ – „Naja, ich bin schon wieder jemandem zu nahe getreten, ohne es gewollt zu haben. Das tut mir leid.“ Eine Weile schwieg Calyon, ließ den Wind sein Haar tragen, nickte und dachte. „Sag ihr das.“ – „Das habe ich, mehrmals, noch an jenem Abend.“ – „Hat sie es angenommen?“ – „Ich fürchte nicht.“ Wieder schwiegen sie eine Weile, ehe er dunkelhaarige Kaldorei erneut das Wort ergriff. „Was gedenkst du jetzt zu tun?“ Orithil hob die Schultern leicht an. „Ich weiß nicht. Vermutlich ihr aus dem Weg gehen. Mein Gesicht ist jetzt mit der Erinnerung daran verknüpft. Ich will ihr nicht mehr damit weh tun, als es sein muss.“ Mit einem Brummen quittierte Calyon die Aussage. „Also flüchtest du.“ Diesmal war es der Jüngere, der eine Weile schwieg, ehe er antwortete. „Ja, ich flüchte.“ – „Heute noch immer. Wann wirst du lernen, Orithil?“ Wieder hob er die Schultern leicht an. „Wenn es Zeit dazu ist. Solange sich alles in mir wehrt, kann es nicht richtig sein. Ich gehe meinen Weg und wenn dieser heißt wegzugehen, werde ich es tun.“

Eine Weile noch saßen die beiden Elfen am Ufer des Sees bei einander. Die Sonne war aufgegangen, die Stadt zur Ruhe gekommen. Sie redeten über vielerlei Dinge, das Teehaus, die Tochter, die Gefährtin, das Leben als solches. Sie liebten diese kleinen Konversationen, die sie sich jede Woche gönnten. Es war, als würde die Familie zusammen kommen, Vater und Sohn, obwohl beide nicht verwandt, bei einander sein.

 

06.07.2011

 

Lächelnd schon erwartete sie ihn. Wie immer stand sie da, die schweren Körbe neben sich abgestellt und wartete. Eine große Kaldorei mit grünem Haar, nicht mager, aber dünn. Nichts besonderes, alles in allem: Kaum Rundungen, ein paar Falten, Narben am Körper. Insgesamt für ihn niemand, der einem wirklich auffallen würde. Dennoch hatte sie etwas, das ihn anzog: Das Lächeln.

„Na, unterwegs gewesen? Fast eine Stunde warte ich nun!“ – „Verzeih, Deliandrya. Ja, wir waren noch unterwegs. Ein paar der Welpen haben sich verlaufen. Was hast du mir heut schönes mitgebracht?“

Zwei Mal in der Woche besuchte Deliandrya Darnassus. Zwei Mal in der Woche stand sie neben dem Teehaus und bot dort ihre Waren an Orithil an. Auch heute wagte er einen neugierigen Blick in das Innere der Körbe.

„Ein paar Kirschen und Äpfel. Ich hab dir das Mehl besorgt und die Kräuter. Und ein paar Blumen vom Festland, ich dachte, die könnten Isilya gefallen.“


Sie lächelte ihn noch immer ungetrübt an. Manchmal glaubte er, eine Horde Orks könnte einfallen und sie würde ihm immer noch dieses Lächeln schenken.

„Das ist gut. Ich nehm zwei Körbe und dann tragen wir es rüber, ja?“

Als er ihr Lächeln erwiderte nickte sie. Beide nahmen die Körbe auf und machten sich auf den Weg zum äußeren Teil der Stadt.

Unterhalb des Hügels spang eine breite Wurzel hervor. Über diese Wurzel waren Ledertücher so gelegt worden, dass weder Wasser noch Wärme in den Teil darunter gelangen konnten. Orithil stellte die beiden Körbe ab. Der Eingang zu seinem kargen Lager war offen gelegt. Die Wärme des Tages, auch wenn es nicht viel war, kroch langsam in den Wald hinaus.

„Wann kommt Isilya wieder?“ – „Sie ist eben erst los. Es wird dauern.“

Deliandrya nickte, dann begannen sie beide die Waren auszupacken. Neben dem Lager hatte er eine Art kleiner Hütte gebaut, die ebenfalls mit Ledertüchern überzogen war und eine Unterkunft für eben jene Waren bot. Eine Weile brauchten sie die frischen Früchte und Kräuter hinein zu tun, alles so zu stapeln, dass nichts heraus ragte. Schließlich aber waren sie fertig damit und setzten sich in den Eingang des Lagers.

Deliandrya nahm sich einen Apfel aus ihrem Korb und biss herzhaft hinein, ehe sie diesen an den Elfen weiterreichte.

„Hier. Sie sind besonders süß dieses Jahr. Probier mal.“

Stumm nickte Orithil, nahm den Apfel, probierte und reichte ihn ihr wieder. Sie waren wirklich süß. Der Apfelkuchen davon musste hervorragend sein. Vielleicht würde er Saft daraus machen und diesen mit Tee mischen. Es gab ein, zwei Elfinnen, die das gern im Teehaus tranken. Deliandrya musterte ihn mit besorgter Miene von der Seite. Ja, er war heute erstaunlich ruhig gewesen. Ungewöhnlich für den jungen Mann. Aber sie wussten beide, was im Anschluss an diese kurze Unterhaltung passieren würde.

„Weißt du, manchmal denke ich, Elune schenkt uns so gute Sachen. Und dann ziehen Kriege über unsere Länder und machen das kaputt. Doch irgendwann wächst alles wieder und die Sachen sind wieder so gut, wenn nicht sogar besser, weil wir sie vermisst haben. Ich weiß ja, alles ist vergänglich, sogar wir, irgendwann. Aber ich glaube, Elune würde uns nicht so gutes Zeug schenken, wenn sie nicht wollte, dass wir uns daran erfreuen.“

Wieder kam ein stummes Nicken von ihm. Er hatte den Blick gen des Mondes gewandt, als sie erzählt hatte und wandte ihr nun den Kopf entgegen.

„Mutter Mond schenkt uns viele Dinge. Aber sie nimmt auch. Sie ist wie Wasser, das eigentlich stets nur versucht den besten Weg zu gehen. Aber sie ist auch gewaltig: Wasser vermag Stein abzutragen und den stärksten Mann mit sich zu reißen. Wasser schenkt Leben, Wasser ist erfrischend. Wasser kämpft nicht, aber Wasser bahnt sich allen Unebenheiten zum Trotz seinen Weg. Auch wenn es dafür manchmal Umwege in Kauf nehmen muss. Ja, Elune ist wie Wasser. Manchmal hoffe ich, es wären mehr Elfen wie Wasser. Aber die meisten sind mittlerweile heiß gekocht und brodeln und warten darauf, dass man Kräuter hinein tut und einen Tee damit kocht.“

Heute hatte er kein Ohr für ihre Weisheiten. Ja, sie hatte ja recht. Aber er hatte so viel über Elune debattiert in der letzten Zeit, über ihre Wege, ihre Taten, ihren Einfluss auf ihn selbst, so dass er dessen überdrüssig war. Ablenkend verlagerte er sein Gewicht, kam ihr so nahe und hauchte einen Kuss an ihren Hals. Deliandrya war niemand besonders für ihn. Und auch er war niemand besonderes für sie. Aber in Zeiten des Kummers brauchen auch zwei nicht besondere Elfen einander. Auch wenn sie danach wieder getrennte Wege gehen.

Zwei Mal in der Woche besuchte Deliandrya Darnassus. Zwei Mal in der Woche stand sie neben dem Teehaus und bot dort ihre Waren an Orithil an. Auch heute war sie wieder da gewesen. Und auch heute hatte sie ihm mehr mitgegeben, als nur ihre Waren.

22.06.2011


Ruhig lag die Stadt da, waren die meisten Bewohner doch noch in ihren Betten oder Lagern, fröhnten dem Schlaf der Erschöpften und Müden. Zeit zum Feiern war keine, allerdings auch nicht zum Trauern: Viel zu sehr verlangte der Krieg nach Opfern. Und wenn man nicht aufpasste, war man das nächste. Weder Freude, Trauer noch sonst irgendein Gefühl durfte einen unachtsam werden lassen.

Das zumindest war es, was ich dieser Tage wahrnahm. Auf dem dünnen Lager liegend, es war warm, mitten im Sommer, ließ ich den Blick durch das Geäst über mir streifen. Sonnenlicht spielte hindurch, ließ Farben prachtvoll leuchten und fügte sie miteinander zu beständig neuen Mischungen zusammen. Neben mir hatte sich Isilya ausgestreckt. Zwar schon vom Alter her erwachsen zeigte sie noch alle möglichen kindlichen Eigenschaften. Eine davon war es, sich beim Schlafen in alle vier Himmelsrichtungen auszustrecken, leise zu glucksen. Ein wenig neidisch war ich auf sie. Sie schlief wie ein Stein. Egal, wo man sie hinlegte, sie schlief. Und bevor sie ausgeschlafen war, konnten keine zehn Säbler sie wecken. Die Tiere waren, angepasst an die nachtelfische Lebensweise, ebenfalls am Schlafen. Anarya hatte sich, wie gewohnt, auf der anderen Seite von mir niedergelassen. Nicht minder wenig Platz als Isilya beanspruchte sie für sich, aber das auch schon seit sie ein Welpe war. So war ich umgeben von zwei, für mich wundervollen, Wesen. Eigentlich hätte es nicht besser sein können, wenn man es so von außen her betrachtet. Aber doch, wenn es nach meinem Herzen ging, fehlte noch etwas.

Ich wandte seufzend den Blick vom Blätterdach, schickte ihn über die Stadt. Oder zumindest deren Tor, denn sehr viel mehr konnte ich von Darnassus von hier aus nicht sehen. Die Spitze des Tempels war gerade noch sichtbar, das grünliche Violett des Bankenbaumes glühte sanft im Hintergrund. Die Vögel zwitscherten, es hätte alles so wundervoll sein können. Wären da nicht die Kirschen gewesen.

„Dein Herz will also Kuchen backen.“ Das hatte Shiranah gesagt. Und sie hatte recht. Mein Herz wollte Kuchen backen. Mit ganz speziellen Kirschen. Aber ich bin einfach nicht sonderlich begabt in dieser Kunst des Backens. Ich kann wundervolle Kuchen backen. Aber nicht solche. Shiranah hatte nicht über das Backen an sich gesprochen. Oft hatten wir uns mittlerweile unterhalten, vor allem unsere Gefühlswelten. Kirschen stehen mittlerweile für die positiven Attribute einer Person. So besitzt Shiranah übermäßig viele. Wenn man zu viele Kirschen isst, verdirbt man sich den Magen. Demnach sind Shiranahs Kirschen, und damit sie selbst, nichts, was ich mir zutrauen würde. Aus den Kirschen einer Person konnte man Kuchen backen. Wenn man einen Kuchen backt, rührt man den Teig zusammen, tut ihn in eine Form, belegt ihn und gibt ihn in den Ofen, bis er fertig ist. Wenn man also jemanden liebt, und das voll und ganz, dann will man mit ihm zusammen Erfahrungen machen; man will Kuchen backen. Mit Shiranah wollte ich keinen Kuchen backen. Das Problem war, dass es jemanden gab, mit dem ich das gern tun würde. Wobei, das an und für sich war nicht das Problem. Eigentlich war es die Tatsache, dass ich mir das nicht zutraute. Und sie kein Interesse daran hatte.

Nach all den vielen Jahren, die ich nun ohne wirkliche Gefährtin zubrachte, war ich noch immer nicht so weit wieder wirklich auf eigenen Beinen zu stehen. Oft dachte ich an Tisha, gerade dann, wenn Isilya bei mir war. Sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten und ließ so, unbeabsichtigt, alte Wunden und Sehnsüchte wieder aufreißen. Sie konnte nichts dafür und ich war bemüht es mir nicht anmerken zu lassen. Aber auch, wenn Isilya nicht bei mir war, kam doch oft der Gedanke „Was würde Tisha jetzt tun?“ in mir hoch. Und solange dem so war hatte niemand anderes an meiner Seite und vor allem nicht in meinem Herzen Platz. Auch, wenn es noch so sehr Kuchen backen wollte.

Außerdem hatte sie überhaupt kein Interesse daran. Vor kurzem hatten wir die erste Begegnung, bei der wir wirklich für ein paar Momente allein miteinander gewesen waren. Aber es wäre gar nicht dazu gekommen, hätte Schwester Silberlaub sie nicht gebeten mit mir zu gehen. Sie war also nicht wegen mir bei mir gewesen, sondern um dem Bitten der hohen Schwester nachzukommen. Auch wenn ich finde, dass Backunterricht nichts ist, was eine Novizin wirklich können müsste. Aber ich stecke nach wie vor nicht in den Dingen drin, bekomme so etwas ohnehin nur am Rande mit. Jedenfalls haben wir Bonbons gemacht. Gestern hatte ich ihr diese über eine andere Novizin zukommen lassen, aber noch war keine Reaktion eingetreten. Wie erwartet. Innerlich kam bei diesem Gedanken kurz ein Funken Hoffnung in mir auf, den ich aber schnell wieder herunterschluckte. Selbst wenn, ja selbst wenn ich Kuchen backen können würde, selbst dann hätte sie noch immer kein Interesse. Ich meine, wie sonst interpretiert man es, wenn die wenigen Versuche, die man anbringen kann, um Zeit zu verbringen, beständig abgelehnt werden? Gut, sie war viel beschäftigt, das stimmt. Dennoch: Wenn man etwas will, nimmt man sich Zeit dafür. Das ist hier nicht der Fall gewesen. Außerdem war sie aus einem anderen Holz geschnitzt als ich. Ich zog es eher vor der Lebemann zu sein, der dahin ging und das tat, was ihm gerade in den Sinn kam. Wenn es möglich war. Zu dieser Zeit also schlug ich mich als Säblerzüchter und Teehausbetreiber. Und natürlich als Vater. Sie war Novizin, weise, intelligent und erfahren. Das waren wirklich große Kirschen. Groß und prächtig und naja… ich bin einfach kein Bäcker. Was macht man mit so großen Kirschen, wie kommt man an sie ran? Ich wusste es nicht. Und so entschied ich mich dazu diese Kirschen unangetastet zu lassen.

Das äußerte sich dann darin, dass ich mir eine Art Maske überstülpte. Eine, die sonst half mich den Frauen näher zu bringen, da sie es irgendwie „süß“ fanden. Ab und an die einfachere Art an etwas zu kommen. Jetzt aber benutzte ich genau das, um mir jene Kirschen vom Leib zu halten. Wann immer ich konnte, wann immer jemand mit mir sprach, der mich wenig kannte, fing ich an zu stottern und zu stammeln. Unsicherheit war schließlich etwas, was eine solche Novizin nicht gebrauchen konnte. Und ich war mittlerweile sehr gut darin diese Maske zu hegen und zu pflegen. Ich spielte den unerfahrenen Jungen, brabbelte und nuschelte, war nervös und zog, wenn man mich fragte warum, stets die Entschuldigung heran, ich habe ein Problem mit Frauen.

Ich fürchte, wenn man so drüber nachdenkt, wird nicht klar, warum ich das tat. Erstaunlich oft in meinem jungen Leben war es schon vorgekommen, dass ich an ihrer Stelle war. Irgendjemand, den man gar nicht gut kannte, offenbarte sich und man musste diesen dann wegschicken, weil man einfach nicht erwiderte, was einem entgegengebracht wurde. Nicht nur derjenige, der abgewiesen wird, leidet in diesem Moment. Auch der, der abweist, leidet. Er muss jemandem vor den Kopf stoßen, ehrlich sein, obwohl er weiß, dass der andere darunter leiden wird. Und das ist etwas, das ich ihr einfach nicht auch noch aufbürden wollte. Das Leben als Novizin im Tempel, das Leben für das Volk war sicherlich anstrengend genug. Zumindest wenn man den vielen Erzählungen im Teehaus glauben durfte. Warum sollte ich dann noch als Problem dazu kommen? Zumal sie vielleicht irgendwann mal eine derer werden würde, die mir Befehle zubrüllten und mich durch die Gegend schickten. So etwas durfte dann nicht zwischen uns stehen. Und ich war mir sicher, dass mein Herz irgendwann nicht mehr wünschen würde, mit ihr Kuchen zu backen. Es war nur eine Frage der Zeit. „Bis dein Herz verwelkt.“ Ja, Shiranah. Vielleicht ist es dann verwelkt. Aber immerhin habe ich sie nicht leiden lassen.

05.04.2011

 

Eilig zog sich die Elfe die weiße Robe wieder über den Körper, warf einen Blick über ihre Schulter. Orithil packte die Salbe wieder weg, saß noch immer auf dem Bett. Beide hatten nun eine ganze Weile geschwiegen, ihr Bruder war ohnehin nicht gerade gesprächig gewesen. Nachdenklich kaute sie auf der Unterlippe herum, verharrte noch eine Weile. Als er fertig war, hob er den Blick und sah sie an. „Mutter wäre stolz auf dich.“ Seine Stimme war leise, gebrochen. Anorien legte den Kopf schief, sah ihn fragend an. „Vielleicht.“ – „Du bist in ihre Fußstapfen getreten. Sie wäre stolz. Und Vater auch.“ Sie grübelte kurz, dann robbte sie auf dem Bett an ihn heran, schlang die Arme um seinen Oberkörper und drückte sich an seine Brust. „Bist du es denn?“ Er lächelte, zwar matt, aber ehrlich. „Natürlich Ano. Wie könnte ich nicht?“ Sie hob die Schultern, nuschelte ein „weiß nicht.“ an seine Brust. Seufzend erwiderte der weißhaarige Elf die Umarmung seiner Schwester, drückte sie für einen kurzen Moment ungewöhnlich fest an sich. Ein Seufzen war es auch, das sie ihm jetzt entgegenbrachte, als sie sich neben ihm aufsetzte, ein Bein vom Bett baumelnd, das andere angewinkelt vor sich abgelegt. „Was ist los? Hab ich was Falsches gemacht?“ Kurz irritiert blickte ihr der Elf entgegen, kratzte sich dann an der Wange. „Nein… Nein. Es ist nur… hum… ach je.“ Er schüttelte den Kopf. „Yshiel ist wieder da. Aber ich glaube nur kurz.“ Anorien nickte. „Das tut mir leid. Habt ihr denn ein wenig Zeit miteinander verbracht?“ – „Naja, sie war beim Teehaus. Und kurz danach noch hier. Aber… sie musste zum Tempel. Und ehrlich gesagt… hum…. Ich glaube nicht, dass ich es ausgehalten hätte mehr... hum… Zeit mit ihr zu verbringen.“ Die letzten Worte Orithils waren fast nur noch ein Flüstern gewesen. Anorien wusste, warum er sich so fühlte. Zum einen hatte sie es selbst kennen gelernt, wenn sich ein geliebtes Wesen nicht mehr blicken ließ und urplötzlch wieder da stand, zum anderen weil sie sein „Glück“ in solchen Dingen kannte. „Was hat sie dir erzählt?“ Geknickt sah er sie an, schwieg erst einmal. „Sie war beim Hyjal helfen. Und es tut ihr leid, dass sie keine Nachricht geschickt hat.“ – „Aber… das ist nichts schlechtes… erstmal. Hum?“ – „Nein, erstmal nicht… ach… du… hum… weißt du, es fühlt sich an wie… wie… hum…“ Doch weiter kam er nicht. Anorien verstand nur zu gut, was er ihr sagen wollte. Innig umarmte sie ihn, schlang die Beine um den anderen Körper und drückte sich an ihn. Viel zu oft hatte er es durchmachen müssen. Und jedes Mal hatte er auf diejenige gewartet und wurde letztlich immer im Stich gelassen. Einmal nur, das wünschte Anorien sich, sollte es noch geschehen, dass jemand es wirklich ernst mit ihm meinte. Genauso ernst, wie Mortisha es gemeint hatte, als sie den Bund mit ihm eingegangen war. „Anarya und ich werden immer bei dir sein, Orithil.“ Ein kurzes, trauriges Lächeln schob sich über sein Gesicht, ehe sie fortsetzte. „.. und Isilya auch. Ganz bestimmt.“ Energisch aufmunternd lächelte die kurzhaarige Elfe, stubbste ihrem Bruder die Nase. „Ja…. Ja, ich weiß. Und ich bin dankbar dafür. Hum…“ – „Krähenflugs bringt keiner auseinander.“ – „Ja… ich weiß. Aber weißt du…“ – „Weil wir eine Familie sind! Und zwar eine tolle.“ – „Hum… weißt du ich würde gern…“ – „Eine kleine! Aber eine tolle!“ Leise lachte Orithil auf, drückte sie fest an sich. „Ja. Eine kleine, tolle Familie. Du hast recht, was beschwere ich mich. Ich habe alles.“ Zufrieden nickten sich beide zu, zwinkerten, bis er ihr das kurze, weiße Haar wuschelte. „So, und nun erzähle. Was willst du tun, jetzt, wo du wieder siehst?“ Anorien zuckte mit den Schultern. „Was weiß ich… spazieren gehen? Uh.. warte! Ich muss mir Bran GANZ genau angucken. Hab ich nämlich nicht getan, seitdem er wieder da ist. Und dann muss ich Bogenschießen üben. Und da hilfst du mir dabei. Und dann muss ich mit Seth noch üben. Hilfst du mir? Bitte Orithil, bitte hilf mir! Bitte, ja?“ Schmunzelnd nickte er. „Er soll also dein Kampfgefährte werden?“ – „Genau.“ – „Gut. Hum… wenn wir viel üben… zwei Wochen, bis du losziehen kannst und zwei Monate, bis wir fertig sind.“ Er nickte. Freudestrahlend lachte Anorien ihren Bruder an. „Versprochen!“

26.07.2010

 

Dunkelheit.... und Schmerz... mehr fühle ich nicht mehr...

Was ist das? uhm... Illusion... ein Mann, er sieht aus wie ich... er spielt, mit einem Mädchen... der Ball rollt ihr zu.. ihr silbernes Haar wiegt im leichten Wind hin und her, genauso wie seines. Sie ist zierlich und ständig am lachen. Von hinten kommt ein Bär, aber die beiden scheint es nicht zu stören. Verständlich, er trägt die Abzeichen der Druiden...

Ah, Dunkelheit... und Schmerz... das Bild verschwimmt...

Rot... Ich habe Angst... Was ist das da vorn? Der Baum.. das Haus... eine Frau mit Kind im Arm. Ich kenne sie... es ist Mortisha.. mit meinem Sohn. Was ist im Haus? Ich höre ein Wimmern... Das Mädchen, es ist blutüberströmt und weint... Ich hebe sie hoch, sie klammert sich an mich. Ich drehe mich um, sehe Mortisha an... und gehe.

hrm... Wieder Dunkelheit... wieder Schmerz... wann endet diese Folter?

Ah.. der Wald. beruhigend.. das Eschental, ein schöner Ort. Ich renne mit zwei anderen... das vor uns werden wohl Orks sein.. oder Trolle? Ah, es ist so schweirig etwas zu sehen... Ich trage Uniform, Anarya ist an meiner Seite und bestätigt ihren Befehl mit einem energischen Knurren. Ein gutes Tier... Weiß wie der Schnee aus ihrer Heimat. Sie ist brav und gelehrig, hat aber genug Eigensinn um ihre Lage einschätzen zu können. Kräftig zeichnen sich ihre Muskeln unter dem seidig weichen Fell ab...

Ah.... dieser verdammte Schmerz! Ich bringe ihn um, diesen dämlichen.. versifften.... Hrm... Wer bin ich? Warum schnüre ich einem Akolyten den Hals ab? Was soll das Ganze? Kaldorei stehen nach dem Tod nicht wieder auf... Aber wie sehe ich aus? Ich trage Plattenrüstung... und dieser Schmerz ist unerträglich.. Wo ist die Klinge? Da hinten. Werfen wir den Akolyten weg, er hat eh seinen letzten Atemzug getan... Und es wird nicht der letzte sein, der durch meine Hand stirbt. Ah, diese Klinge.. Wie abrupt solcher Schmerz aufhören kann... Ah, sieh mal da... meine Felindra.. im Käfig... nana, wie hat sie das denn hinbekommen? Uhm, der Akolyt wird sicherlich einen Schlüssel gehabt haben. Ja richtig, hier ist er. So, meine Schöne, raus mit dir. Du bist frei! Komm mit, wir sehen mal nach, an wievielen wir unsere neuen Gelüste ausleben können. Rennen bringt mich nicht mehr außer Atem, welch Wohlgefühl. Die Klinge auf dem Rücken bringt Ruhe und Gelassenheit, ich sehe die Angst in den Augen meiner Feinde. Eine Wonne, ihnen das Blut zu entreißen! Weiter, nur nicht warten, da hinten ist Licht! ein Balkon...

Die Sonne strahlt auf mich hinab, einen Kaldorei in dunklem Gewand mit blutigen Händen, das Gesicht umrahmt von langem seidigen und weißen Haar. Der Körper überseäht mit Schrammen, der Kopf voll mit Erinnerungen, die wieder entdeckt werden wollen. Und vor mir liegt die Welt im Sonnenlicht. Sanfte Hügelketten steigen zu Bergen an, die sich im Himmel über mir verlieren. Keine Wolke zeigt sich auf diesem wundervollen blauen Zelt... oh, Elune, auch wenn es dir ein Frevel sein sollte, dass ich zu dir spreche... Ich danke dir, dass mein Leben noch nicht vorbei ist, dass ich eine zweite Chance bekomme, meine Fehler nicht mehr zu begehen und weiter zu lernen. Ich sehe und lerne, das Leben ist mehr, als der kurze Teil Erinnerungen, den man mit sich trägt. Es geht nach uns weiter und begann schon lange vor uns. Wo wird es mich dieses Mal hinführen?